Bewertung: 8

Review: #4.20 Anonymous

Foto: Christine Baranski, Good Wife - Copyright: Paramount Pictures
Christine Baranski, Good Wife
© Paramount Pictures

Alicia und Diane stehen beide vor schwierigen Entscheidungen, die im Grunde jeweils mit Will zu tun haben, während uns im Fall der Woche um eine Vergewaltigung einmal mehr die irrsinnigen Fallstricke des Rechtsystems vor Augen geführt werden.

"I don't care if they put me in jail, Todd Bratcher RAPED me."

Der Fall um Rainey, eine Schülerin, die einen von einem staatlichen Gericht bereits freigesprochenen Mitschüler der Vergewaltigung vor einem Zivilgericht bezichtigt, ist mal wieder ein mustergültiges Beispiel, wie ungerecht unser und in diesem speziellen Fall das amerikanische Rechtssystem sein kann. Die nach und nach der Verteidigung um Will und Alica zugespielten Indizienbeweise - inklusive des finalen Puzzleteils in Form eines auf Video aufgezeichneten Geständnisses des Täters vor der Polizei - sprechen eindeutig für Raineys Behauptung. Doch durch die Art und Weise, wie die Verteidigung an die Beweise gelangt ist, wird deren rechtmäßiger Einsatz vor Gericht durch die Gesetzlage immer wieder ausgehebelt. Als Zuschauer verzweifelt man förmlich, dass dem jungen Vergewaltigungsopfer trotz der zunehmend erdrückenden Beweislast keine Gerechtigkeit widerfährt.

Man vergibt Rainey daher auch sehr schnell, dass sie die Vereinbarung zum öffentlichen Stillschweigen während des laufenden Prozesses mit ihrem Tweet gebrochen hat. Es ist wirklich bewundernswert zu sehen, wie stark sie trotz ihres noch jungen Alters ist. Sie beharrt vor Gericht auf ihrer freien Meinungsäußerung, nimmt Wills Verweis auf ihr Schweigerecht nicht in Anspruch und kommt dafür ins Gefängnis, weil sie sich für ihren Tweet nicht bei Todd entschuldigt. Spätestens hier zeigt sich durch das Festhalten an der eigenen Meinung und der Bereitschaft zur Haft, dass dieses Mädchen wohl tatsächlich Opfer einer Vergewaltigung wurde. Sie will gegenüber ihrem Peiniger keine Entschuldigung aussprechen, was in ihrer Situation ja wohl mehr als verständlich ist. Erschreckend ist an diesem Fall auch, welche Meinungsbilder heute immer noch bezüglich Vergewaltigungen vorherrschen und leider auch geäußert werden dürfen. Die aufgetauchten Ausführungen des als Zeugen aussagenden Arztes, dass Frauen durch eine Vergewaltigung nicht schwanger werden können, sind einfach nur haarsträubend. Es ist daher wirklich mehr als lobenswert, dass solchen gesellschaftskritischen und ethischen Themen in der Serie immer wieder eine Plattform geboten wird.

Außerdem gefällt mir gut, wie die Autoren die Auflösung der Frage, wer z.B. die zuvor erwähnten Beweise an Zach und Grace geschickt hat, letztendlich im Unklaren lassen. Hier kommen eine Reihe von Personen in Frage, z.B. die Aktivisten der Anonymous-Bewegung, die den Prozess auch im Gerichtssaal mit Aktionen begleiten. Aber auch ein alter Bekannter, Jason Biggs alias Dylan Stack (Mr. Bitcoin aus #3.13), scheint als Sympathisant der Anonymous-Gruppierung irgendwie in die Sache verwickelt zu sein. Alicia ist sogar bis zum Ende der Folge der Überzeugung, dass Stack hinter den Aktionen steckte, weil es ihm Freude bereiten würde, solche Situationen zu kreieren.

Für mich völlig überraschend ist dann die Szene kurz vor Schluss, in der es tatsächlich Kalinda ist, die durch den anonymen Video-Upload der polizeilichen Befragung von Todd den Freispruch von Rainey indirekt erwirken kann. Man könnte daraus natürlich schließen, dass Kalinda auch die anderen Indizien gestreut bzw. daran zumindest mitgewirkt hat. Aber letztendlich haben wir sie nur im Gespräch mit ihrem Polizeikontakt auch wirklich gesehen und ich bin der Meinung, dass sie daher lediglich an der letzten Aktion aktiv beteiligt war. Auf jeden Fall kann Kalinda durch ihre Aktion Pluspunkte bei mir sammeln, die sie nach der wirklich schlechten Storyline um ihren Ex-Mann in der ersten Staffelhälfte immer noch gut gebrauchen kann.

"I am here to tell you that the law is a mountain."

Spannend ist aktuell die Entwicklung um Diane zu verfolgen. Sah es zu Beginn der Episode noch so aus, als würde ihr Weg zum Illinois Supreme Court an ihrer Beziehung zu McVeigh scheitern, so offenbart sich im Folgenverlauf für Diane und auch uns Zuschauer überraschend, dass es dem Gericht gar nicht um ihren zukünftigen Ehemann geht, sondern um Will. Die Geschichte um seine Suspension ist also weiterhin ein Thema, das erneut zu Problemen führt und zu Dianes Stolperstein auf dem Aufstieg zum Gipfel der Rechtsprechung (um im sprachlichen Bild des obersten Richters zu bleiben) werden könnte.

Es wird nun mehr als interessant zu sehen sein, welches Verhalten Diane gegenüber Will an den Tag legen wird. Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass sie ihren jahrelangen Kanzlei-Partner und Vertrauten wirklich fallen lassen wird. Vielleicht bietet ihr der ohnehin von den Partnern geforderte Ausstieg aus der Kanzlei ein Schlupfloch. Einmal mehr ist es hier der streitsüchtige David Lee, der Dianes Loyalität im Konflikt zwischen Kanzlei und Gericht ketzerisch in Frage stellt. Mit einem selbst gewählten Rücktritt könnte Diane zumindest auf geschäftlicher Ebene somit die Partnerschaft mit Will offiziell und schadlos beenden. Ihre Freundschaft bliebe dann auf privater Ebene davon unangetastet. Was auch immer hier die Zukunft bringen wird, Diane als Richterin am Supreme Court würde ich mir sehr gerne ansehen. Ich bin jedoch noch skeptisch, ob die Autoren diesen Schritt wirklich wagen werden, denn die Screentime von Diane dürfte damit doch geringer als bisher ausfallen. Zumindest fehlt mir hier gerade die Vorstellung einer sinnvollen, auf wöchentlicher Basis gezeigten Handlung. Aber solange Peter die Wahl noch nicht gewonnen hat, ist das ohnehin reine Spekulation.

"You can get me fired with just one word. But you and I are the new Will and Diane."

Eine schwierige Beziehung zu Will hat auch weiterhin Alicia und das in zweierlei Hinsicht. Man kann Alicia förmlich ansehen, wie sehr es ihr immer noch schwerfällt, sich der Anziehungskraft von Will zu widersetzen. Der Moment des Schweigens in der gemeinsamen Szene im Büro zeigt wie sichtlich unsicher sie sich ihrer Gefühle für ihn in seiner Gegenwart ist. Letztendlich kann sie dieser Lage nur mit der fluchtartigen Beendigung des Gesprächs entkommen. Trotzdem hält sie auf dem Flur noch einmal kurz inne, um Will zu beobachten. Eine weitere, ähnliche Situation erleben wir zudem am Ende der Folge, als sie Will bei der Umarmung mit der gerade entlassenen Rainey sieht. Auch in ihrem Gespräch mit Grace über Gebete ging es ihr sicher nicht nur um den Fall, sondern eben auch um ihr Privatleben und die ungeklärte Beziehung zu Will.

Alicias Situation vereinfacht sich auch nicht, als sie mit Hilfe von Robyn bestätigt sieht, dass Cary mit einigen Kollegen Lockhart & Gardner verlassen will, um eine eigene Kanzlei zu gründen. In ihrer neuen Rolle als Partner der Kanzlei sollte sie Will und Diane eigentlich von dieser Entwicklung erzählen. Schließlich ist davon auszugehen, dass Cary auch einige Klienten abwerben und damit der Kanzlei schaden könnte. Doch es zeigt sich einmal mehr, wie sehr Alicia sich noch nicht mit ihrer neuen Partner-Rolle arrangieren kann. Darüber hinaus hat sie mit Cary inzwischen ein über die Arbeit hinausgehendes, fast schon freundschaftliches Verhältnis aufbauen können. Da verwundert es dann auch nicht, dass sie Carys Angebot, mit ihm zusammen die neue Kanzlei zu gründen und die "neuen Will und Diane" zu werden, nicht sofort ausschlägt und darüber nachdenken will. Ich kann mir gut vorstellen, dass Alicia dies auch als eine Möglichkeit ansieht, Will aus dem Weg gehen zu können. Ein schwieriges Dilemma, in dem Alicia sich hier befindet.

Im Moment würde mich diese Entwicklung um eine mögliche Abspaltung von Lockhart & Gardner sogar noch mehr interessieren, als Diane als Richterin am Illinois Supreme Court zu erleben. Sollten tatsächlich beide Fälle eintreffen, muss ich den Autoren allerdings schon jetzt ein Lob aussprechen, dass sie den Status quo der Serie im dann fünften Serienjahr noch einmal so drastisch verändern würden.

Zum Schluss will ich noch kurz auf zwei Dinge eingehen, die in dieser Episode eher am Rande stattgefunden haben. Robyn ist meines Erachtens eine wirklich gute Bereicherung des Casts. Ihre unkonventionelle und leicht tollpatschige Art ist doch sehr erfrischend und durchaus liebenswert. In der Folge erfahren wir, dass sie bzgl. der Angaben zu ihrer Vergangenheit gelogen hat. Aber hat sie hier wirklich nur ihre Vergangenheit etwas aufregender dargestellt, weil ihr Leben bislang so ereignislos verlief oder hat Robyn doch noch etwas zu verbergen? Ich bin gespannt, was die Serienschreiber uns bezüglich ihres Charakters noch präsentieren werden.

Die andere Sache betrifft das Verhältnis von Cary und Kalinda. Zuletzt gab es immer wieder kleine Andeutungen, dass die beiden etwas miteinander am Laufen haben. Auch in dieser Folge entstand durchaus wieder der Eindruck, denn Cary hatte Kalinda offenbar bereits in seine Kanzlei-Pläne eingeweiht. Doch nun glaubt er, sie hätte darüber mit Alicia gesprochen und ihn damit verraten. Es scheint der sonst so toughen Kalinda jedoch nicht egal zu sein, dass Cary an ihrer Loyalität zweifelt.

Fazit

Eine rundum gelungene Folge mit einem spannenden und brisanten Fall, trotz oder gerade wegen der zum Teil ungeklärten Fragen, was die gestreuten Indizienbeweise angeht. Carys Kanzlei-Pläne inklusive seinem Angebot an Alicia, sowie die Handlung um Diane auf ihrem Weg zur Richterin machen die Episode auch in den Handlungen außerhalb des Gerichtssaals so sehenswert. Die Rahmenhandlung nimmt damit in Richtung des bevorstehenden Staffelfinales kräftig an Fahrt auf.

Jan H. - myFanbase

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