Bewertung: 8
Bong Joon-ho

Snowpiercer

"We go forward."

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Inhalt

Im Jahr 2014 geht ein Experiment, die globale Erwärmung zu stoppen, gehörig schief und so friert der gesamte Erdball ein und tötet dabei nahezu alle seine Bewohner. Die einzigen Überlebenden sind die innerhalb eines langen Zugs, der unaufhörlich die Welt umkurvt, dem sogenannten "Snowpiercer". Es wird ein striktes Klassensystem etabliert mit den Reichen und Mächtigen an der Front des Zugs und den bettelarmen Arbeitern am hinteren Ende. 17 Jahre später schließlich wagen die Hinteren einen neuerlichen Revolutionsversuch, angeführt von Curtis (Chris Evans).

Diesem gelingt es, mit der Hilfe von Namgoong Minsoo (Song Kang-ho), einem Abhängigen einer Droge namens Kronol und ehemaligem Sicherheitsspezialisten des Zugs, immer weiter nach vorne zu dringen sehr zum Unmut von Mason (Tilda Swinton), einer derjenigen, die für Ordnung innerhalb des Snowpiercers sorgen soll. Je weiter Curtis und seine Gefolgschaft nach vorne dringen, umso mehr Geheimnisse werden über den Zug und seine Bewohner offenbart, davon einige, die Curtis lieber nie erfahren hätte.

Kritik

Mittlerweile kann man durchaus die Frage stellen, ob Bong Joon-ho eigentlich überhaupt schlechte, mittelmäßige oder sogar "nur" gute Filme abliefern kann. "Memories of Murder", sein Zweitlingswerk, war kurzerhand mal so eben einer der besten Kriminalfilme des vergangenen Jahrzehnts, mit dem Monsterfilm "The Host" hat er bewiesen, dass er auch Blockbuster kann und hält bis heute den Rekord für den erfolgreichsten südkoreanischen Film aller Zeiten. Dann kam das Drama "Mother", bei dem er ruhigere Töne anschlug und auch hier auf breiter Ebene Publikum und Kritiker zugleich zu Lobeshymnen sondergleichen animierte. Nun hat er mit "Snowpiercer", seinem ersten englischsprachigen Werk, einen ersten Fuß in Hollywood und konnte hierfür einen Cast um sich scharen, der durchaus beachtlich ist: von englischsprachigen Schauspielgrößen wie Ed Harris (4-fach oscarnominiert), John Hurt (2-fach oscarnominiert), Tilda Swinton (Oscargewinnerin), Octavia Spencer (Oscargewinnerin), Alison Pill oder Jamie Bell bis zum Koreaner Song Kang-ho ("Durst"), einem der zweifellos besten Schauspieler des asiatischen Kontinents. Um das Namedropping komplett zu machen: Bong Joon-hos guter Freund Park Chan-wook ("Oldboy", "Durst", "Stoker"), der gemeinsam mit ihm in den vergangenen 10-15 Jahren die aufregendsten Filme überhaupt fabrizierte, ist ausführender Produzent und war fast genauso begeistert von der Vorlage wie sein Kumpel, die Joon-ho in einem Zug an einem Kiosk in Korea während der Dreharbeiten zu "The Monster" durchlas.

Der Name Chris Evans liest sich da weniger eindrucksvoll als die bisher aufgelisteten, was sicherlich vor allem daran liegt, dass er zwar durchaus in dem einen oder anderen Publikumsmagneten zu sehen war (siehe u.a. "Captain America The First Avenger" und die deutlich bessere Fortsetzung "The Return of the First Avenger"), man aber den Gedanken nie so ganz los wurde, dass das eher mit seinem massentauglichen Aussehen als seinen Schauspielkünsten zu tun hatte. In "Snowpiercer" schließlich ist er nicht nur Teil eines der interessantesten Ensembles der vergangenen Jahre, er führt es als Hauptcharakter sogar an. Viele haben Evans nicht zugetraut, abseits von großen Hollywoodkrachern überzeugen zu können, aber hier gelingt es ihm bravourös. Seine Leistung als Rebellenanführer, dem Stück um Stück sein eigenes Weltbild und der Boden unter den Füßen weggezogen wird und der vor allem von den Erinnerungen an seine grausame Anfangszeit im Zug gejagt wird, ist nicht weniger als das, was man im Angelsächsischen als "breakthrough performance" bezeichnet. Auf der einen Seite die Führungsperson zu spielen, die andere antreibt und anspornt und die seine Gefolgschaft auch sehen möchte und auf der anderen Seite eine derartige Zerbrechlichkeit zu offenbaren, ist aus schauspielerischer Sicht alles andere als einfach und daher aller Ehren wert. Man kann nur hoffen, dass ihn diese Leistung anspornt, auch mal abseits der vermeintlichen Blockbuster innerhalb mindestens genauso gewichtiger Filmen zu agieren.

Aber klar, Evans ist einer der Darsteller, die man vor allem im Actiongenre erwartet. "Snowpiercer" macht auch gar keinen Hehl daraus, dass er vor allem kurzweilig unterhalten möchte, angefangen bei der eigenen rasanten Geschwindigkeit bis hin zu eindrucksvollen Kampfszenen und Effekten. Wie in einem Videospiel arbeiten sich Curtis und Co. Level für Level bzw. Abteil für Abteil vor bis zum vermeintlichen Endgegner und sorgen hierbei für allerlei Verwüstung. Das ist Action in Reinkultur, die nicht zu verwechseln ist mit den dumpfen und geistlosen Material- und Menschenschlachten von Michael Bay und Co. Trotz dieser in jeglicher Hinsicht linearen Herangehensweise an den Plot ist "Snowpiercer" voll von Enthüllungen, die eine ungewohnte Komplexität kreieren und die Geschichte verdichten, sowie von einigen der besten Twists, die das Kino in diesem Jahr gesehen hat. Alles innerhalb des Zugs wirkt allein aus räumlicher Sicht gedrängt und eng. Da macht es natürlich Sinn, wenn diese Beengtheit auch erzählerisch rüber kommt, man glücklicherweise als Zuschauer aber dennoch das Gefühl vermittelt bekommt, Zeuge von geradezu unzähligen Möglichkeiten der Geschichtsgestaltung zu werden.

Ohnehin ist "Snowpiercer" auch optisch beeindruckend. Von den kleinen und dreckigen Behausungen der Hinteren über die innovativen einzelnen Versorgungseinheiten des Zugs bis zu den luxuriösen Spaß- und Spieleinrichtungen für die Reichen wird jede Möglichkeit genutzt, diese politische wie ökonomische und ideologische Trennung auch visuell zu transportieren. Und so bewegt man sich langsam von den dunklen und hoffnungslos verschmutzen Unterkünften hin zu farbenprächtigen und teils geradezu sterilen Einheiten und bekommt hierbei immer das Gefühl einer glaubwürdigen, ja harmonischen Entwicklung. Dabei wird man quasi nebenher Zeuge des Einfallsreichtums von Bong Joon-ho, der sich, ohne allzu viel zu verraten, diverse Freiheiten bei seiner Filmadaption der Graphic Novel nahm.

Die Vorlage von Jacques Lob, Benjamin Legrand und Jean-Marc Rochette gibt aus erzählerischer Sicht bereits so einiges her, da von Klassenkampf, Zukunftsdystopie, dem Konzept von Gleichgewicht und der Knappheit von Ressourcen jeglicher Art so ziemlich jede sozioökonomische Frage der Zukunft thematisiert wird. Dementsprechend ist "Snowpiercer", der all diese Elemente clever aufnimmt und miteinander verbindet, eben auch nicht nur ein Actioner, sondern ein intelligenter Blick in eine in dieser exakten Ausprägung Form sicherlich extrem unwahrscheinlichen, aber in Kernelementen durchaus absehbaren Zukunft. Damit kann auch ein Sci-Fi-Thriller durchaus eine entsprechende thematische Relevanz aufweisen, da er Fragen aufwirft, die bisher von allen Entscheidungsträgern großer Regierungen und Nichtregierungsorganisationen nicht einmal ansatzweise beantworten werden konnten und vielleicht auch gar nicht wollten.

Fazit

Sind wir nicht alle gefangen in einer Umgebung, aus der es auf den ersten Blick kein Entkommen gibt und die ohne Unterlass dem eigenen Untergang immer näher kommt? Sind wir nicht alle bereit, für vermeintliche selbstdefinierte Werte alles um uns herum Untertan zu machen? Streben wir nicht alle nach Gleichgewicht und suchen Lösungen innerhalb der aktuellen Gegebenheiten, ohne zu wissen, dass tatsächlicher Wandel nur kommen kann, wenn man über den Tellerrand sieht? Nein, "Snowpiercer" ist kein philosphischer Diskurs über die Zukunft der Menschheit. Das kann und vor allem will er gar nicht. Aber er ist ein intelligenter, rasanter und unterhaltsamer Film, der diesen Fragen nicht aus dem Weg geht und mit einem (überraschend) großartigen Chris Evans aufwartet. Am Ende kann man daher zusammenfassend das direkte Zitat aus dem Film verwenden, das in einem anderen Zusammenhang genutzt wurde: "A blockbuster production with a devishly unpredictable plot." Vielleicht ist "Snowpiercer" aber auch einfach nur der endgültige Beweis, dass bei Bong Joon-ho eigentlich nur noch fraglich ist, ob er demnächst etwas außerordentlich Gutes oder etwas Großartiges auf die Beine stellen wird.

Andreas K. - myFanbase
02.08.2014

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