Bewertung: 6
Robert Zemeckis

Flight

"Nobody could've landed that plane like I did."

Foto: Copyright: 2013 STUDIOCANAL GmbH
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Inhalt

Whip Whitaker (Denzel Washington) ist ein in die Jahre gekommener Pilot, der auf wundersame Weise ein Flugzeug auf einem freien Feld landen kann, nachdem dieses in der Luft fluguntüchtig geworden ist. Whip wird zum Helden, der nahezu alle Menschenleben retten konnte, ein Kunststück, das kein anderer Pilot hätte vollbringen können, wie spätere Versuche zeigen. Während er sich vor Anfragen von TV-Sendern kaum retten kann, werden Untersuchungen darüber angestellt, wie ein derartiger Crash passieren konnte und was im Flugzeug währenddessen wirklich geschah. Dabei tritt Whips Alkohol- und Drogensucht zu Tage, die längst nicht nur auf seinen Beruf Auswirkungen hat.

Kritik

Die Anzahl der Filme, die eine Hauptperson zum Inhalt haben, die am absoluten Minimum angekommen durch die Hilfe anderer Figuren (oder manchmal auch sich selbst) aufsteigt wie Phönix aus der Asche und zu einem besseren Menschen wird, der Gutes tut, ist mittlerweile derart groß, dass sie unmöglich zu zählen ist. In den USA ist danach ein eigenes Genre benannt worden, der "redemption film". Diese Art von Filmen ist insbesondere für eines gut: Dem Hauptdarsteller alle Facetten seines Schauspiels abzuverlangen, was nicht selten zu einem wahren Awardregen führt. "Flight", das neue Drama von "Forrest Gump"- und "Zurück in die Zukunft"-Regisseur Robert Zemeckis und sein erstes Werk seit 2000 ohne 3D-Animationen wie "Der Polarexpress", "Disneys Eine Weihnachtsgeschichte" oder "Die Legende von Beowulf", könnte man auf diese Erfolgsformel reduzieren, wenn man gemein wäre. Jedoch fällt hier die "redemption", also die vermeintliche Erlösung und Selbstreinigung des Hauptcharakters, in ihrer Intensität deutlich geringer und auch weniger kitschig aus, als dies bei zahlreichen Genrevertretern der Fall ist.

Dazu kommt, dass Denzel Washington so unverschämt gut spielt, dass man "Flight" wohl auch gut genießen könnte, wenn der Rest weniger stimmig wäre. Von Hybris zerfressene Figuren darzustellen, die nicht zur Selbstreflexion fähig sind, das kann Washington einfach und hat dies in vergangenen Filmen (u.a. durchaus eindrucksvoll in "Training Day") auch immer wieder bewiesen. Ob er nun ein korrupter Polizist oder ein Gangsterboss oder gar ein Pilot wie im vorliegenden Fall ist - an der grundsätzlichen Ausrichtung des Schauspiels ändert sich interessanterweise kaum etwas. Doch das für ihn in dieser Form geradezu typische Rollenmuster genügt hier nicht, und so wird insbesondere seine geradezu empfindsame und gebrechliche Mimik in der zweiten Hälfte zu dem großen Pluspunkt des Films. Whip Whitaker wird erst spät bewusst, wie sein Umfeld ihn wahrnimmt, sodass für ihn beispielsweise absolut unverständlich ist, wieso seine Exfrau und sein Sohn nichts mit ihm zu tun haben wollen. Doch es ist mitnichten so, dass sich von einem auf den anderen Tag wie von magischer Hand ein Schalter umlegt und Whip ein besserer Mensch ist. Die Wandlung, die er durchmacht, ist insbesondere deshalb so glaubwürdig, weil Washington auch imstande ist, die Grautöne in den Emotionen abzubilden, und weil den Rückschlägen und der charakterlichen Veränderung endlich mal die nötige Zeit zugesprochen wird. "Flight" ist Denzel Washingtons Film vom Anfang bis zum Ende. Man muss wirklich lange zurückdenken, um ein derart komplexes Schauspiel Washingtons zu finden, besser als "Training Day" oder "American Gangster" und für ersteres wurde er bekanntermaßen mit einem Oscar ausgezeichnet.

Während alles, das mit Washington zu tun hat, zu überzeugen weiß, fallen die Nebencharaktere etwas ab. Lediglich Don Cheadle als Whips Anwalt ist es vergönnt, einmal wieder auf sich aufmerksam zu machen. Der große Schwachpunkt des Films jedoch ist die Storyline rund um Nicole. Erst fügt sich ihre Geschichte nicht so recht in das Geschehen rund um Whip und man kann damit nichts anfangen. Als die Handlungsfäden dann zusammen laufen, ist sie nicht mehr als die neue Freundin Whips, die im Anschluss kaum noch thematisiert wird. Selbstverständlich wäre es zu einfach (und schlichtweg wahnsinnig kitisch), sie auf die Schnelle als diejenige zu etablieren, die ihn sofort dazu bringt, sein Leben zu ändern, aber ihren allgemeinen Einfluss deutlicher herauszustellen hätte schon drin sein müssen. Denn so fragt man sich zwangsläufig, wieso man eigentlich ihrer Vorgeschichte (u.a. mit Drogensucht) folgen musste, wenn diese für den weiteren Verlauf der Story im Grunde irrelevant ist.

Andere Schauspieler, die eigentlich immer dazu gut sind, ihren Stempel aufzudrücken, sind entweder kaum präsent (Melissa Leo als Ellen Block) oder komplett unglaubwürdig (John Goodman als Harling Mays), auch wenn letzterer das wahrscheinlich beste Zitat des Filmjahres 2013 lieferte ("Oh! Oh, almost forgot - I got you some stroke mags. Been in the hospital, know what you need. 'Got Juggs', 'Hot Milfs' and 'Eat Ass Masters'. You just stroke it all day - you're a hero. If I was you, I'd just lay here, pulling on that thing all day long."). Ohnehin muss man sich manchmal fragen, ob Zemeckis gut daran tut, Elemente in seinen Film einzubauen, die sich nicht so recht zu einem harmonischen Ganzen zusammenfügen wollen. Ein Charakter wie Harling Mays, der direkt aus einem Kuriositätenkabinett entsprungen ist, ist da nur die Spitze des Eisbergs. Viel schlimmer ist, wie man unter anderem durch ihn versucht, Witz in einen Film zu bringen, der eben diesen eigentlich gar nicht gebrauchen kann. Auch der Soundtrack ist geprägt von wenig passenden Musikstücken, die die Stimmung des Zuschauers manchmal wirklich stören. Derartige handwerkliche (und vor allem leicht vermeidbare) Fehler ist man von jemandem wie Zemeckis nun wirklich nicht gewohnt.

Fazit

Denzel Washington ist von der ersten bis zur letzten Minute derart dominant, dass schwache Nebenstories oder -charaktere kaum auffallen. So ist "Flight" alles in allem eine durchaus sehenswerte Charakterstudie geworden, die aber mit vergleichsweise geringem Aufwand auch den großen Wurf hätte versuchen können und so leider viel Potential verschenkt.

Andreas K. - myFanbase
13.01.2013

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