Bewertung: 8
Noah Baumbach

Marriage Story

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Inhalt

Der erfolgreiche Theaterregisseur Charlie Barber (Adam Driver) aus New York und seine hochgelobte Schauspielerin Nicole (Scarlett Johansson), die auch seine Ehefrau ist, entwickeln sich auseinander, als ihre jeweiligen Lebensziele und ihre Karrierewege einen Scheideweg erreichen. Als ihre Scheidung unvermeidbar wird, beabsichtigen sie zunächst, für ihren Sohn diese einvernehmlich zu vollziehen, aber dies wird zum Problem, als eine juristische Agenda und sich verändernde Perspektiven dazwischenkommen.

Kritik

Mit Scheidungen kennt man sich in Hollywood blendend aus, aber auch auf filmischer Ebene wurde die Thematik schon oft inszeniert und das mit großem Erfolg. Warum "Marriage Story" in dieser inhaltlichen Dichte dennoch seine Daseinsberechtigung hat, lässt sich kurz und knapp auf den Punkt bringen: es ist einfach gut. Das beginnt bereits ganz zu Anfang des Films. Dort, wo man es sich normalerweise noch auf der Couch oder im Kinosessel gemütlich macht, um langsam in die Handlung hineingezogen zu werden, da ist hier jede einzelne Sekunde wichtig. Anhand von Voiceovern lesen die beiden Hauptfiguren Charlie und Nicole positive Eigenschaften über ihren Partner/ihre Partnerin vor, die Teil einer Paartherapie sind. Diese Aufzählungen sind tiefsinnig, charmant, schonungslos ehrlich und auch lustig, sie ermöglichen aber vor allem, dass man sich als Zuschauer sofort an die beiden Figuren bindet, so unterschiedlich sie auch sein mögen. Mit knappen Mitteln hat es Regisseur Noah Baumbach an dieser Stelle geschafft, dass man weiß, woran man ist und so die Tragik, die im weiteren Verlauf sich ereignet, mit jeder Faser mitfühlen kann.

Diese anfängliche Sympathie für sowohl Charlie als auch Nicole ist daher so wichtig, weil diese mehrfach im Laufe des Films ausgetestet und verschoben wird. Wo man zunächst zu Nicole hält, die sich unter Charlies Funktion als Theaterdirektor nicht als Schauspielerin entfalten kann und die Freiheit sucht, zeigt sich anschließend ein Hin und Her, in dem beide tiefe Abgründe offenbaren und am Ende ist auch Charlie rehabilitiert, dessen weiche Seite dann im Fokus steht. Dies zeigt eindrucksvoll, dass nichts nur schwarz oder weiß ist und dass bei einer Scheidung alle Verlierer sind oder am Ende vielleicht auch Gewinner. Dieses extreme Sympathisieren mit den Charakteren rührt natürlich auch von der schauspielerischen Besetzung her, wo Johansson, Driver und Laura Dern wirklich jede Nominierung für Schauspielpreise verdient haben. Sie haben ihre Figuren zu 100% verkörpert und das macht hier nahezu 90% der Qualität des Films aus.

Auch in der filmischen Umsetzung zeigt sich das hohe Niveau, denn jedes kleinste Detail scheint durchdacht. Wenn am Ende des Films erneut die Lobeshymnen auf einander zum Thema werden, dann schließt sich hier ein Kreis, den man schöner nicht hätte greifen können. Insgesamt wird genug Raum für Eindrücklichkeit gegeben, denn es gibt zahlreiche stille Momente, die bis zum Äußersten ausgekostet werden. Das führt unweigerlich zu einer Länge von 137 Minuten für den Film, was sich dann auch aufgrund der Thematik sehr lang anfühlt, was aber absolut seine Daseinsberechtigung in der Gesamtinszenierung hat. Bereits im Vorfeld war bei "Marriage Story" von einer Tragikkomödie die Rede, was mich beim Thema Scheidung doch etwas überrascht hat, aber die kleinen humorvollen Momente machen diesen Film im besonderen Maße aus, weil sie an völlig unerwarteten Stellen kommen und so der angespannten Situation stets etwas Schwere nehmen. Dies ist ein extrem raffinierter Schachzug, der den Film zu etwas Besonderem macht.

Fazit

"Marriage Story" ist ein handwerkliches und schauspielerisches Meisterwerk, das die Thematik einer Scheidung auf sehr authentische Weise in all seinen Nuancen ausgekostet und dabei dennoch auch den Humor nicht zu kurz kommen lässt. Gewisse Längen sind aufgrund der Raffinesse des Films gut zu verschmerzen.

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Lena Donth - myFanbase
05.02.2020

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