Bewertung: 9
Tim Burton

Sweeney Todd - Der teuflische Barbier aus der Fleet Street

There's a hole in the world like a great black pit that's filled with people who are filled with shit.

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Inhalt

Der etwas naive Barbier Benjamin Barker (Johnny Depp) gerät in eine hinterlistige Intrige des arroganten Richters Turpin (Alan Rickman). Ehe Barker sich versieht, findet er sich selbst im Exil wieder, getrennt von seiner wunderschönen Ehefrau und seiner kleinen Tochter.

Fünfzehn Jahre gehen ins Land, bis Barker, nun unter dem Namen Sweeney Todd, in seine einstige Heimat London zurückkehrt. Er erfährt von der glücklosen Pastetenbäckerin Mrs. Lovett (Helena Bonham Carter), dass seine Frau kurz nach seinem Verschwinden Selbstmord begangen haben soll und Turpin seither seine Tochter als sein eigenes Mündel aufzieht. Um sich an dem Richter zu rächen, schmieden die beiden einen perfiden Plan: Todd will Rache nehmen und Lovett soll dafür sorgen, dass niemand die ermordeten Menschen zu Gesicht bekommt.

Kritik

"Sweeney Todd" ist defintiv keines dieser Hochglanz-Musicals mit Starbesetzung, die Hollywood alle paar Jahre auf die Zuschauer loslässt. Hier glänzt nichts und niemand, alles ist düster und dreckig und auch die Darsteller bleiben die meiste Zeit über blass.

Tim Burton bleibt seinem etablierten Stil treu und zeigt schon zu Beginn des Films, dass man in diesem Musical sicherlich keine Massentanzszenen erwarten darf, keine schmachtende Balladen und schon gar keine glücklichen Melodien. Burton entführt uns in ein London, das nichts mit der mondänen Weltstadt von Heute zu tun hat. Die Stadt ist ein Molloch, in dem Menschenmassen zwischen hohen, schwarzen Mauern in ungeheurem Elend zusammengepfercht dahinvegetieren. Es gibt keinen Lichtblick, keine Sonne, keine Zukunft. Die Menschen leben in einer klaustrophobischen Hölle. Und mittendrin leidet Todd. Er ist wütend über seine Verzweiflung, sein vergeudetes Leben und vor allem seine unglaubliche Naivität. Er verlässt kaum seinen Frisiersalon, flüchtet sich also an den einzigen Ort, von dem man den Himmel sehen kann, der trist und wolkenverhangen über der Stadt hängt.

Dieses düstere Bild von London prägt den gesamten Film. Es gibt keine Farben und die Gesichter der Darsteller, allen voran das des Johnny Depp, wirken durch das fahle Licht unglaublich blutleer und bleich. Nur für eine einzige Szene, die im Kontext herrlich absurd wirkt, wird die graue Tristess durchbrochen. Blendend grell wirkt Lovetts Vorstellung von einem heilen Familienleben an der Küste Englands. Durch die durchdringenden Farben wirkt diese Vision beinahe schon groteskt und unwirklich. So überraschend diese Helligkeit und Farbigkeit auch aufgetaucht ist, so schnell hat der Zuschauer das grelle Zwischenspiel auch schon wieder vergessen.

Ganz im Stile von "Sin City" sind Rot und Gold die einzigen Farben, die die dunkle Tristess des Lebens durchbrechen können. Und so bekommen die Charaktere, allen voran Sweeney Todd, nur Farbe, wenn sie mit Blut in Berührung kommen. Und das fließt gegen Ende des Films in ungeheuren Mengen, wenn Todd das Blut seiner Opfer aus den Kehlen ins Gesicht spritzt. Für zart besaitete Gemüter sind diese voyeuristischen Mordszenen garantiert nichts und hätten auch ein wenig weniger aggressiv inszeniert werden können.

Die Darsteller überzeugen dabei auf allen Ebenen. Vor allem Johnny Depp spielt seine Figur mit gewaltiger Intensität und erschreckender Brillanz. Sein Gesichtsausdruck verrät ein im Inneren ständig brodelnden Zorn, der sich in herausgepeitschtem Sprechgesang einen Weg nach draußen sucht. Dass Depp nicht unbedingt ein großartiger Sänger ist, zeigen die vielen Passagen, in denen Depp die Songs oft eher wütend herausspricht als singt. Aber das sei ihm angesichts der großartigen darstellerischen Leistung verziehen. Auch Helena Bonham Carter gehört definitiv nicht zu den stimmgewaltigsten Sängerinnen, doch sie harmoniert mit Depp wunderbar und zusammen singen und sprechen sie sich in ungeahnte Höhen. Ein wenig befremdlich ist jedoch der Wechsel zwischen Originalstimme und Synchronisationsstimme, die ab und an die gewaltige Stimmung ein wenig ins Trudeln bringt. Aber lieber so, als auf Depps interessante Stimme zu verzichten und so lernt man auch nach wenigen Minuten, dass die Untertitel vollkommen irrelevant sind und man sich auf die Stimmung konzentrieren sollte.

Auch Alan Rickman spielt brillant den hinterhältigen Richter Turpin, der trotz seines arroganten, skrupellosen Auftretens am Ende dennoch ein Mensch bleibt, der sich nach Liebe sehnt. Im Gedächtnis bleibt auch Sascha Baron Cohen, der faszinierend-witzig den eingebildeten falschen Italiener gibt und damit eindrucksvoll gegen sein "Borat"-Image ankämpft. Die Lacher sind definitiv auf seiner Seite, bis auch ihn das unheilvolle Schicksal einholt und er sich mit dem Falschen anlegt.

Wie schon angesprochen, wird in "Sweeney Todd" nur wenig getanzt, was durchaus ungewöhnlich für ein Musical ist. Lediglich Lovett und Todd tanzen, doch jedes Mal wenn sie sich berühren, scheint es fast so, als tanze der Tod und der Teufel mit ihnen. Ihr Tanz in der Mitte des Films besitzt dabei eine fast schon bittere Komik: der Zuschauer lacht mit den beiden, als sie darüber fantasieren, welcher ihrer Mitbürger sich am besten für die Füllung der Fleischpasteten eignen würde. Man lacht über grausame Mordgedanken, von denen man ahnt, dass sie in dieser Konstellation wahr werden könnten, was schon ein wenig makaber erscheint.

Einen Liebesfilm der ganz anderen Art präsentiert uns Tim Burton da, der im Gegensatz zu anderen Produktionen nicht gut ausgehen wird und darf. Das ahnt man schon zu Beginn des Films, denn Sweeney Todd hat nicht die Absicht, in dieser Stadt, die so voller Sch**** ist, weiter zu leben. Er lebt und stirbt zur Not auch für seine Rache.

Fazit

Burton präsentiert uns mit "Sweeney Todd" ein einzigartiges Horrormärchen, mit übertriebenen, stilisierten Figuren, das mit wenig Farbe auskommt und doch eindrucksvoll in den Köpfen der Zuschauer bleiben wird. Fans von Tim Burton wird wohl das ironische Augenzwinkern fehlen, auf das Burton (bewusst) verzichtet haben dürfte. Unterhaltsam ist dieses etwas andere Musical allemal und Johnny Depp hat seine Oscarnominierung mehr als verdient.

Melanie Wolff - myFanbase
03.03.2008

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