Bewertung: 7
Hernan Jimenez

Love Hard

Foto: Love Hard - Copyright: 2021 Netflix, Inc.
Love Hard
© 2021 Netflix, Inc.

Inhalt

Die hoffnungslose Romantikerin Natalie (Nina Dobrev) aus LA, die dennoch immer Single bleibt, scheint mit Josh aus einer Kleinstadt an der Ostküste ihren Traummann gefunden zu haben. Nachdem sie stundenlang miteinander telefoniert und Nachrichten ausgetauscht haben, beschließt sie, ihn zu Weihnachten zu überraschen. Doch dort zeigt sich, dass Josh (Jimmy O. Yang) tatsächlich ganz anders aussieht und ein Bild von seinem ehemaligen Kumpel Tag (Darren Barnet) genutzt hat. Dieser wohnt aber ebenfalls noch in der Kleinstadt. Deswegen handeln Natalie und Josh einen Deal aus. Sie spielt für die Weihnachtsage seine Freundin für die Familie, die ihn für einen Versager hält und er macht sie mit Tag bekannt.

Kritik

Für den ehemaligen "Vampire Diaries"-Star Nina Dobrev ist es tatsächlich ihr erstes Auftreten in einer Eigenproduktion von Streamingdienst Netflix, was durchaus ein wenig verwundert, da sie alleine aufgrund ihrer Stahlkraft durch die Beteiligung bei einer der erfolgreichsten Vampir-Jugendserien noch heute nahezu der gesamten Hauptzielgruppe ein Begriff sein dürfte. Ihr zur Seite wird Darren Barnet gestellt, was stark an die Präsenz von Noah Centineo in den letzten zwei Jahren erinnert, denn Barnet war für viele eine der großen Entdeckungen in der Jugendserie "Noch nie in meinem Leben ..." und schwupps ist er in "Love Hard" auch in einem Film zu sehen. Der zentrale Hauptcast wird noch von Jimmy O. Yang vervollständigt, der vor allem aus "Silicon Valley" bekannt ist. Aber auch Harry Shum Jr. in der Nebenrolle von Bruder Owen sollte nicht unerwähnt gelassen werden, zumal er ein wenig den Antagonisten darstellt, der völlig selbstverliebt stetig im Mittelpunkt stehen muss und dafür keine Peinlichkeit auslässt. In einer solchen Rolle habe ich Shum Jr. auch noch nicht erlebt und das war definitiv ein Erlebnis.

Gleich zu Beginn der eigentlichen Filmrezension würde ich gerne den für mich zentralen Knackpunkt des Films benennen, der dafür sorgt, dass wir es bei "Love Hard" mit einem guten, aber nicht sehr guten Weihnachtsfilm zu tun haben. Der Film hängt sich vor allem am Catfishing auf, folglich geht es darum, dass der von Yang dargestellte Josh sich mit dem Aussehen von Tag (Barnet) bei einer Dating-App anmeldet, doch als Natalie ihm tatsächlich gegenübersteht, erkennt sie, dass sie reingelegt wurde. Auch wenn ihre Figur nicht als per se oberflächlich dargestellt wird, weil vor allem ihre Enttäuschung, dass sie angelogen wurde, dafür sorgt, dass sie Josh erstmal von sich stößt, wird auch nicht entscheidend genug dagegen gearbeitet. Denn als Natalie den echten Tag kennenlernt, läuft sie ihm dennoch verliebt hinterher, obwohl gleich zu Beginn deutlich wird, dass er nichts von den Eigenschaften aufweist, in die sich Natalie bei Josh schockverliebt hat. Zwischen ihr und Tag werden somit viel Herzchenaugen ausgetauscht, die letztlich doch nur auf Äußerlichkeiten beruhen, weil Natalie ihm eine Person vorspielt, die sie nicht ist, und umgekehrt übersieht, dass er auch nicht der ist, der er für sie sein sollte. Die Chemie zwischen Dobrev und Barnet stimmt aber perfekt, man merkt ihren Figuren an, dass sie sich anziehend finden. Auch wenn Aussehen eben nicht alles ist, so ist die Chemie zwischen den zentralen Hauptdarsteller*innen in einem Liebesfilm nun mal doch entscheidend. Und "Love Hard" tut sich vor lauter Dobrev und Barnet schwer, Ähnliches auch für Dobrev und Yang entstehen zu lassen. Als die beiden sich das erste Mal in echt gegenüberstehen, da ist da kein Funke und relativ schnell, nachdem sie ihren Pakt geschlossen haben, wirken die beiden Figuren auch zunehmend wie Bruder und Schwester oder wie beste Freunde. Und mit diesem Gefühl arbeitet der Film viel zu lange. Wenn Natalie und Josh also später erkennen, dass sie eigentlich füreinander bestimmt sind, da war dieser Schritt für mich als Zuschauerin nicht leicht mitzugehen, auch wenn gerade der Anfang des Films mit all den Gesprächen und Nachrichten durchaus bewiesen haben, dass die beiden zusammengehören.

Ansonsten habe ich mich von dem ersten 2021 veröffentlichten Weihnachtsfilm von Netflix durchgängig gut unterhalten gefühlt. Natürlich sind die Strukturen des Films nicht neu, aber ich fand es dennoch frisch erzählt. Zumal die Handlung sich irgendwie auch in zwei Welten abspielt. Im hippen LA, wo Natalie noch von einem grottigen Date zum nächsten lief und wo so gar keine Weihnachtsstimmung aufkommen wollte. Dafür hatte sie aber ihre Kollegin Kerry (Heather McMahan), die ähnlich wie ihr Boss Lee (Matty Finochio) eine sehr exzentrische Figur ist, aber dennoch hat es irgendwie in diese Geschichte gepasst. Zumal Kerry und Lee total gegensätzlich für das stehen, was Natalie in LA hält und was sie eigentlich hinter sich lassen will. Dann kommen wir nach Lake Placid, in die heimelige Kleinstadt und direkt hat sich ein intensives Weihnachtsgefühl eingestellt. Zwar ist es typisch amerikanisch viel zu viel an Deko, aber das kennt man ja schon, das ist inzwischen also quasi ein Muss. Zudem war es auch nett, dass Joshs Familie asiatische Wurzeln hat (bis auf die von Rebecca Staab gespielte Stiefmutter Barb). Zwar wurde kulturell daraus nichts gemacht, was ich aber nicht schlimm finde, denn umgekehrt wurde damit ja eigentlich eine einwandfrei integrierte Familie gezeigt, die alle klassischen Weihnachtstraditionen übernommen hat. Sei es gemeinsames Baumschmücken oder sei es gemeinsames Singen, der inhaltliche Kontext hat auf jeden Fall genug Stimmung übertragen.

Was für mich am meisten bei "Love Hard" gepasst hat, das war der Humor. Ich bin da eigentlich oft kritisch, weil ich erzwungene Situationen, in denen ich auf jeden Fall lachen muss, oft viel zu künstlich finde. Aber hier hat sich die Komik deutlich natürlicher entwickelt, was natürlich vor allem dem Cast zu verdanken ist. Ich erinnere mich noch gut an Dobrev 2019 in der CBS-Comedyserie "Fam", in der sie in diesem Genre doch noch etwas fehlbesetzt wirkte, zu verzweifelt bemüht, aber in diesem konkreten Fall hat sie für mich einen tollen Job gemacht. Insgesamt muss man auch sagen, dass man Dobrev immer angemerkt hat, dass sie eine Schauspielerin ist, die nicht immer nur schön aussehen muss, sondern die sich einfach von der Rolle treiben lassen kann und das hat sie hier bei Natalie voll angenommen. Denn diese wirkt in ihrer Suche nach Liebe oft verzweifelt und lässt daher kaum ein Fettnäpfchen aus. Das ergibt natürlich situativ, aber auch von den Wortspielen her viel humoristisches Potenzial, das auch ausgenutzt wird. In der Familie Lin tragen aber noch einige andere dazu bei, vor allem natürlich Althea Kaye als Großmutter June, aber auch der bereits erwähnte Shum Jr. als Owen sowie seine etwas dümmlich dargestellte Ehefrau Chelsea (Mikaela Hoover). Bei ihnen wird besonders auf Stereotype gesetzt, aber es war sympathisch, wenn auch für die Figuren selbst eher negativ wirkend, umgesetzt. Aber auch Yang will ich nicht ausnehmen, da er sich oft mit Dobrev in urkomischen Situationen wiederfindet, wo er mit seiner Art irgendwie die Oberhand behalten kann und trotzdem immer einen stoischen Gesichtsausdruck hat, was es aber eigentlich noch lustiger macht.

Inhaltlich finde ich die dargestellte Handlung echt rund, denn wenn man mal davon absieht, dass die Funken zwischen Josh und Natalie nicht immer romantisch genug sind, so war es doch ein Film mit ganz vielen schönen Botschaften und auch mit einigen richtigen Highlightszenen. Und Geschwisterchemie hin oder her die besten Szenen waren trotzdem zwischen Josh und Natalie. Sei es beim Baumschmücken, wo sie erstmals merkt, wie sehr er durch seinen älteren Bruder Owen immer wieder ins Abseits gedrängt wird und sie seiner verletzlichen Gefühle gewahr wird oder wenn er ihr umgekehrt ohne zu fragen beisteht, wenn sie für Tag immer wieder aus ihrer Komfortzone gedrängt wird, aber von ihm mit Worten oder mit dem richtigen Soundtrack geerdet wird und natürlich auch ihr gemeinsames Gesangsstück, wo Josh mal eben den Text von "Baby It's Cold Outside" umdichtet, damit es nicht so nach Vergewaltigung klingt. Hier merkt man einfach, dass die beiden sich seelisch schon längst gefunden haben, wofür die ganzen Telefonate und ausgetauschten Nachrichten schon Indiz genug waren. Auch abseits davon ist die Annäherung von Vater Bob (James Saito) und Josh ebenfalls sehr schön erzählt worden, verbunden mit der Kerzenleidenschaft, wobei ich es einfach schön fand, wie er Gerüche aus dem Alltag eingefangen hat und so Erinnerungen hat heraufbeschwören kann. Abschließend haben wir natürlich die Lehren daraus, wenn man sich digital einen anderen Anschein gibt, um besser anzukommen, sich dabei aber letztlich doch selbst verliert. Das alles war wirklich schön verpackt, so dass ich mir den Film problemlos mehrfach anschauen könnte.

Fazit

"Love Hard" ist der erste Weihnachtsfilm von Netflix im Jahr 2021 und der Auftakt ist mehr als vielversprechend, weil die Atmosphäre stets gestimmt hat, zudem passte der Humor für mich perfekt, was vor allem auch an sehr guten schauspielerischen Leistungen liegt, wo mit Übertreibungen und Situationskomik die gesunde Mischung gefunden wurde. Es war einzig etwas schade, dass die Chemie zwischen den Hauptfiguren Natalie und Josh zu lange freundschaftlich gehalten wurde, so dass es keine restlos romantische Geschichte ist, aber das fällt angesichts vieler individueller schönen Szenen zum Glück nicht allzu stark ins Gewicht. Auf also in die Holiday Season 2021!

Zum Netflix-Special auf myFanbase

Lena Donth - myFanbase
08.11.2021

Diskussion zu diesem Film