Bewertung: 4
Lars von Trier

Nymphomaniac: Vol. I

"For me, love was just lust with jealousy added; everything else was total nonsense. For every hundred crimes committed in the name of love, only one is committed in the name of sex."

Foto: Copyright: 2014 Concorde Filmverleih GmbH
© 2014 Concorde Filmverleih GmbH

Inhalt

Seligman (Stellan Skarsgård), ein älterer Mann, findet Joe (Charlotte Gainsbourg) blutig und offensichtlich als Opfer eines Gewaltverbrechens, auf dem kalten und nassen Kopfsteinpflaster. Daraufhin lädt er sie in seine heruntergekommene Wohnung ein, damit sie sich ausruhen kann. Daran interessiert, wie sie dort gelandet ist, nutzt Joe die Gelegenheit, Seligman von ihrer sexuell geprägten Vergangenheit zu erzählen.

Kritik

Mittlerweile ist es einfach nur noch müßig, über das öffentliche Image von Lars von Trier zu reden. Nahezu von allen wird er zwar für einen phänomenal begabten Filmemacher gehalten, dem aber selbst die Wahrnehmung seiner Person und seiner Werke oft wichtiger zu sein scheint als das, was er tatsächlich an Output generiert. Von Trier scheint sich selbst auch wunderbar wohl damit zu fühlen, den Agent Provocateur zu mimen. Daher gibt er nicht nur ein perfektes Feindbild ab, sondern läuft auch Gefahr, dass sein zweifelloses Talent durch eher plumpe Versuche der Provokation überschattet wird. Dementsprechend war auch bei seinem Zweiteiler "Nymphomaniac" die Aufregung groß, da der Titel hält, was er verspricht. Natürlich ist Sex in jeglicher Form zuhauf zu sehen. Selbstverständlich verwurstelt von Trier dann auch mal Aufnahmen von professionellen Pornodarstellern mit den Sexszenen auf der Leinwand, um expliziter zu werden. Aber das ist wahrlich nicht das Problem des Films, da es gerade in dem dargestellten Setting nur angemessen ist. Nein, die große Schwäche von "Nymphomaniac: Vol. I" ist vielmehr, dass alles andere geradezu banal ist.

Die Grundidee, über Erzählungen die eigene Historie und wie man in die missliche Lage gekommen ist, abzubilden, ist im vorliegenden Fall genau richtig. Dies liegt darin begründet, dass insbesondere die Art und Weise, wie die erwachsene Joe von ihren sexuellen Abenteuern erzählt, mitunter auch mal extrem komisch ist. Joe hat eine aufrichtige Art von Selbstironie, mit der sie auch mal die nötige Distanz zu ihrem vergangenen Ich aufbaut. Diese Konstellation ist vor allem deshalb so hilfreich, weil man als Zuschauer extreme Probleme damit hat, eine emotionale Bindung zur jungen Joe aufzubauen, und weil manche Erzählungen schlichtweg geradezu lachhaft sind zu übertrieben, um Wirkung entfalten zu können. Da kann ein gewisser Kontrast Wunder wirken.

Dies funktioniert bis zu einem gewissen Maße, doch am Ende bleibt das Problem, dass die junge Joe nur extrem selten menschliche Züge annimmt. Sie ist viel zu gefühllos, zu kalkuliert und in vielerlei Hinsicht auch viel zu naiv, um glaubwürdig zu wirken. Mag ja sein, dass dies ein adäquates Bild zumindest eines Teils der NymphomanInnen auf dieser Welt ist, aber gerade dann sollte es ja eigentlich ein Ansinnen sein, das näher zu beleuchten. Genau dies geschieht bei "Nymphomaniac: Vol. I" aber eben nicht. Der große Nachteil ist hier nicht der omnipräsente Sex, denn dieses Pensum war wahrlich zu erwarten, sondern die Monotonie desselbigen, die seelenlosen Wiederholungen, die nur sehr selten einen erzählerischen Mehrwert generieren. Joe bekommt dadurch nicht mehr Facetten, da letzten Endes dieselbe augenscheinliche Charaktereigenschaft immer und immer wieder in Szene gesetzt wird.

Von Trier versucht, dem Sex einen gewissen Rahmen zu geben und ihm eine höhere Bedeutung zu geben als reine Fleischeslust. Gerade in der Interaktion zwischen Joe und Seligman wird der Versuch eines philosophischen Diskurses unternommen, um der Frage nachzugehen, was Liebe und Sex eigentlich sind, welche Unterschiede bestehen und welche Möglichkeit zum Ausdruck von Begierde besteht. Aber leider geschieht des nur in Ansätzen, sodass diese wichtige Zusatzebene des Films kaum funktioniert. Der Grund dafür liegt letzten Endes in der plumpen Art und Weise, wie Joe und Seligman diskutieren und versuchen, dem Erzählten einen neuen Kontext zu geben. Gerade der Beginn, als der begeisterte Angler Seligman wirklich alles, was Joe von sich gibt, mit dem Fliegenfischen (!) vergleicht und hier versucht, die seines Erachtens evidenten Gemeinsamkeiten aufzuzeigen, ist nur schwer zu ertragen. Als dann auch Joe in geradezu penetrantem Maße Vergleiche zur Tierwelt zieht, kann die Hoffnung auf jegliche Form von Meta-Ebene endgültig begraben werden. Gerade die zahlreichen Einspieler von Tierszenen führen hier eher zu Befremdung, weil sie eher in den Gesamtkontext gezwungen wurden, als dass sie hier eine homogene Bedeutung hätten.

Dass der erste Teil von "Nymphomaniac" nur bedingt funktioniert, liegt jedoch zu keiner Sekunde an seinen Darstellern. Gerade Stacy Martin als junge Joe ihrer ersten Filmrolle überhaupt hat es ganz und gar nicht leicht, da sie zweifelsohne im Fokus steht. Aber der jungen englisch-französischen Schauspielerin gelingt es, der Figur der Joe Leben einzuhauchen. Nur schade, dass sie durch das Drehbuch gezwungen wird, nahezu durchgehend mit teilnahmsloser Mimik durch die Welt zu stapfen und von einem Sexabenteuer ins nächste zu stolpern. Gerade die Interaktion mit ihrem Vater, dargestellt von Christian Slater, hat das mögliche Potenzial angedeutet. Stattdessen wird der Fokus aber leider viel zu oft woanders gelegt, womit auch sie sich in einer gewissen Monotonie verliert. Charlotte Gainsbourg, sicherlich eine der besten Schauspielerinnen ihrer Generation, hat in diesem ersten Teil praktisch keine Möglichkeit, sich zu profilieren, was aber nur allzu verständlich ist, da sie lediglich den erzählenden Part einnimmt. Während Stellan Skarsgard genau das spielt, was man von ihm erwartet (nämlich den gebildeten älteren Mann mit der einen oder anderen Macke), ist Shia LaBeouf zwar derjenige männliche Darsteller mit der meisten Screentime, aber auch mit auffällig wenig Profil. Aber auch hier: Teil 1 deutet an, dass gerade die Beziehung zwischen Joe und dem von LaBeouf dargestellten Jerome ein wichtiger Aspekt des zweiten Teils sein wird, dementsprechend kann man hier kaum einen Vorwurf aussprechen. Die anderen Darsteller sind bisher da und erfüllen ihren Part, bleiben aber in den ersten zwei Stunden sicherlich nicht nachdrücklich in Erinnerung.

Im Grunde ist es extrem schade, wie viel Potenzial von Trier hier verschenkt, gerade in den Momenten, in denen sein Genie aufblitzt, fällt dies besonders auf. Denn natürlich kann er es besser. Die Eröffnungsszene beispielsweise ist visuell atemberaubend selten hat man Regentropfen und Blätterrascheln eindrucksvoller gesehen. Auch sonst weiß er einfach, wie er das Geschehen möglichst gut in Szene setzt und nutzt auch gekonnt schwarz-weiße Szenen, um mit einem vergleichsweise simplen Mittel einen Bruch in Stimmung und Handlung zu illustrieren. Auch die Dialoge, die er schrieb, sind wohltuend geistreich, wenn auch nah an der Sorkin'schen Überheblichkeit und Realitätsferne. Wenn nicht gerade regelrecht absurde Vergleiche gezogen werden, ist die Unterhaltung zwischen Joe und Seligman mitunter geradezu inspirierend. Nur Rammstein im Soundtrack hätte nun wirklich nicht sein müssen, gerade nicht in der Eröffnungsszene, wo sie so gar nicht passt.

Fazit

"Nymphomaniac: Vol. I" verschenkt Potenzial en masse. Der Sex ist weitestgehend auch aus erzählerischer Sicht bedeutungslos, worunter insbesondere die junge Joe als Figur auch leidet. Ebenso kann der Versuch, dem Film durch die ausgiebige Unterhaltung von Joe und Seligman zwischen den Erzählsequenzen eine bedeutungsvolle Zusatzebene zu geben, aufgrund der hanebüchenen, aufgezwungenen und einfallslosen Symbolik getrost als gescheitert bezeichnet werden. Vielleicht sind die genannten Kritikpunkte auch nur das logische Resultat, das dem Umstand geschuldet ist, dass der erste Teil nie als eigenständiges Werk betrachtet werden sollte und der gesamte Film lediglich aufgrund der Länge von vier Stunden aufgeteilt werden musste. Aber von Trier macht in Teil 1 so erschreckend viel falsch, dass sich die Hoffnung für den zweiten Teil bei allem Optimismus und Vertrauen in die Fähigkeiten des dänischen Enfant Terrible in Grenzen hält.

Andreas K. - myFanbase
09.11.2014

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