Bewertung: 6
Lars von Trier

Nymphomaniac: Vol. II

"I am a nymphomaniac and I love myself for being one, but above all, I love my cunt and my filthy, dirty lust."

Foto: Copyright: 2014 Concorde Filmverleih GmbH
© 2014 Concorde Filmverleih GmbH

Inhalt

Joe (Charlotte Gainsbourg) setzt die Erzählung ihrer sexuellen Vergangenheit in Gegenwart von Seligman (Stellan Skarsgård) fort und konzentriert sich dabei auf ihre Erlebnisse als erwachsene Frau und wie sie ihre Sexsucht in immer tiefere Abgründe stürzt.

Kritik

Tatsächlich: Teil 2 ist stärker als Teil 1. Während sich "Nymphomaniac: Vol. I" schwer damit tat, auch tatsächlich menschlich und damit nahbar zu wirken und stattdessen auf eine emotionslose Aneinanderreihung von Sexszenen mit einem lachhaften roten Faden in Form pseudophilosophischer Diskussionen zwischen Joe und Seligman setzte, macht "Nymphomaniac: Vol. II" vieles deutlich besser. Das beginnt bei der erhofften mehrdimensionalen Charakterzeichnung von Joe durch die verstärkte Thematisierung ihrer Beziehung zu Jerome, geht über diesmal tatsächlich Mehrwert liefernde Gespräche zwischen Joe und ihrem vermeintlichen Retter und endet mit einer erwartungsgemäß ungemein starken schauspielerischen Leistung von Hauptdarstellerin Charlotte Gainsbourg.

Sicherlich ist es nur bedingt fair, die Qualität von zwei Teilen desselben Werks miteinander zu vergleichen, gerade wenn sie unterschiedliche Aufgaben haben und der eine Teil den anderen begünstigt. Denn auch "Nymphomaniac: Vol. II" profitiert letzten Endes davon, dass man so manche nervige Selbstfindungsphase bereits in Volume I thematisierte und sich nun nicht mehr darum kümmern muss, in möglichst jeder freien Sekunde die sexuellen Eskapaden der Hauptfigur zu zeigen, um den Zuschauer mit ihrer augenscheinlichen nymphomanischen Neigung immer und immer wieder zu konfrontieren. Diese Neigung ist nun längst etabliert und kann näher betrachtet werden, gerade auch im größeren Kontext von menschlicher Interaktion zu geliebten Menschen. Joes Beziehung zu Jerome ist hierbei eines der wichtigsten Storyelemente, weil sich in der Interaktion zwischen den beiden besonders gut der Unterschied zwischen einem recht exzessiven Sexleben und einer destruktiven Sucht zeigt. Dazu kommt, dass die Weiterentwicklung der Beziehung von Joe und Jerome hin zu einem gesetzteren Leben mit Kind (in diesem Zusammenhang übrigens ein ernst gemeintes "Chapeau!" für die wunderbare Referenz zur Eröffnungsszene von "Antichrist") zur offensichtlichen Diskrepanz zwischen dem, was das Umfeld von Joe erwartet und dem, wie sie ihr Leben führen möchte, beiträgt.

Ohnehin lässt man im zweiten Teil Joe die Möglichkeit zu wahrhaftem menschlichen Kontakt über das reine Sexuelle hinaus, was für den Facettenreichtum wirklich Gold wert ist. Dabei überstrahlt zwar das Gespann Joe/Jerome alles, aber auch die Art und Weise, wie sie sich beispielsweise K voll und ganz ausliefert und hier aufrichtiges Begehren ausdrückt und nicht nur reines Gefallen an dessen Sadismus, ist hochinteressant zu verfolgen. Joe und P wiederum versprechen einiges an Potential, das aber leider nicht ganz ausgeschöpft wird, da P nach einem äußerst vielversprechenden Beginn mit Muttergefühlen Joes schnell zum Mittel zum Zweck verkommt. Dass die Story hierbei im wahrsten Sinne des Wortes immer abenteuerlicher wird? Geschenkt. Darum geht es nicht. Die Entwicklung Joes steht im Vordergrund und wird im Gegensatz zum ersten Teil nun tatsächlich glaubwürdig thematisiert. Da hilft es natürlich, mit Charlotte Gainsbourg eine der sicherlich besten Schauspielerinnen ihrer Generation im Cast zu haben. In Volume II bekommt sie nun endlich die Möglichkeit, das Geschehen nicht nur zu erzählen, sondern auch als Hauptfigur zu gestalten, nachdem sich eben jenes nun tatsächlich um sie dreht und nicht um ihre (deutlich blässere) jüngere Version. Und so kann Gainsbourg das ganz große Geschütz der Schauspielkunst auffahren, angefangen bei einer animalischen Begierde, von der sie getrieben ist und die alles, was sie liebt, zerstört, hin zu tiefster Verzweiflung, bestimmter Rache und kurzen Momenten des Glücks.

Schön auch, dass die Gespräche zwischen Joe und Seligman nun tatsächlich mehr zu bieten haben als Fliegenfischen. Gerade die religiöse Ebene, die hier reingebracht wird, ist erfrischend, da sie nicht so konstruiert wirkt wie so mancher Dialog in Teil 1. Ohnehin kann sich Joe nun mehr gegenüber Seligman öffnen und eine verletzliche Seite von sich zeigen, die der Dynamik der beiden unheimlich gut tut. Ohne zu viel verraten zu wollen, ist es jedoch schade, dass das Vertrauensverhältnis der beiden, das sich insbesondere in diesen letzten beiden Stunden aufbaut, nicht konsequent zu Ende gebracht wird. Hier hat von Trier wohl dann doch lieber wieder provozieren wollen als konsequent in der Zeichnung seiner Figuren zu bleiben. Auch sonst scheint der dänische Regisseur und Drehbuchautor schlichtweg nicht ganz ohne Tabubrüche, die keinerlei Mehrwert haben, zu können. Sie sind zwar nun deutlich geringer und auch besser integriert, aber dennoch muss man sich manchmal fragen, inwieweit es nun relevant ist, die eine oder andere Szene in dem Maße zu zeigen.

Fazit

Es geht doch. "Nymphomaniac: Vol. II" macht einiges besser als Teil 1, was darin begründet ist, dass man die erzählerische wie emotionale Tiefe im Zeitverlauf vergrößern konnte und so gerade auf menschlicher wie auf schauspielerischer Ebene zu punkten wusste. Deswegen ist "Nymphomaniac" zwar immer noch weit entfernt, einen Lars von Trier auf dem Höhepunkt seines Schaffens zu zeigen, aber ein interessantes Werk eines der besten Regisseure, die das Filmbusiness aktuell zu bieten hat, ist trotzdem dabei heraus gekommen.

Andreas K. - myFanbase
13.12.2014

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