Bewertung
Charles Shyer

The Noel Diary

Foto: Justin Hartley, The Noel Diary - Copyright: 2022 Netflix, Inc.
Justin Hartley, The Noel Diary
© 2022 Netflix, Inc.

Inhalt

Der Bestsellerautor Jacob Turner (Justin Hartley) erfährt kurz vor Weihnachten, dass seine Mutter gestorben ist, trifft es ihn hart, obwohl sie beinahe 20 Jahre keinen Kontakt hatten, denn der frühe Tod seines Bruders Benji hat die Familie auseinandergerissen. Jacob hat seitdem sehr zurückgezogen gelebt, aber nun kehrt er in seine alte Heimatstadt zurück, um dort alles aufzulösen. Als unerwartet Rachel (Barrett Doss) vor seiner Tür steht, deren biologische Mutter etwas mit den Turners zu tun gehabt haben soll, wird Jacob gezwungen, sich mit dem Trauma seiner Kindheit auseinanderzusetzen, während auch Rachel viel über sich und ihre Wurzeln lernt. Zudem wachsen sie auch untereinander immer enger zusammen, indem sie sich gegenseitig emotional unterstützen.

Kritik

Bei Weihnachtsfilmen gibt es ohnehin nie ein 'nein' von mir, wenn aber die beiden Serienstars Justin Hartley ("This Is Us") und Barrett Doss ("Seattle Firefighters - Die jungen Helden") die zentrale Paarung bilden, dann gibt es erst recht kein Halten mehr. Ich fand es auch ansprechend, als man bei "The Noel Diary" recht früh bemerkte, dass es in einem Genre mit doch recht engen 'Vorgaben' eher Marke ungewöhnlich ist. Es spielt zwar unmittelbar vor Weihnachten, die Landschaft ist herrlich winterlich und lädt zum Träumen ein und es ist überall hell erleuchtet und geschmückt, aber ansonsten spielen klassische weihnachtliche Traditionen (bis auf das Schmücken eines Baumes) keine Rolle. Zudem ist augenscheinlich, dass der Inhalt des Films tiefsinnig angelegt ist. Zwar war es etwas lächerlich, dass gleich in der ersten Szene mit Hartleys Aura gespielt wurde, so dass er als gefeiertes Bestsellerautor in Zeitlupe aus dem Auto stieg und sich die coole Sonnenbrille vom Gesicht nahm, aber dieser Eindruck verflüchtigt sich danach schnell wieder, was auch besser ist, denn Jacob ist wahrlich kein Star in dem Sinne. Er ist sehr bescheiden, er ist großzügig und auch wenn er weiß, dass sein Erfolg auf der Hingabe seiner Fans fußt, ist er auch wieder froh, wenn Ruhe einkehrt und er mit seiner Herzensdame Ava, eine Hündin, die Zeit nach seinen Vorstellungen gestalten kann. Mit dem unerwarteten Tod seiner Mutter, die psychisch krank war, wird dann auch früh der schwermütige Teil des Films eingeläutet und es ist klar, es wird gefühlsduselig und eher zum Nachdenken anregen.

Mit diesem Eindruck im Kopf habe ich mich über die Besetzung noch mehr gefreut, denn Hartley hat gerade erst eine Serie, die atmosphärisch "The Noel Diary" ähnelt, abgeschlossen und war darin als Schauspieler oft etwas unterschätzt und Doss wiederum ist für mich in "Seattle Firefighters" ganz klar die charmanteste Darstellerin, die auch gerade dann alle übertrumpft, wenn es emotional herausfordernd wird. Doch ich muss auch leider sagen, dass die Schauspielkunst der beiden trotz meiner Vorrede gar nicht wirklich zur Geltung kam. Ursache ist meiner Meinung nach klar das Drehbuch, sowie die Ästhetik, wie der Film stellenweise gedreht wurde. Diese war nämlich auch nicht immer einheitlich. Der Film hält insgesamt nicht viel von hastigen Schnitten, was ich lobe, denn es passt dann auch zum transportierten Inhalt, dass eine gewisse Ruhe entsteht und dass man sich auch an den Schneelandschaften erfreut, die Jacob und Rachel öfters durchfahren. Zudem wirken die durchaus auch längeren Gespräche oft ungeschnitten, was ich ebenfalls hierfür sehr unterstütze. Dann gibt es aber auch wieder so Momente, in denen ein Gespräch von Jacob und Rachel (hier konkret ging um den Tod des Bruders) einfach tonal abgewürgt wird und dann sieht man sie nur noch, während aus dem Off unpassende Musik kommt. Das hat sich im späteren Verlauf in dieser Art durchaus nochmal wiederholt, aber beim ersten Mal wurde ich schon am deutlichsten stutzig, weil es überhaupt keinen Sinn ergeben hat. Zumal eben auch nicht deutlich wurde, ob hier die Informationen zu den genauen Todesumständen ausgespart wurden (aber warum? Ist doch kein Spannungsthriller!) oder ob es die Tiefsinnigkeit ihrer Gespräche unterstreichen sollte.

Beim Drehbuch war es wiederum so, dass ich den Eindruck hatte, dass es stellenweise wirklich sehr tief ging und das waren ohne Frage die besten Momente des Films. Dann aber wiederum hatte ich auch den Eindruck, dass einiges ausgespart wurde, was den Inhalt in sich schlüssiger und runder gemacht hätte. Das mangelnde Drehbuch hat zwangsweise auch Auswirkungen auf die Charaktere. Ich fand sie schon gut gezeichnet, wie vermutlich auch meine Ausführungen zu Jacob schon gezeigt haben und auch bei Rachel hat sich schnell ein klares Bild ergeben, aber anderes war dann doch widersinnig oder eben so lückenhaft dargestellt, dass mir einzelne Zwischenschritte als Erklärung fehlten. Auch wenn solche Filme in Sachen Liebe immer ordentlich aufs Gaspedal drücken, hat es sich hier viel zu schlagartig ergeben, dass die beiden sich küssten wollten. Zudem Problem dabei: Rachel ist verlobt und betont immer wieder, wie sehr sie die Sicherheit durch Alan (Mike Donovan) zu schätzen weiß. Betrug kommt immer und überall vor, aber es gibt verschiedene Darstellungswege und ich weiß nicht, ob es hier den Charakteren entsprechend gelöst wurde und ob es in einem solchen Film überhaupt so sein muss. Zumal Rachels Begründungen, warum sie nichts zusammen sein können, dann auch so hanebüchen waren, weil sie Jacob vorwarf unzuverlässig zu sein, während wir den ganzen Film über das genaue Gegenteil erlebt haben. Hier wurde mir ein Konflikt zu künstlich heraufbeschworen, der dann auch die Chemie des Paares im erheblichen Maß beeinflusst hat.

Daher nenne ich gerne noch ein paar Argumente, die beide einzelnen zu bewältigen hatten und da hatte Jacob klar die stärkeren Momente. Das Gespräch mit seinem entfremdeten Vater Scott (James Remar) war sicherlich eins der großen Highlights, weil es vorher schon durch die bestehenden Konflikte so aufgeladen war und sich dann eben zeigte, dass Vater und Sohn trotz der jahrelangen emotionalen Schmerzen sofort wieder zueinander fanden. Rachel stand währenddessen übrigens die ganze Zeit draußen in der Kälte und es wurde als völlig normal dargestellt. Wenn sowas dann zwischendurch so extrem ins Auge fällt, dann wird deutlich, dass der Eindruck zwischendurch einfach nicht harmonisch gelungen ist. Auch Jacobs Verhältnis zu seiner Nachbarin Eleanor (Bonnie Bedelia) war sehr erfrischend, da sie klar eine wertvolle Mentorin war und genau im ansprechenden Maß die emotionalen Schubser ihm geben konnte. Rachel wiederum hatte ihre stärksten Momente, wenn sie das Tagebuch ihrer Mutter Noel (Shelby Reitman Renee & Essence Atkins) erkundete und man richtig bemerkte, wie viel es ihr gegeben hat, sie durch ihre Worte kennenzulernen und sich so ein Bild zu machen. Insgesamt fand ich es auch schön, dass die Wortebene so betont wurde, denn damit verdient Jacob schon sein Geld und durch das Tagebuch gibt es die zusätzliche Ebene, was unterstreicht, welches Gewicht Worte haben und wie viel sie über den Schreiberling verraten. Ein großer Makel ist aber, dass wir nie Zeugen werden, wie Mutter und Tochter dann auch aufeinander treffen. Letztlich endet mir der Film auch zu abrupt. Es ist zwar versöhnlich und positiv, aber auserzählt wirkte es dennoch nicht.

Fazit

Ich wollte "The Noel Diary" wirklich viel mehr mögen, aber die Makel bei Regie und Drehbuch lassen sich über die Dauer des Films einfach nicht ignorieren. Vielversprechender Cast, sehr, sehr gute einzelne Momente, aber leider insgesamt viel zu holprig, damit ließ sich der Film nicht gut in Gänze genießen und das hinterlässt mich doch enttäuscht.

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Lena Donth - myFanbase
26.11.2022

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