Bewertung: 7
Ramin Bahrani

Der weiße Tiger

Foto: Der Weiße Tiger (The White Tiger) - Copyright: 2021 Netflix, Inc.
Der Weiße Tiger (The White Tiger)
© 2021 Netflix, Inc.

Inhalt

Nachdem Balram (Adarsh Gourav) als Kind prophezeit wurde, dass er Potenzial hat, glaubt er selbst daran, es schaffen zu können und setzt alles daran, der Fahrer für Ashok (Rajkumar Rao) und Pinky (Priyanka Chopra Jonas) zu werden. Balram ist ein ergebener Diener, der alles mitmacht, bis er eines Tages von seinen verehrten Arbeitgebern ausgenutzt wird. Das bringt ihn zum Umdenken, so dass er gegen das bestehende System in Indien rebelliert, um für eine neue Ära zu stehen.

Kritik

Denkt man an indische Filmproduktionen, kommt sicherlich den meisten als erstes Bollywood in den Sinn. Dort geht es um Lebensfreude, Spaß und Romantik. Doch es gibt auch Produktionen, die sich mit Indien beschäftigen, die einen weitaus realistischeren Blick auf die Gesellschaft werfen. Das Paradebeispiel dürfte sicherlich "Slumdog Millionär" aus dem Jahr 2008 sein, der mit acht Oscars ausgezeichnet wurde. "Der weiße Tiger" geht nun ganz aktuell in eine ähnliche Richtung. Mich hat es nicht gewundert, dass mit Chopra Jonas die ideale Mischung aus Bollywood und Hollywood als Produzentin und Hauptdarstellerin an Bord war. Sie kennt Indien und sein kritikwürdiges Gesellschaftssystem nur zu gut, sie lebt in den USA und bleibt dennoch immer ihren kulturellen Wurzeln treu. Daher passt es wie die Faust aufs Auge für sie, die Geschichte von Balram zu erzählen, der über den Tellerrand hinausschaut, aber dennoch ein stolzer Inder ist.

Balram steht im Fokus der Erzählung und er soll wohl der Sympathieträger schlechthin sein, jedoch ist er wahrlich kein Held, wie er im Buche steht. In einem Gesellschaftssystem, in dem die Kasten eigentlich überwunden sind und wo es dennoch eine Zwei-Klassen-Gesellschaft gibt, deren Schere nicht größer sein könnte, ist Balram der kleine Mann, der aber prophezeit bekommt, der 'weiße Tiger' seiner Generation zu sein. Das treibt seinen Ehrgeiz an und diese Eigenschaft kann manche die Menschlichkeit kosten. Dies ist auch bei Balram der Fall, der einen Kontrahenten und sein Geheimnis entlarvt, um ihn loszuwerden. So fühlt er sich schnell auch anderen überlegen und seine Familie, die er mit seinem Gehalt unterstützen wollte, ist auch bald vergessen. Das sind wahrlich nicht die Eigenschaften eines Sympathieträgers, aber gleichzeitig fand ich es auch gut, einen Balram mit Ecken und Kanten zu haben. Heldengeschichten schön und gut, aber es zeigt sich immer wieder, dass mit Nettigkeit alleine nichts umzukrempeln ist.

Man darf aber auch nicht verheimlichen, dass es genug Szenen gibt, in denen man als Zuschauer Balram gerne ganz fest in den Arm nehmen würde. Trotz seines Ehrgeizes ist er extrem demütig erzogen worden, weswegen er zunächst der Familie von Ashok alles nachplappert und alles mit sich machen lässt, was denen gerade genehm ist. Es zeugt von einer immensen Naivität, wie Balram in eine Falle der emotionalen Enttäuschung nach der anderen tritt. Zwar bekommt er von Ashok, der durch Pinky wesentlich moderner denkt als sein Vater und Bruder, immer wieder auch Aufmerksamkeit geschenkt, aber sein Chef steht selbst völlig unter dem Einfluss seiner Familie, weswegen er jegliche aufgebaute Beziehung zu Balram immer wieder zu vergessen haben scheint, wenn es gerade nicht passt. Wie oft Balram in diesem Film enttäuscht wird, das kann man wahrscheinlich nicht mal an zwei Händen abzählen. Und von Enttäuschung zu Enttäuschung wird es schlimmer zuzusehen, denn seine Bindung an die Familie wächst. Deswegen schafft es der Film letztlich doch, dass man selbst mit dem nicht idealen charakterlichen Protagonisten mitfiebert, denn er ist allemal besser als der Rest der Figuren, die angeboten werden.

Wenn man die Handlung dieses Films so verfolgt, hat man als Zuschauer keinerlei Zweifel daran, dass viele einzelne Elemente genauso oder zumindest sehr ähnlich sich tagtäglich in Indien abspielen, weswegen "Der weiße Tiger" definitiv den Zeitgeist trifft. Dennoch ist der Film nicht bierernst geworden, sondern hat durch Balrams Erzählstimme, der seine Lebensgeschichte dem chinesischen Politiker Wen Jiabao in einer E-Mail erzählt, auch eine sehr humorvolle Note. Wem Balram schreibt, könnte nicht ironischer sein, aber auch das, was gesagt wird, trifft seinen Charakter so hervorragend, denn selbst die bissigsten Kommentierungen beinhalten immer die Portion Naivität, die seinen Charakter zentral ausmachen. Deswegen ist Gourav ohne Frage der Star dieses Films, weil er seine Figur in all seinen Facetten grandios transportiert hat. Im Grunde ist dann auch egal, dass mit Chopra Jonas ein größerer Name im Cast ist. Natürlich hat sie ihre Rolle großartig gespielt, aber die Erzählung ist so eng bei Balram, dass da daneben vieles verblasst.

Fazit

"Der weiße Tiger" ist sicherlich eine sehr aktuelle Kommentierung von Zeitgeschichte, ohne aber nur den mahnenden Zeigefinger zu heben, denn dafür ist zu viel Humor im Spiel, der einiges abfedert. Balram ist wahrlich nicht der sympathische Held der Geschichte schlechthin, dafür ist er echt und Gourav macht mit seiner Darstellung des Charakters den größten Teil des Vergnügens dieses Films aus.

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Lena Donth - myFanbase
07.02.2021

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