Bewertung: 8

Review: #6.03 Lieber Gott

Foto: Matt Czuchry, Good Wife - Copyright: Paramount Pictures
Matt Czuchry, Good Wife
© Paramount Pictures

Eine neue Folge "Good Wife", in der wieder allerhand los war. Unglaublich, wie es den Autoren gelingt, derart viele Geschichten und Informationen in nicht einmal 45 Minuten zu packen! Dabei sind wir doch erst in der dritten Folge der neuen Season!

Den Fall der Woche, der durchaus seine Momente hatte und auf den ich später noch eingehen werde, hätte es meines Erachtens eigentlich gar nicht gebraucht. Aber zu einer Serie mit und über Anwälte gehören nun mal auch Rechtsfälle, daher kann ich die Entscheidung durchaus verstehen, in diese Episode auch einen Fall mit einzubeziehen. "Einbeziehen" ist allerdings der falsche Ausdruck dafür, denn die ganze Folge bestach durch einen grandiosen Erzählaufbau, durch den es überhaupt erst gelang, nicht nur viele verschiedene Charaktere einzubinden, sondern auch durch teilweise nur sehr kurze Ein- und Rückblicke eine Vielzahl und Handlungen voranzubringen. Hierfür wurde vor allem Carys Vorverhandlungsbeamtin und deren Interview-Szenen mit ihm, Alicia und Diane genutzt. Das Frage- und Antwortspiel war ein geschickt gewähltes Element, durch das die gegebenen Antworten mit der tatsächlichen Realität verglichen wurden, denn anhand von gekonnt eingewobenen, kurzen Rückblickschnipsel zeigte sich, dass sich die Wirklichkeit ganz anders darstellte. Diese Szenen gaben uns einen aufschlussreichen Einblick über die aktuelle Lage bei Florrick/Agos nach Carys Haftentlassung und dem Einstieg von Diane und den ihr gefolgten Mitarbeitern.

In der Kanzlei versucht Diane ihre Wünsche und Visionen nicht nur durch die Unterstützung von ihrem Team, sondern auch durch finanzielle Mittel durchzusetzen, denn gerade Letztere sollen nur im Gegenzug für ein entsprechendes Mitspracherecht in der Kanzlei zur Verfügung gestellt werden. Das ist natürlich ein geschickter Schachzug, denn die frisch gegründete Kanzlei hat Geldnöte, wodurch eine Wahlmöglichkeit in dem Sinne dann auch gar nicht besteht. Das stößt natürlich auf großes Missfallen bei Cary, der von Anfang an dem Beitritt von Diane skeptisch gegenüber stand, aber von den Partnern überstimmt wurde. Sein Status in der Kanzlei hat sich durch seine Verhaftung sowieso schon nicht verbessert, schließlich wollen einige seiner Klienten nicht mehr von ihm vertreten werden.

Gerade diese vielen, kleinen Szenen, die durch ihre Subtilität die Situation der Protagonisten offenbarte, waren hochinteressant. Allein dieser Status quo birgt derzeit so viel an Potential, dass es wohl schon bald zur Eskalation der verschiedenen Interessen in der Kanzlei kommen könnte und sehr wahrscheinlich auch wird, worauf ich schon sehr gespannt bin.

Ebenfalls sehr gelungen empfand ich die Einbindung von der schon lange nicht mehr aufgetauchten Grace in die Handlung um den Fall der Woche, dessen Thematik wieder recht kurios war. Das christliche Schiedsgericht wusste jedenfalls bestens zu unterhalten. Die Anwälte scheiterten zunächst mit ihren üblichen Rechtsmitteln am Schiedsrichter und schlugen sich dann die Bibelzitate zur Argumentation um die Ohren, wobei diese Situationskomik durch die gegenseitig zugeworfene Blicke noch unterstützt wurde. Dieser feinsinnige Humor steht "Good Wife" zudem auch viel besser, als der doch recht brachiale, Slapstick-artige Humor aus der vorangegangen Folge mit den Umbauarbeiten und mit Gunter in der Kanzlei. Aber zurück zu Grace: Als Alicia nicht mehr weiter wusste, war es eine gute Idee der Autoren, sie Grace in Sachen Religion und Bibelfragen um Hilfe bitten zu lassen. Die religiöse Neigung von Grace fühlte sich in früheren Folgen doch immer etwas aufgesetzt und fremd an, aber wusste hier durch die Verflechtung mit dem Schiedsgericht zu überzeugen und führte zugleich zu einem schönen Mutter-Tochter-Moment, die zuletzt doch etwas kurz kamen.

Während der Fall an sich für mich letztendlich nur eine untergeordnete Rolle spielte, gelang es durch diesen jedoch, dem neu eingeführten Anwalt Dean etwas mehr Profil zu verleihen. Es scheint, als würde der Charakter von Taye Diggs in Zukunft doch eine größere Rolle in der Serie einnehmen. Da sind dann Charaktermomente einfach unglaublich wichtig, um dem Zuschauer eine Bindung zu der Rolle zu ermöglichen. Ich bin mir, wie zuvor schon bei Damian Boyle in der fünften Staffel, zwar immer noch nicht so sicher, ob es diese zusätzliche Rolle noch gebraucht hätte, aber diesbezüglich will ich mir noch kein abschließendes Urteil erlauben. Wer mich allerdings auch beim wiederholten Auftritt nicht wirklich zu überzeugen konnte, ist der Anwalt Carter Schmidt, dem meines Erachtens immer noch die Ecken und Kanten fehlen, die die anderen Figuren der Serie in der Regel ausmachen. Die Autoren sollten dringend noch daran arbeiten, wenn sie Carter weitere Auftritte ermöglichen wollen.

Mit gleich beiden dieser Handlungsstränge war Alicia verbunden. Auch an dieser Stelle mein Kompliment an die Autoren, denen diese Verknüpfung hervorragend gelungen ist! Alicias Kandidatur zur Bezirksstaatsanwältin scheint nun tatsächlich unmittelbar bevorzustehen. Mal abgesehen davon, dass mir persönlich diese Aussicht immer noch nicht so recht gefällt, muss ich aber zugeben, dass die Entwicklung dieser Geschichte über die vergangenen drei Folgen hinweg einfach gut inszeniert wurde. Hauptsächlich liegt das an Eli, der mit seiner Unschuldsnummer und geschickten personellen Schachzügen die Fäden in der Hand hält und nun kurz vor dem Erreichen seines Ziels steht. Für Alicia wird die zu Beginn völlig absurde Vorstellung der Kandidatur also zunehmend denkbar. Dabei ist es auch sehr interessant zu sehen, wie sie trotz vollen Bewusstseins über Elis Rolle, dennoch Gefallen an der Sache findet. Aber neben dem Zuspruch durch Umfrageergebnisse und der persönlichen Fürsprache der Frauenrechtlerin Gloria Steinem (die ich zugegebenermaßen erst einmal googeln musste – dem internationalen Zuschauer und in weiten Teilen vielleicht auch dem US-Publikum wird hier doch einiges an Kenntnis abverlangt) ist es sicherlich auch die persönliche Vendetta gegen James Castro, die sie dazu verleitet hat, ihre Meinung zu ändern. Castro agierte mit seiner Drohung in Sachen Will gegenüber Alicia auch wieder einmal derart widerlich, dass es mir schon kalt den Rücken herunterlief. Auf diese Weise gibt er natürlich einen ganz hervorragenden Antagonisten ab. Der Wahlkampf, der nun unvermeidlich erscheint, wird sicherlich nicht ohne Schmutzkampagne von Seiten Castros geführt werden.

Zum Schluss will ich aber auch noch Matt Czuchry ein großes Lob aussprechen. Das Mehr an Screentime hat er sich schon lange verdient und er dankt dies mit einer tollen Performance in den drei Folgen der neuen Staffel. Die Erleichterung, die Cary verspürte, nachdem er erfahren hatte, dass der Hauptzeuge verschwunden ist, war nahezu fühl- und greifbar und steht hier nur symbolisch für Matts Leistung in dieser Episode. Aber auch wenn eine Rückkehr von Cary in die Haft vorerst abgewendet ist, wird dieser Fall uns sicher noch eine ganze Weile begleiten. Ich freue mich schon drauf!

Fazit

"Good Wife" ist weiter auf dem Höhenflug. Uns wurde eine in vielerlei Hinsicht starke Folge geboten, die trotz zahlreicher Handlungsstränge eine unglaublich erzählerische Dichte hatte und dabei sehr geschickt inszeniert wurde. Da passte nahezu jedes Detail. Leider kann ich mich immer noch nicht so ganz mit der Alicias Kandidatur anfreunden, auch wenn sich diese Geschichte bislang alles andere als schlecht entwickelt. Es reicht zwar noch nicht ganz zur Höchstpunktzahl, aber auch die acht Punkte unterstreichen das aktuell hohe Niveau der Serie. Bitte weiter so.

Jan H. – myfanbase

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