Bewertung: 9
Tom Ford

A Single Man

"For the first time in my life I can't see my future. Everyday goes by in a haze, but today I have decided will be different."

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Inhalt

Nach dem Tod seines Liebhabers Jim (Matthew Goode) hat der alternde Literaturprofessor George Falconer (Colin Firth) die Lust am Leben verloren. Das plötzliche Alleinsein hat den nach Außen hin sehr korrekten und gefassten Mann aus der Bahn geworfen und langsam in die völlige Isolation getrieben. Doch der Tag ist gekommen, an dem George sein Leben grundlegend verändern will für immer.

Kritik

Nur 21 Tage brauchte Tom Ford, um "A Single Man" zu drehen. Und das, obwohl der in der Modebranche als Retter des Labels Gucci bekannte Designer zuvor noch nie einen Film gedreht hatte, geschweige denn ein Drehbuch verfasst. Doch Ford ist anscheinend nicht nur ein fähiger Modeschöpfer, sondern auch Filmemacher.

"A Single Man" besitzt eine faszinierende emotionale Kraft, die sich kontinuierlich aufbaut und den Zuschauer gnadenlos mitreißt. Ford besitzt bezweifellos ein außergewöhnliches Talent für die Inszenierung seiner Darsteller und der Geschichte insgesamt, die auf Christopher Isherwoods gleichnamigem Roman basiert, welchen Ford selbst in ein Drehbuch umwandelte. In Fords Vorstellung der 60er Jahre existiert die Perfektion in jedem Moment, in jeder Kameraeinstellung, in jeder Einzelheit: Das hellblaue Kleid des Nachbarmädchens wird zu einem Ausdruck kindlicher Unschuld, die roten Lippen der Sekretärin zu einem Kunstwerk. Fords Sinn für Mode und Schönheit spiegelt sich in jeder Sekunde des Films wider, ohne aber aufdringlich zu sein. Ganz im Gegenteil, seine Detailliebe gibt dem Film eine sehr besondere Note, denn die konstante Darstellung von Schönheit in all ihren Formen kontrastiert mit der tiefen Trauer des Protagonisten, die in dieser ästhetischen Welt völlig fehl am Platz scheint.

Trauer, Hoffnungslosigkeit, innere Leere und vor allem Liebe und Tod, das sind die zentralen Themen von "A Single Man". Christopher Isherwoods Story erzählt nichts anderes, als die totale Verlorenheit eines Mannes, zerstört durch den Tod seines Geliebten, der sich nun selbst nach dem Tod sehnt. Der Zuschauer darf ihn an einem entscheidenden Tag begleiten und kann sich dem Sog dieses profunden Weltschmerzes nicht entziehen; gleichzeitig aber gibt es immer wieder auch herrlich amüsante Szenen, sei es durch einfache Situationskomik oder clevere Dialogzeilen, die diese Trauer zu durchbrechen vermögen. Eine Leichtigkeit stellt sich aber nie ein. Dafür ist Georges Leid zu greifbar, vor allem aufgrund seiner Rückblicke, Erinnerungen an die gemeinsame Zeit mit Jim, die wie Tagträume den Handlungsverlauf unterbrechen und nicht nur einen Einblick in Georges Vergangenheit ermöglichen, sondern auch in seine komplexe Psyche.

Hier kommt Colin Firth ins Spiel. Es ist schon eine gewisse Ironie, dass ausgerechnet er, die Verkörperung des heterosexuellen britischen Gentlemans, als Homosexueller so dermaßen überzeugt, dass man keine einzige Sekunde lang zweifelt, hier einen schwulen Mann vor Augen zu haben. Dabei ist Firth aber keinesfalls klischeehaft, sondern strahlt als George Falconer eine unglaubliche Präsenz aus: George ist gleichzeitig selbstbewusst und debil, nach Außen hin der völlig kontrollierte Professor, innerlich ein seelisches Wrack. Kurzum: Ein Mann, der den Zuschauer sofort in seinen Bann zieht. George Falconer, mit seiner englischen Korrektheit, seinen maßgeschneiderten Anzügen und seiner dicken Hornbrille ist einfach umwerfend. Völlig zurecht brachte diese Leistung Firth die erste Oscarnominierung ein. Ford darf man zudem ein Kompliment dafür machen, dass er George Falconer in Colin Firth sah und ihm die Chance gab, diese Rolle zu spielen, die Firth übrigens beinahe abgelehnt hätte. Auch das restliche Casting fügt sich perfekt in das Gesamtbild ein, sei es Matthew Goode als schöner Liebhaber, oder Fords Muse und Stammmodel Jon Kortajarena in einer kleinen, aber hervorragenden Szene. Selbstverständlich muss man auch Julianne Moore erwähnen, die in ihrer begrenzten Screentime eine Wucht ist und im Zusammenspiel mit Firth für grandiose Momente sorgt. Sie legt eine völlig neue Seite an George frei und bereichert den Film gleichzeitig durch ihre Rolle der exzentrischen, aber ebenfalls tief einsamen Charly. Neben Firth ist allerdings Nicholas Hoult die Entdeckung des Films. Er beeindruckt als Kenny, ein junger Student, dessen Charakter eine faszinierende Mischung aus entwaffnender Ehrlichkeit, unwiderstehlicher Anziehungskraft und jugendlicher Unschuld bildet.

Ein tragisches, wenn auch nicht ganz unerwartetes, aber dafür sehr passendes Ende bestätigt nach rund 100 Minuten den hervorragenden Gesamteindruck, den dieses Debüt von Tom Ford hinterlässt. "A Single Man" ist unerwartet tiefgründig, bewegend und emotional. Das prinzipiell einfach gestrickte Drehbuch entfaltet durch Fords kinematographisches Händchen, der traumhaften Musik von Abel Korzeniowski und den erstklassigen Cast eine Wirkung, die auch nach Ende des Films lange anhält.

Fazit

"A Single Man" ist wie ein perfekter Anzug: Stilvoll, klassisch, passt von oben bis unten. Selten war Trauer so schön.

Maria Gruber - myFanbase
08.04.2010

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