Wunderbare Jahre - Review des Piloten

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Ganz im Stile von Reboots, die seit mindestens zwei Jahren völlig en vogue sind, hat sich ABC an einem solchen des Kultklassikers "Wonder Years" gewagt, der schon von 1988 bis 1993 intern gelaufen war. Die Handlung drehte sich damals um die Arnolds, eine Familie in den späten 1960ern, deren Leben auf humorvolle Art und Weise, aber dennoch mit einem sozialkritischen Blick in den Fokus genommen wurde. Schließlich ereigneten sich in den Jahren, in denen die Serie spielte, beispielsweise der Vietnamkrieg sowie die Morde an Robert F. Kennedy und Martin Luther King. Das Reboot nun, das in Deutschland unter "Wunderbare Jahre" bei Disney+ zu streamen ist, setzt im selben Jahr an, 1968 also, handelt aber von einer afroamerikanischen Familie, die in Montgomery, Alabama, wohnt. Dieses Reboot passt vom Papier her ganz hervorragend in das Programm von ABC, das bereits mit Serien wie "The Kids Are Alright", "Fresh Off the Boat", "Die Goldbergs" oder "Mixed-ish" den Blick in die Vergangenheit gewagt hat und dabei auch auf kulturelle Diversität setzt(e). Lohnt sich aber auch konkret dieses Reboot?

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Foto: Wunderbare Jahre (The Wonder Years) - Copyright: ABC Studios; ABC/Matt Sayles
Wunderbare Jahre (The Wonder Years)
© ABC Studios; ABC/Matt Sayles

Auch wenn ich das Original nicht kenne und daher auch keine Vergleiche anstellen kann, bin ich bei historisch und auch sozialkritisch geprägten Serien immer sofort hellhörig, denn die Geschichte ist immer lehrreich, vor allem wenn es um die vage Hoffnung geht, aus der Vergangenheit zu lernen. Deswegen verehre ich seit einigen Jahren auch schon die Comedyserie "Black-ish". Diese spielt zwar in der Gegenwart, hat aber dennoch eine Erzählweise gehabt, geschickt Lehren aus der Vergangenheit mit dem Jetzt zu verbinden. Daher war ich wirklich gespannt darauf, wie die Idee bei "Wunderbare Jahre" umgesetzt würde, da die späten 1960er Jahre wirklich schon eine gefühlte Ewigkeit ins Land gezogen sind, aber deswegen ja noch lange nicht weniger Bewandtnis haben müssen. Bei "Wunderbare Jahre" haben wir es für dieses Genre inzwischen typisch mit einem Erzähler zu tun, der uns aus der Gegenwart mit auf eine Reise mit in die Vergangenheit nimmt. Der erwachsene Dean Williams wird von Don Cheadle gesprochen, der sich für diese Funktion wirklich großartig ereignet, da er das entsprechende Talent hat, einen neugierig zu machen und gerne zuzuhören. Zudem erlaubt es der Erzähler auch, einige Aspekte der Handlung direkt zu reflektieren, was definitiv ein sehr interessanter Aspekt ist. Denn die Serie spielt so damit, dass wir alles aus Deans Perspektive nehmen, der damals noch ein Kind war und daher viele Umstände noch nicht in ihrer Gänze begreifen konnte. So ist die Serie mit Bildern auf ihn und seine Perspektive beschränkt, während es der Erzähler erlaubt, über diesen Tellerrand mit Weitsicht hinauszuschauen. Im Pilot wird diese enge Perspektivierung sehr strikt durchgezogen, was definitiv reizvoll ist, aber auch bei einer Serie wie "Fresh Off the Boat" ging es so los, bis das Stilmittel aber immer mehr schleifen gelassen wurde, bis es fast nur noch Pflicht statt wirkliche Leidenschaft war.

Zudem muss ich sagen, dass die Faszination für die Erzählsituation in dieser Auftaktfolge auch dadurch geschmälert wurde, dass das Gesagte zu sehr wie ein belehrendes Kapitel wirkte. Natürlich beruht jede Episode auf einem Drehbuch, aber das meine ich nicht, weil hier alles so passend gemacht wurde, dass wir über alles und jeden Bescheid wissen, aber eigentlich nicht wirklich. Der Pilot ist gefüllt von Details ohne Ende, dazu kennen wir nun alle Parolen der Williams-Eltern (gespielt von Dulé Hill und Daycon Sengbloh), das ist alles nett, aber es hat erschwert, eine durchgängige Handlung zu erkennen. Stattdessen war es vieles Kleines, das sich aber nicht zu einem Gesamten zusammensetzen wollte. Dadurch ist auch zu keinem Zeitpunkt für mich die ideale Mischung aus Komik und Dramatik erreicht worden. Denn bereits jetzt ist klar, dass "Wunderbare Jahre" keine klassische Comedy werden wird. Hier geht es nicht um 20 Minuten zum Ablachen, sondern um Aufrütteln, aber auf die humorvolle Art und Weise. Das klingt auch nach genau dem richtigen Rezept, doch dann müssen sich die Umstände auch natürlicher anfühlen. Gerade bei Comedyserien tut es immer gut, wenn man die Handlung an einzelnen Stellen einfach laufen lässt, denn viele Geschichten erzählen sich ganz von selbst und dann kommt der Bogen am Ende ganz von selbst.

Hier sieht der Pilot inhaltlich nun so aus, dass wir immer wieder Hinweise zur Rassentrennung (damals zwar gesetzlich schon abgeschafft, faktisch aber nicht) eingestreut bekommen. Während die ältere Generation damit auch gar kein großes Problem zu haben scheint, stört es den jungen Dean (Elisha Williams) gewaltig. Denn er hat mit Brad (Julian Lerner) einen weißen Freund, doch bis auf das gemeinsame Schulgebäude läuft immer noch alles brav nach Hautfarbe getrennt ab. Der Perspektive des Jungen entsprechend bekommt man diese Erlebnisse nicht in voller Brutalität zu spüren, da die naive Sichtweise noch mitschwingt, und dennoch reichen die Bilder, um das Ausmaß zu erkennen. Zu allem Übel schlägt dann am Ende der Episode die Nachricht vom Tod Martin Luther Kings erschütternd ein. Hier ist zum Lachen dann gar nichts mehr zu finden, denn es ist deutlich, wie sehr diese Nachricht die schwarze Gemeinschaft getroffen hat. Auf der einen Seite weiß ich es zu schätzen, gleich zu Beginn inhaltlich so ein Ausrufezeichen zu setzen, aber andererseits endete der Pilot damit auch auf einer sehr traurigen Note. Hier wird es für die Zukunft die Aufgabe sein, die Balance besser zu finden, denn nach so einer Vorlage kann die Produktion nicht einfach zum harmlosen Tagesgeschäft übergehen.

Was für mich ebenfalls noch nicht vollständig zieht, das ist der Cast. Cheadle als Erzähler und Williams als junger Dean, das passt ganz wunderbar. Sie stehen für einen recht ähnlichen Typus, hier hat sich also jemand etwas gedacht. Aber gerade Williams, bei dem auch Gestik und Mimik entscheidend werden, beweist sofort Talent, so eine Serie auch tragen zu können. Ihm fliegen Sympathien wohl spielerisch leicht zu. Ansonsten finde ich den Cast bislang noch furchtbar blass. Dieses Urteil hat mich besonders bei Hill verwundert, der für Serienfans durch "Psych" nun wahrlich kein Unbekannter ist, aber seine Vaterfigur Bill erschien mir schrecklich gönnerhaft, dazu distanziert und nicht mit dem Gefühl für die Situation, wie es erforderlich gewesen wäre. Er musste jetzt nicht unbedingt der Sympathieträger sein, aber sein Gesichtsausdruck vom Plakat ist wohl Programm. Ich weiß nicht, ob ich da in Zukunft meinen Frieden mit machen werde. Sengbloh als Mutter Lillian ist deutlich sympathischer, aber auch sie ist für mich nicht sofort zu packen, weil ihre Positionierung zu vielem noch nicht ersichtlich ist. Sie scheint keine brave Hausfrau zu sein, sondern durchaus mit eigener Agenda, aber wie sieht diese aus? Aber auch bei Schwester Kim (Laura Kariuki) kocht noch nicht viel Liebe über. Sie scheint gerade in der rebellischen Phase schlechthin zu sein. Heimliches Knutschen mit dem Freund im Auto, dazu posieren mit Waffe. Auch hier ist der bisherige Knackpunkt der Serie gut eingefangen: es wird viel angedeutet, ohne aber in eine entscheidende Richtung zu führen. Zudem wissen wir, dass der große Bruder für den Krieg eingezogen wurde. Wann er mal persönlich auftauchen wird, bislang nicht bekannt, aber es ist bereits jetzt klar, dass er auch ohne körperliche Präsenz wie ein Schatten über allem schwebt.

Fazit

"Wunderbare Jahre" passt definitiv gut in das Portfolio von ABC und auch das Ansinnen der Serie, sozialkritisch, aber dennoch mit Humor, das Leben einer afroamerikanischen Familie im Jahr 1968 zu beleuchten, ist löblich. Doch abgesehen von den stilistischen Kniffen mit dem Erzähler passt für mich das Erfolgsrezept bei der Serie nach dem Auftakt noch nicht. Die Emotionen hielten sich noch nicht in der Waage, die Charaktere sind größtenteils noch blass oder gar unsympathisch und einen durchgehenden Handlungsfaden sucht man auch vergebens. Aber ich gehe positiv davon aus, dass es die üblichen Anfangsschwierigkeiten einer neuen Serie sind und sich alles erst noch einpendeln muss.

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Lena Donth - myFanbase

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