Maid - Review Miniserie

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Foto: Margaret Qualley, Maid - Copyright: 2021 Netflix, Inc.; Ricardo Hubbs/Netflix
Margaret Qualley, Maid
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Die US-amerikanische Miniserie "Maid" beruht auf den Memoiren von Stephanie Land mit dem Titel "Maid: Hard Work, Low Pay, and a Mother's Will to Survive". Angesichts dieser Ausgangslage fiel es mir doch recht schwer abzuschätzen, was mich für eine Serie erwarten würde. Dazu waren die Charakterbeschreibungen zu den veröffentlichten Castingnews völlig belanglos, wie beispielsweise bei der von Margaret Qualley dargestellten Hauptfigur Alex, von der es heißt: "Eine alleinerziehende Mutter, die sich dem Putzen zuwendet, um sich dem Kampf gegen Armut, Obdachlosigkeit und Bürokratie zu stellen." Auch wenn ich im Nachhinein sagen kann, dass es natürlich den Kampf von Alex auf den Punkt gebracht hat, bin ich sogar irgendwie froh, dass alle vorab veröffentlichten Informationen so nichtssagend an die Presse übermittelt wurden, denn so hat sich "Maid" für mich als absolutes Überraschungspaket entwickelt, über das ich euch gerne im Folgenden ordentlich vorschwärmen würde.

Foto: Rylea Nevaeh Whittet & Margaret Qualley, Maid - Copyright: 2021 Netflix, Inc.; Ricardo Hubbs/Netflix
Rylea Nevaeh Whittet & Margaret Qualley, Maid
© 2021 Netflix, Inc.; Ricardo Hubbs/Netflix

Wir erleben zu Beginn der Serie eine völlig verängstigte und doch entschlossene junge Frau, die sich entscheidet, ihren Freund und Kindsvater Sean (Nick Robinson) zu verlassen, da sie in Sorge um sich, aber vor allem um ihre 2-jährige Tochter Maddy (Rylea Nevaeh Whittet) ist. Die ersten Episoden ist sie damit beschäftigt, eine Lösung für ihren neuen Lebensabschnitt zu finden, der aber zahlreiche Stolperfallen und überfordernde Maßnahmen bereit hält. Dabei eröffnet sich nach und nach mehr Details über Alex' Leben, bei denen deutlich wird, dass sie es niemals leicht hatte und höchstens temporäres Glück empfunden hat. Denn ihr Vater (Billy Burke) war ein Alkoholiker, der ihre Mutter (Andie MacDowell) geschlagen hat und diese wiederum ist bipolar, medikamentös aber überhaupt nicht eingestellt, weswegen es bei ihr immer ein Glücksspiel ist, ob sie gerade halbwegs bei Verstand ist oder ob sie völlig den Halt verloren hat und man nicht mehr ein vernünftiges Gespräch mit ihr führen kann. Dazu dann eben Sean, der ihr Interesse an Literatur widergespiegelt hat, der aber ebenfalls als Kind einer alkohol- und drogensüchtigen Mutter stets sein Päckchen zu tragen hatte und viele Verhaltensmuster unbewusst übernommen hat. Wirklich einfach hat es das Leben mit Alex also nie gemeint, weswegen ich intuitiv vermutet hätte, dass sie auf die harte Tour ihre Selbständigkeit erlernt hat. Aber teilweise hat man gemerkt, dass sie in gewissen Themenbereichen wie Sorgerecht, Unterhalt, Wohnungssuche und vielem anderen sehr unmündig war. Aber genau das hat auch so einen faszinierenden Widerspruch ergeben, weil man gemerkt hat, dass sie eine sehr intelligente junge Frau ist, die oft von den Umständen des Lebens klein gehalten wurde und erst lernen muss, sich selbst zu entfalten.

"Maid" ist quasi ein in Buchform erzählter Ich-Roman, da die gesamte Serienhandlung mit ihr beschäftigt ist. Es gibt keine Szene, in der Qualley nicht vor der Kamera steht. Daher braucht es eine dementsprechend begabte Darstellerin, die diese bedeutungsvolle Rolle auch qualitativ ausfüllen kann. Ich kannte Qualley bislang aus keinem einzigen Projekt, aber hier liegt die gute Schauspielfähigkeit offenbar in den Genen, denn MacDowells Tochter hat mit "Maid" definitiv ihre Feuertaufe überstanden, da sie die Serie völlig unaufgeregt beherrscht. Alex ist nämlich niemand, die ständig mit Gefühlsausbrüchen positiver oder negativer Art zu kämpfen hat, im Gegenteil sie ist fast schon stoisch. Ich habe sie oft angesehen und mir vorgestellt, wie ich nach den Ereignissen wohl reagiert hätte und mich dann gefragt: wie hält sie das nur ohne Weinen aus, um einmal ihre Seele zu entladen? Alex ist also keine Rolle, bei der man als Schauspielerin mit den Extremen arbeiten kann, nein, es ist eine ganz andere Herausforderung, weil es so vor allem auf Gestik, aber noch mehr auf Mimik ankommt, da hier Qualleys große, schöne Augen die Tore zu ihrer Seele sind. Und auch wenn Alex dann in entsetzlichen Momenten nicht die Tränen in Bächen die Wange runterrinnen, so ist ihre Trauer und ihre Erschöpfung eben doch zu erkennen; in ihren Augen. Deswegen muss ich wirklich meinen imaginären Hut ziehen, weil ich eben trotz dieser stoischen Art alle Gefühle nachempfunden habe, die Alex gerade durchlebt hat und das ist eben Qualley zu verdanken! Aber auch die anderen größeren Rollen sind wirklich überzeugend besetzt. MacDowell und Qualley hatten als Mutter-Tochter-Duo natürlich ein Heimspiel, doch Paula war definitiv auch kein mal nebenbei darzustellende Rolle und das hat sie auch beängstigend gut gemeistert. Aber auch Robinson in einer mal etwas dunkleren Rolle zu erleben, das war eine Erfahrung wert.

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Ich habe bereits geschrieben, dass ich angesichts der Vorlage und des Serientitels eine etwas andere Serie erwartet habe, aber Alex' Tätigkeit als Putzfrau ist wirklich nur ein kleiner Anteil des Seriengeschehens. Vermutlich ist dieser Aspekt hängengeblieben, weil sie über ihre verschiedenen Erfahrungen mit den Familien, für die sie arbeitet, wieder ihre Leidenschaft fürs Schreiben entdeckt und so alles auf humorvolle Art und Weise, was sie erlebt, verarbeitet. Doch humorvoll ist es nur geworden, weil Alex vieles mit zeitlichem Abstand reflektiert hat, aber viele Erlebnisse aus dem Moment heraus waren auch einfach purer Horror, weswegen das Putzen als einzige Überlebensstrategien in der Gesamtheit sinnbildlich für alle andere steht. Aber die Serie behandelt so viele andere Themen noch, dass ich sie gar nicht alle aufzählen kann. Manche sind auch eher nebenbei behandelt worden, wie die beruflichen und privaten Strapazen von der erfolgreichen Regina (Anika Noni Rose), aber das war der Serie schnell zu verzeihen, weil man als Zuschauer*in versteht, dass es um Alex' Geschichte geht. Aber diese Mischung aus Themen erinnert wohl jede*n von uns daran, dass jedes Leben einer Achterbahn gleicht. Jede*r von uns hat mit seinen*ihren persönlichen Dramen zu kämpfen und in "Maid" erleben wir das geballt nun am unteren Spektrum. Dennoch wird das Geschehen dadurch eben nicht unrealistisch, weil sich viele Rückschläge gegenseitig begünstigen. Aber so ist eben auch diese Serie eine einzige emotionale Achterbahnfahrt, denn man weiß bei jedem Höhepunkt für Alex, dass der nächste Hieb in die Magengrube schon bald erfolgen wird. Das war besonders drastisch an dem Moment zu erkennen, als Alex sinnbildlich durchs Leben tanzt nach einer positiven Nachricht, aber ich konnte gar nicht hinsehen, weil ich wusste, bald wird sie schon wieder ausgebremst sein. Aber dieses Mitfiebern hat für mich die Serie zentral ausgemacht, weil Alex' Schicksal zu meinem eigenen wurde und ich mich herausgefordert sah, alles mit ihr durchzustehen.

Sämtliche Highlights der Serie aufzuzählen, würde hier eine ellenlange Review ergeben, weswegen ich mir nur noch einige Aspekte konkret herausgreifen möchte. Am meisten hat mich über die zehn Episoden hinweg Alex' Liebe für ihre Tochter Maddy berührt. Die Serie hat auch zu keinem Zeitpunkt die Frage aufgeworfen, ob sie als Mutter ungeeignet ist (außer natürlich von Sean im eigenen Interesse angestoßen), was sich angesichts ihrer ganzen Erfahrungen sicherlich auch hätte logisch ergeben können. Nein, stattdessen ist sie ohne Frage auch eine großartige Löwenmutter, die komplett alles, aber wirklich alles dem Wohl ihrer Tochter unterordnet. Der Kontrast wurde besonders deutlich, als sie einen Kurs besuchen muss, wo Mütter auf die vermeintlich ideale Elternschaft vorbereitet werden und man sofort merkt, das ist toxisch, was dort vermittelt wird. Und dann hat man Alex, die sicherlich gerade nicht die idealen Lebensumstände für ihre Tochter anbieten kann, die aber das Wichtigste mitbringt: die bedingungslose Liebe für Maddy, die sie immer an erste Stelle setzen wird. Deswegen war das Ende der Serie auch so perfekt gestaltet, weil die Liebe zwischen Mutter und Tochter Ursprung und Endziel von "Maid" darstellt. Hier schließt sich der perfekte Kreis, der mich am Ende sehr zu Tränen gerührt hat. Denn hier hatte ich wirklich die Gewissheit, dass Alex wohl für die bislang längste Zeit in ihrem Leben ohne Rückschlag auskommen wird.

Foto: Nick Robinson & Rylea Nevaeh Whittet, Maid - Copyright: 2021 Netflix, Inc.; Ricardo Hubbs/Netflix
Nick Robinson & Rylea Nevaeh Whittet, Maid
© 2021 Netflix, Inc.; Ricardo Hubbs/Netflix

Zuletzt hat mich noch die Darstellung von emotionalem Missbrauch sehr eingenommen. Es wird in "Maid" selbst angesprochen, dass emotionaler Missbrauch im Gegensatz zu körperlichem Missbrauch oft keine strafbare Grundlage darstellt (verschiedene Länder natürlich mit verschiedenen Handhabungen, aber in der Welt von "Maid" so dargestellt) und Alex selbst braucht lange, bis sie diese Anschuldigung überhaupt gegen Sean verbal vorbringen kann. Sie weiß, was er ihr angetan hat, aber denkt immer wieder daran, was andere Frauen wohl erleiden müssen. Doch dabei lässt sie völlig aus den Augen, dass seelische Narben oft viel größere Nachwirkungen als körperliche Blessuren haben. Es ist für Alex dementsprechend ein Prozess zu erkennen, wie Sean mit ihr agiert hat. Was natürlich auch noch einen besonderen Reiz dargestellt hat, war die Darstellung von Sean im Allgemeinen. Es mag sein, dass in meiner subjektiven Wahrnehmung, in der ich Robinson als Schauspieler sehr sympathisch finde, einiges verschleiert wurde, aber dennoch bin ich auch überzeugt, dass Sean nicht eindimensional 'böse' und 'missbräuchlich' dargestellt werden sollte. Ohne Frage war es richtig von Alex, diese Beziehung hinter sich zu lassen, aber dennoch habe ich auch Mitgefühl für Sean entwickelt, aber nur in dem Punkt, dass ich ihm gewünscht habe, dass er Heilung in seinem Leben findet, aber gewiss kein Happy End mit Freundin und Tochter. Als die Serie einsetzt, erleben wir Alex beim Beenden der Beziehung, wir bekommen glückliche Momente der beiden also nur in Rückblenden erzählt, aber auch die besonderen schlimmen Momente werden dadurch nicht ausführlich beleuchtet. Aber die Serie nimmt sich nach hinten noch ausführlich Zeit, Alex wieder in diese missbräuchliche Beziehung zu schicken und da fand ich es wirklich mitreißend, wie die erneute Gefangenschaft in der Beziehung visuell dargestellt wurde. Wenn Alex sich aufs Sofa setzt und darin untertaucht, so dass sie alles Geschehen nur noch aus ganz weiter Entfernung miterlebt, das passt zum Gesamtbild, das Alex in der gesamten Serie vermittelt hat, aber es passt auch generell auf den seelischen Zustand, den Opfer von häuslichem Missbrauch durchleben müssen. Hier möchte ich noch einmal den Hut davor ziehen, dass sich "Maid" zu jedem Zeitpunkt einer Darstellung mit viel Fingerspitzengefühl verschreibt.

Fazit

Miniserien sind ohne Frage auf dem Vormarsch und ich habe in den letzten Jahren immer mindestens eine gehabt, die mich tief bewegt hat. 2019 war es "When They See Us", 2020 war es "Das Damengambit" und für dieses Jahr ist es ohne Frage "Maid". Ich habe so sehr mit Alex mitgelitten, dass mir alle ihre Erlebnisse wirklich sehr an die Substanz gingen und doch ist das positiv gemeint, weil die Geschichte so echt und so brillant gespielt ist. Es ist eine Geschichte mitten aus dem Leben, die hoffentlich auch einige wachrüttelt, die aber definitiv auch den Mut gibt, dass jede*r von uns für seine Träume kämpfen sollte, allen Widerständen zum Trotz!

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Lena Donth - myFanbase

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