Andreas' Rückblick 2018/2019
Die beste Staffel - "When they see us"

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In der Nacht des 19. April 1989 wurde eine 28-jährige Joggerin im Central Park in Manhattan, New York City, angegriffen und vergewaltigt. Die Joggerin, Trisha Meili, war so schwer verletzt, dass sie zwölf Tage im Koma lag. Zur etwa gleichen Zeit erhielt die örtliche Polizei mehrere Meldungen, dass 30 bis 40 Jugendliche im Park andere Besucher dort belästigten. Schnell verband die Polizei beide Taten und mindestens 14 Verdächtige wurden durch die Polizei vernommen. Unter ihnen waren Kevin Richardson, Antron McCray, Yusef Salaam, Korey Wise und Raymond Santana, die unter extremem Druck der Polizei zu Geständnissen gezwungen wurden und schließlich zu Unrecht Gefängnisstrafen zwischen 6 und 13 Jahren verbüßen mussten. Die True-Crime-Miniserie "When They See Us" erzählt die Geschichte der von den Medien genannten "Central Park Five" (die heutzutage aber "Exonerated Five" genannt werden möchten), und sie erzählt sie schockierend gut. "When They See Us" zeigt auf erschreckende Art und Weise den systematischen Rassismus, der auf dem Rücken unschuldiger Jugendlicher ausgetragen wurde und deren Leben zerstört hat.

Foto: Jharrel Jerome, When They See Us - Copyright: Atsushi Nishijima/Netflix
Jharrel Jerome, When They See Us
© Atsushi Nishijima/Netflix

"She [Anm.: Linda Fairstein, die Staatsanwältin, die die Exonerated Five anklagt] is part of a system that's not broken. It was built to be this way […]. It was built to oppress. It was built to control. It was built to shape our culture in a specific way, that kept some people here and some people here. It was built for profit. It was built for policital gain and power and it is incumbent upon us. It lives off of us, our taxpayer dollars, our votes, the goods that we buy that are made inside of prisons. It lives off of our ignorance, and we can no longer be ignorant."

Dass Serienmacherin Ava DuVernay vor derart hartem Stoff nicht zurückweicht, bewies sie unter anderem mit der oscarnominierten Dokumentation "Der 13.", einer Abrechnung mit dem US-amerikanischen Gefängnissystem, in dem Afro-Amerikaner und ethnische Minderheiten im Allgemeinen systematisch benachteiligt werden. Daher ist die Wahl, den aufsehenerregenden Fall der "Exonerated Five" als fiktionale Serie zu erzählen, nur als konsequent zu sehen.

Die erste Episode erzählt hierbei auf die schonungsloseste Art und Weise überhaupt, wie die fünf Jungs in das Visier der Polizei geraten und in dem Justizapparat hoffnungslos gefressen werden. Die Dreistigkeit der Polizei, die Unschuld dieser Jugendlichen, die vehement bearbeitet werden, bis sie eine kriminelle Tat zugeben, die sie nie begangen haben, die Verzweiflung der beteiligten Familien – all das führt zur wahrscheinlich besten Serienstunde 2019. In dieser Episode wird dem Zuschauer auf verschiedenste Arten und mehrmals das Herz derart gebrochen, dass es ein fast körperlicher Schmerz ist, mit der Serie weiterzumachen. Aber "When They See Us" ist zu wichtig, und die folgenden Episoden zeigen warum.

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Während Episode eins also deutlich breiter angelegt wurde, um eine übergeordnete Story zu erzählen, werden Episoden zwei bis vier menschlicher, persönlicher. Sie fokussieren das Schicksal der einzelnen Jungs getrennt. Ein Kniff hierbei ist, dass sie konsequent erzählerisch begleitet werden, vom ersten Tag im Gefängnis bis zum letzten und darüber hinaus, konfrontiert mit der Wirklichkeit zurück im "echten" Leben, und wie sie damit umgehen. Man sieht, wie Antron, Yusef und Co. im Gefängnis erwachsen werden, erwachsen werden müssen, und wie sie zu diesem Zweck im Jugendlichen- und Erwachsenenalter von zwei unterschiedlichen Darstellern portraitiert werden. Gerade die jungen Darsteller machen ihre Sache hervorragend. Besonders hevorzuheben ist hierbei Jharrel Jerome, der als einziger sowohl die jugendliche als auch (!) die erwachsene Variante von Korey Wise mimt. Korey, als 16-Jähriger auch der einzige, der in ein Erwachsenengefängnis kommt und die volle Härte der US-amerikanischen Justiz erfährt, weist die schlimmste und berührendste Geschichte auf, und seine Episode ist die zweite große Sternstunde modernen Fernsehens in gerade mal gut vier Stunden Gesamtserienlaufzeit. Auch der restliche Cast ist hochkarätig besetzt und schauspielerisch überzeugend, von Niecy Nash über Michael Kenneth Williams, Felicity Huffman, Vera Farmiga bis hin zu Joshua Jackson, der in einer kleinen, aber bedeutenden Rolle zu sehen ist.

Ein wenig bemüht wirkt die Zeit, die dafür aufgewendet wird, den Donald Trump von 1989 in die Geschichte zu integrieren. Trump forderte 1989 auf ganzseitigen Anzeigen in New Yorker Zeitungen die Hinrichtung der "Exonerated Five" und will sich im Übrigen auch heute, 30 Jahre später, dafür nicht entschuldigen, selbst als ihre Unschuld bewiesen wurde und ihnen hierfür von der Stadt New York 41 Millionen US-Dollar zugesprochen wurden (plus später weitere 3,9 Millionen $). Es zeigt aber auf schockierende Weise, wie wenig sich seitdem geändert hat.

"When They See Us" rüttelt auf, schockiert, macht betroffen und begleitet den Zuschauer auch Tage später noch in seinen Gedanken. Wie konnte eine derartige Ungerechtigkeit zugelassen werden? Das Leben von fünf Männern wurde nachhaltig zerstört, für die einen mehr, die anderen weniger. Wer sich das Special mit Oprah Winfrey hierzu ansieht, bei dem die "Exonerated Five" interviewt wurden, weiß, dass man es hier bisweilen mit gebrochenen Menschen zu tun hat, die nicht nur die versammelte Schauspielerriege in der ersten Reihe zu Tränen rührten, als sie von ihrem aktuellen Zustand erzählen, sondern den gesamten Saal. "When They See Us" ist eine der radikalsten Kritiken am Zustand des US-amerikanischen Justizsystems (das Darsteller Joshua Jackson kurzerhand als System bezeichnet, das diesen Namen nicht verdient habe), das von strukturellem Rassismus lebt, und von der Art und Weise, wie mit nicht-weißen Menschen auch heute noch umgegangen wird. "When They See Us" sollte im Geschichtsunterricht als Anschauungsmaterial gesehen werden für ein System, das – wie Ava DuVernay es eindrucksvoll selbst sagt – nicht kaputt ist, sondern ganz bewusst genau so geschaffen wurde, wie es ist.

Andreas K. - myFanbase

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