Bewertung: 4
Chris Appelhans

Der Wunschdrache

Foto: Der Wunschdrache - Copyright: 2021 Netflix, Inc.
Der Wunschdrache
© 2021 Netflix, Inc.

Inhalt

Din war immer der Außenseiter an seiner Schule, bis er irgendwann in Li Na die perfekte Freundin gefunden hat. Doch wegen der Karriereambitionen ihres Vaters sind die beiden irgendwann einander entrissen worden. Als Student hat es sich Din nun in den Kopf gesetzt, dass er mit Li Na wieder in Kontakt kommen möchte. Zufällig trifft er dabei auf eine Teekanne, in der ein Wunschdrache haust, der ihm offenbart, drei Wünsche zu haben. Das kommt Din gerade recht, denn ihn plagen Zweifel, ob er mit seinem Leben wirklich etwas für Li Na zu bieten hat und will sich daher als jemand ausgeben, der er nicht ist. Er muss jedoch lernen, dass in Li Nas Leben auch nicht alles ist, wie es scheint. Gleichzeitig beschert dem Wunschdrachen Long die Begegnung mit Din ebenfalls eine Lebenslektion.

Kritik

Bei "Die Mitchells gegen die Maschinen" wurde es bereits angesprochen, dass Streamingdienst Netflix Animationsfilme von unterschiedlichen Produktionsstudios auf die Beine stellen lässt oder sie im Nachhinein aufkauft. Wegen der weiterhin andauernden Corona-Pandemie werden einige Veröffentlichungen in den Kinos immer noch gescheut, so dass sich der Streamingriese hier als ideale Alternative darstellt. "Der Wunschdrache" ist nun auch schon wie der eben angesprochene Familienfilm von Sony Pictures produziert worden. Dies ist jedoch in Zusammenarbeit mit dem neuen chinesischen Produktionsstudio Studio Base Animation geschehen, was zur kulturellen Fokus des Films natürlich hervorragend passt. "Der Wunschdrache" spielt in China und ist im Original sowie in Mandarin von ausschließlich chinesisch-amerikanischen Darsteller*innen gesprochen worden. Gerade angesichts der Thematik, die sich in den letzten Monaten aufgebaut hat, dass die asiatische Kultur in Europa und in den USA in Film und Fernsehen immer noch unterrepräsentiert ist, ist das ein starkes Zeichen. Vor diesem Hintergrund ist es aber umso bedauerlicher, dass "Der Wunschdrache" inhaltlich wenig innovativ daherkommt.

Bereits in der Synopsis von "Der Wunschdrache" haben meine Alarmglocken schon geschrillt, denn war da nicht was mit Kanne und mit drei Wünschen? Obwohl dort schon zu befürchten war, dass es sich bei dem Film um eine einfallslose Kopie vom Disney-Klassiker "Aladdin" handeln würde, habe ich "Der Wunschdrache" dennoch eine wertfreie Chance gegeben, denn die gleiche Verpackung muss ja nicht automatisch den gleichen Inhalt verheißen. Jedoch hat sich über die gesamte Filmlänge leider nicht erweisen können, dass "Der Wunschdrache" auf eigenen Beinen stehen kann. Es ist sicherlich keine Eins-zu-eins-Kopie geworden, da alleine Aladdin und Din charakterlich nur wenige Gemeinsamkeiten haben und dennoch sind zu viele Parallelen evident. Auf der einen Seite haben wir den frechen und großmäuligen Dschinni, auf der anderen Seite haben wir den arroganten und selbstverliebten Long. Bei beiden haben wir eine Kanne und die drei Wünsche. Bei beiden sind die auserwählten Damen vom höheren sozialen Rang. Bei beiden muss der Held der Geschichte erst seine Lektion lernen, dass sich mit Reichtum nicht alles kaufen lässt und auch der Wunscherfüller muss über sich selbst sinnieren und zu einer längst überfälligen Entscheidung kommen. Angesichts dieser ganzen Parallelen muss man die Unterschiede wirklich in den Details suchen und kann daher grob sagen, dass wir es mit einer arabischen Version auf der einen Seite und einer chinesischen Version auf der anderen Seite zu tun haben.

Diese Erkenntnis ist durchaus schade, denn an dem ebenfalls bei Netflix zu streamenden "Die bunte Seite des Monds" hat man gesehen, dass es durchaus funktionieren kann, etwas aus der asiatischen Kultur zu nehmen und eine Geschichte drum herum aufzubauen. Ich will "Der Wunschdrache" nicht gänzlich absprechen, dass sich nicht doch genug chinesische Symbolik finden lässt. So haben wir mit Long einen Drachen, der das Symbol schlechthin darstellt. Siehe Mulan. Aber wir haben auch in der charakterlichen Entwicklung einige Eigenschaften zu entdecken, die gerade Chinesen immer wieder nachgesagt werden. Doch das ist gar nicht klischeehaft gemeint, sondern hat man auch von zig asiatisch stämmigen Stars berichtet kommen, wie beispielsweise Sandra Oh mit koreanischen Wurzeln. So ist es den Eltern sehr wichtig, dass die Kinder nur die besten Jobs wie Doktor oder Anwalt etc. ausüben, was enormen Erwartungsdruck mit sich bringt, aber auch oft harte Kritik. Dieses gezeichnete Bild ist für die asiatische Kultur sicherlich nicht exklusiv zu nennen, gibt aber eine deutliche Richtung vor, die sich in "Der Wunschdrache" bei dem jeweils alleinerziehenden Elternteil von sowohl Dim als auch Li Na finden lässt. Er bekommt von seiner Mutter als Student immer wieder Druck gemacht, weswegen er sich schon beim kleinsten Fehltritt ihrer Enttäuschung sicher sein kann. Li Na wiederum wurde als Kind aus ihrem sozialen Umfeld gerissen, weil ihr Vater die große Karriere angestrebt hat, sich dabei aber letztlich völlig überworfen hat und dabei gar nicht gemerkt hat, dass seine Tochter auch mit einem einfachen Leben glücklich geworden ist.

Man kann sicherlich auch nicht leugnen, dass "Der Wunschdrache" deutlich moderner als "Aladdin" inszeniert ist, was dann für viele Unterschiede in den kleinen Details sorgt. So war es durchaus lustig, als Long, der sehr, sehr lange in seiner Teekanne eingesperrt war, auf das moderne China trifft und völlig überfordert ist. Auch ansonsten wird in der ganzen Gestaltung des Films viel auf moderne Formen und ähnliches gesetzt. Da war es doch fast eine Wohltat, dass die Technikaffinität der Chinesen nicht auch noch besonders eindringlich in Szene gesetzt worden ist. Insgesamt ist definitiv ein guter Familienfilm entstanden, der sympathische Charaktere sowie viel Charme und nachdenkliche Momente zu bieten hat. Aber auf einem gesättigten Markt, was durch den immensen Erfolg der Streamingdienste noch forciert wurde, ist es fast schon fahrlässig, dass man 90 Minuten lang nicht den Gedanken abschütteln kann, den Inhalt von "Der Wunschdrache" schon einmal so ähnlich verpackt gesehen zu haben.

Fazit

"Der Wunschdrache" ist im Vorfeld hochgelobt worden, weil er in Zusammenarbeit mit einem chinesischen Animationsstudio entstanden ist und weil die Sprecherrollen kulturell entsprechend vergeben worden sind. Warum wurde dann inhaltlich "Aladdin" neu erzählt? Was vom Papier her noch so gut geklungen haben mag und auch handwerklich definitiv gut aussieht, steht sich dann inhaltlich selbst im Weg, denn es ist wenig innovativ und wird sich von diesem aufdrängenden Vergleich auch nicht lösen können.

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Lena Donth - myFanbase
27.06.2021

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