Bewertung: 6
Smashing Pumpkins, Incubus, The Hives, Linkin Park, etc., The

Nova Rock 2007 - Nickelsdorf

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Was man sich freiwillig nicht alles antut: Eine Parkplatzsuche, die dank der Wankelmütigkeit der Securities einige Geduld erfordert, ein nächtlicher Marsch vom Parkplatz bis zum Einlass und von dort bis zum Zeltplatz, der dank immenser Länge tatsächlich eine Stunde dauert und somit sowohl Geduld als auch Kraft erfordert und ein Aufenthalt inmitten von Betrunkenen, überlaufenden Dixi-Klos und brütender Hitze - und das alles für eine Handvoll Bands, die ich wirklich gerne sehen wollte (Smashing Pumpkins, The Killers, Flogging Molly und allen voran Pearl Jam), ein paar Bands, bei denen es nicht schadete, sie zu sehen (Incubus, Linkin Park, zum Hunderttausendsten Mal Mando Diao und einige mehr) und so manchen Bands, bei denen der Schaden wohl größer als der Nutzen gewesen wäre (vermutlich der Großteil der Metal-Bands).

Einen Vorteil hatten aber die Absagen von Modest Mouse und Bright Eyes, die die einzigen gewesen wären, wegen denen ich die Wände hochgegangen wäre: Ein Festival ohne die geringste Erwartungshaltung zu betreten ist wirklich eine ganz andere Erfahrung - und man kann im Endeffekt fast nur besser aussteigen.

Der erste Tag begann mit bereits drückender Schwüle, ersten Gestanksschwaden von Seiten der Klos und der Entscheidung zwischen der Red Stage, ihres Zeichens Treffpunkt der härteren Fraktion, und der Blue Stage, auf der sich die eher alternativen Künstler einfanden. Die Entscheidung fiel nicht schwer und so machte man sich nachmittags auf den Weg zur Blue Stage, um die Schweden Johnossi genauer unter die Lupe zu nehmen - da das Duo sonst als Vorband von Mando Diao spielt, klang es leider auch nur nach einem billigeren Abklatsch derer und hinterließ keinen bleibenden Eindruck.

Sympathischer waren da schon Fotos, die vergnügt Werbung für die Hives machten (als ob die es nötig hätten) und zusammen mit einem Kumpel von Virginia Jetzt eine lässige Version eines Deichkind-Klassikers zum Besten gaben.

Danach ging es nach etlichen Besuchen des so genannten "Refreshment Tunnel" für kurze Zeit zurück zum Zeltplatz, bis es dann am Abend musikalisch interessanter wurde. Das dachte ich zumindest im Falle von Me First And The Gimme Gimmes, die ja eigentlich mit ihren fetzigen Cover-Songs als Stimmungskanonen wahre Wunder wirken sollten - aber schon nach kurzer Zeit gingen mir ihre ständigen und immer gleich bleibenden Witze über ihr Cover-Band-Dasein und die "I'm A Gimme"-Rufe extrem auf die Nerven. Die Stücke selbst sorgten natürlich schon für eine gewisse Stimmung im Publikum, was aber auch nicht weiter verwunderlich war, da sie ja praktisch jeder kannte.

Als nächstes standen dann schon die Hives am Programm und überzeugten neben all ihren Hits vor allem mit Selbstbewusstsein, Selbstbeweihräucherung und Selbstgefälligkeit. Eigenlob und Eigenwerbung funktionieren aber noch immer bestens als Stimmungsmacher und wenn man davon absieht, dass der Sänger an manchen Stellen zu dick auftrug und er sich anstatt herumzuzappeln lieber etwas mehr auf seinen Gesang konzentriert hätte, boten die Hives eine annähernd anständige Show.

Richtig anständig wurde es aber auf jeden Fall bei Incubus: Diese hatte ich komplett falsch eingeschätzt, und war dafür umso mehr von ihrem Auftritt begeistert. Sie mieden beinahe jeden Kontakt zum Publikum, und widmeten sich lieber ihren Stücken, die nicht zuletzt durch ihre fabelhaften Intros getragen wurden. Der Drang nach Perfektion und die offensichtliche Leidenschaft für die Musik übertrugen sich auch aufs Publikum und ließen Incubus zu einem persönlichen kleinen Highlight des Festivals werden.

Ein Highlight der etwas anderen Art waren natürlich die Headliner des ersten Tages: Die wiederauferstandenen Smashing Pumpkins. Nachdem von der ursprünglichen Besetzung nur noch Billy Corgan und der Drummer übrig waren, stand man dem Ganzen natürlich etwas skeptisch gegenüber. Als die Band dann um halb zwölf unter mystischer Musik und in dramatischer Aufmachung die Bühne betrat, wusste man nicht, ob man nun lachen oder doch lieber dieses Gänsehaut-Gefühl zulassen sollte: Corgan wirkte in seinem strahlend weißen Umhang und mit dem unbeweglichen Gesicht unter der Glatze wie ein Sektenführer oder ein Gott für die etwas andere Religion. Im Nachhinein betrachtet waren diese Kühle und Distanz aber das einzig Richtige - so transportierten sie genau die Stimmung, die für die Songs der Smashing Pumpkins nötig ist. Enthusiasmus und aufgesetzte Fröhlichkeit wären da völlig fehl am Platz.

Neben dieser Mystik war auch der Opener sehr beeindruckend: Sie eröffneten das Konzert gleich mit einem Stück des neuen Albums "Zeitgeist" - ein sehr mutiger Schritt, der jedoch gut aufgenommen wurde. Am besten kamen natürlich die alten Klassiker an: "Tonight, Tonight", "Zero" und wie sie alle heißen wurden mit lautem Jubel begrüßt, sodass wenigstens irgendjemand, wenn nicht schon die Musiker selbst, Enthusiasmus zeigte.
Mir selbst fehlen die Vergleichsmöglichkeiten, um beurteilen zu können, ob Billy Corgan mit seiner Band ein gelungenes Comeback hingelegt hat - ein gelungener Abschluss für den ersten Festivaltag war es auf jeden Fall.

Obwohl in der Nacht neben Unmengen von Angetrunkenen auch der Wind über das Gelände getobt war, war das Wetter am nächsten Tag vorerst noch immer schön und vor allem heiß. Die Wasserstellen und Waschplätze erfreuten sich großem Andrang, während sich die ersten Dixie-Klos schon in umgekipptem Zustand am Boden befanden (eine Aktivität, an der ich noch immer keinen Sinn entdecken kann).

Nach einem Bummel durch die Verkaufsstände, die im Prinzip alle mehr oder weniger das selbe anboten, ereilte uns die Nachricht, dass Hinder abgesagt hatten und somit das Set von Hayseed Dixie und Therapy? verlängert wurde. So ließen wir uns über eine Stunde lang mit dem Countrysound von Hayseed Dixie (schon wieder eine Band, die sich aufs Covern spezialisiert hat, tzzz) berieseln - was aber ganz witzig war, da der Sänger in Latzhose große Ähnlichkeit mit Jackson von den "Gilmore Girls" hatte.

Nach der traditionellen Nachmittagspause machten wir uns erst wieder zu Frank Black auf in Richtung Bühne: Obwohl er wohl ahnte, dass der Großteil auf ein paar Pixies-Lieder und der pubertäre Anteil des Publikums auf 30 Seconds to Mars wartete, spielte er partout sein eigenes Programm durch - erhielt aber leider viel zu wenig Anerkennung dafür. Der Funke sprang irgendwie nicht richtig über, Black selbst wirkte ohne Gitarre auch ein wenig verloren.

Bei 30 Seconds to Mars war der Funke bereits übergesprungen, als gerade erst einmal das pompöse, bedeutungsschwere Intro erklang: Jared Leto wurde von seinen Fans mit irrem Gekreische begrüßt und huldigte dies mit einem hoheitsvollen Lächeln. Dass mir ihre Musik einfach nicht gefällt, ist eine Sache, aber ich kann es einfach nicht ausstehen, wenn jemand da oben steht, jedes dritte Wort mit einem "fuck" schmückt (sodass man nicht mal mehr weiß, ob der eigentliche Songtitel dieses Wörtchen nun enthält oder nicht) und seinem Publikum ständig "motherfuckers" an die Köpfe wirft und dafür auch noch Jubel und Freude erwartet - was er dann natürlich auch bekommt. Pffff.

Linkin Park wirkten dagegen richtiggehend sympathisch, hielten die Verwendung von Schimpfwörtern in Grenzen und legten einen grundsoliden Auftritt hin, dem auch ein Nicht-Linkin-Park-Fan einiges abgewinnen konnte. Während des Konzertes setzte kurz einmal Regen ein, der besonders die Leute des One-Standes, die mit dem Verteilen von Regenschutz überfordert waren, zur Verzweiflung brachte, ziemlich bald aber wieder stoppte.

Der Auftritt von Pearl Jam stellte für viele das Highlight des ganzen Festivals dar - immerhin genießen sie den Ruf eine der besten Live-Bands überhaupt zu sein. Dementsprechend viele Leute drängten sich auch vor die Bühne und empfingen Eddie Vedder und Co mit lautstarkem Applaus. Bodenständig wie eh und je verzichteten sie auf sämtliches Tamtam, spektakuläre Bühnenbilder usw., es gab bloß sie, ihre Instrumente und eine Weinflasche.

Bereits von Anfang an wurde deutlich, wie sehr sich die Band auf sein Publikum verlassen kann: Schon den Refrain von "Betterman" sangen die Zuschauer im Alleingang und konnten auch sonst so ziemlich jede Textzeile auswendig. Pearl Jam würdigten dies mit einer energiegeladenen, bewegungsreichen Show - und mit einer von Eddie Vedder gelesenen, holprigen kleinen Ansprache auf Deutsch, inklusive eines (wie könnte es anders sein) Seitenhiebes auf Bush.

Gegen Ende des Auftritts begann es - diesmal stärker - zu regnen, was der hervorragenden Stimmung beim letzten Song "Rockin’ In A Free World" keinerlei Abbruch tat, sondern diese nur noch mehr förderte. Nach ein paar schnellen Abschiedsworten verschwanden sie dann auch schon von der Bühne und ließen ihr Publikum unter einem eben gestarteten Feuerwerk mit etwas gemischten Gefühlen zurück. Das Konzert hatte sich für Pearl-Jam-Maßstäbe ein bisschen kurz angefühlt, Klassiker wie "Black" oder "Alive" hatte man doch glatt zu spielen "vergessen" und irgendwie machte sich da ein Anflug von Enttäuschung breit, auch wenn man bei soviel vorhandenem Material nicht erwarten kann, das alles gespielt wird.

Etwas später kam für mich ein wenig mehr Licht in die Sache, als ich erfuhr, was Eddie Vedder bei einer Ansage kurz angedeutet hatte: Am Vortag wurde durch einen Sturm sämtliche Ausrüstung von Pearl Jam und Linkin Park komplett zerstört, sodass es beinahe zu einer Absage der beiden gekommen wäre - hätte die Crew vom Nova Rock nicht sofort aus sämtlichen umliegenden Ländern ein neues Equipment organisiert und alles noch gerettet. Somit hatten wir also alle noch einmal Glück gehabt, die Bands überhaupt zu sehen.

Nachdem es bis spät in die Nacht geregnet hatte, brach der letzte Festivaltag wieder mit Sonnenschein an und ließ uns ein letztes Mal verheißungsvoll durch die Eingangspforten wandern - bei denen die Taschenkontrollen übrigens von einem Extrem ins andere übergingen: Während ich in meiner Tasche so ziemlich alles von Messer bis Pistole hätte transportieren können, weil kein Mensch irgendetwas kontrollierte, machten sie bei einem Bekannten schon wegen einer Zahnpastatube im Rucksack einen Aufstand.

Auf der Blue Stage eröffneten Excuse Me Moses, eine österreichische Band mit einem Sänger, der mit seinen bunten Tätowierungen glatt als Gesamtkunstwerk durchgehen könnte - dieser schräge Typ war aber auch schon das Einzige, das mir von Excuse Me Moses im Gedächtnis geblieben ist: Musik, die bei einem Ohr hineingeht, und beim anderen wieder raus.

Die Dykeenies mit ihrem typisch britischen Gitarrensound inklusive dem dazugehörigen Dialekt sprachen mich da schon eher an - der Sympathiepunkt des Tages ging aber eindeutig an Sarah Bettens, die ehemalige Frontfrau von K’s Choice: Mit ihrer guten Laune und ihrer sichtlichen Freude daran, vor so vielen Leuten spielen zu dürfen, gewann sie schnell das Publikum für sich und freute sich darüber nur noch mehr - da merkt man wieder, wie viel Natürlichkeit und Sympathie bei der Bewertung von Musik eigentlich ausmachen. Ich werde mich jedenfalls auf die Suche nach meiner bisher wenig beachteten K’s Choice-CD machen …

Die nachfolgenden Donots fielen eher wieder in die Sparte "Unterhaltung" und erfüllten diese Erwartung durchaus - es war amüsant zu beobachten, wie sie einige Securities aufs Korn nahmen, die sich ihrerseits angestrengt bemühten, der Band keinerlei Beachtung zu schenken.

H-Blockx ließen wir mangels Interesse aus, aber bei Less Than Jake fanden wir uns wieder auf dem Gelände ein - auch diese haben ja den Ruf als absolute Stimmungsmacher. Ich persönlich fand es jedoch nicht ganz so witzig, das Publikum aufzufordern, sich sozusagen hemmungslos zu betrinken, während im selben Moment ein Notarztwagen durch die Menge prescht, um jemanden einzusammeln, der beinahe bewegungslos am Feld liegt und weiß Gott was intus hat. Das ist wahrscheinlich auch Ansichtssache - zum Feiern eignen sich Less Than Jake allemal.

Wer sich noch mehr zum Feiern eignet, war vom ersten Ton an klar: Die Iren Flogging Molly schossen in Sachen Stimmung eindeutig den Vogel ab. Es gab kaum einen, den es bei ihren Melodien nicht im Tanzbein juckte - die Pannonia Fields verwandelten sich praktisch in den "Devil's Dancefloor". Eine dicke Staubwolke hing über der ausgelassenen Menschenmenge, die sich so bald nicht wieder einkriegen konnte und die Flogging Molly auch nur sehr ungern gegen Mando Diao eintauschte.

Mando Diao sind auch so ein ganz eigenes Kapitel - es gibt immer etwas, das bei ihren Auftritten störend wirkt. Dieses Mal war es einmal mehr der Sound, der nicht ganz hinhaute und sie in nicht ganz so rosigem Licht erscheinen ließ. Zwar war dieser Auftritt der beste, den ich von ihnen gesehen habe, aber schön langsam wird die Sache auch schon vorausschaubar: Man weiß genau, wann eine künstlerische Pause eingesetzt wird, wann etwas hinausgezögert wird usw. - das macht zwar das Mithüpfen einfacher, das Konzert selbst langweiliger.

Den Abschluss auf der Blue Stage machten The Killers - eine sehr fragwürdige Angelegenheit, wenn man bedenkt, dass diese gerade erst zwei Alben veröffentlicht haben und im Vergleich mit den Headlinern der Vortage dieser Position erfahrungsmäßig und hit-technisch einfach noch nicht würdig sind. Andererseits boten sie einen recht gemütlichen Ausklang des Nova Rocks - vor allem, da sie insgesamt nur eineinhalb Stunden spielten. Etwas seltsam war, dass sie gleich anfangs ihr ganzes Pulver verschossen und Stücke wie "When You Were Young", "Somebody Told Me" oder "Smile Like You Mean It" ziemlich bald brachten - für mich waren es aber sowieso die unbekannteren Stücke des letzten Albums, die mich neugierig auf mehr machten.

Ein paar Zugaben später war man nun am Ende des Festivals angekommen - Slayer, die Headliner der anderen Bühne, hatten ihren Auftritt ebenfalls schon beendet, während sich ihre Fans noch spät in der Nacht kreuz und quer "Slayer!" zubrüllten, was so einige andere wiederum am Einschlafen hinderte … den wohl etwas anderen Abschluss bildete eine große Gruppe von übermäßig Betrunkenen, die sich im Chor singend eine Reihe von Dixi-Klos (diese Begeisterung für die Dixi-Klos ist echt schon abartig) vornahmen, diese umkippten, zerstörten und was man sonst noch alles damit anstellen kann - bis sich selbst die Securities nicht mehr zu helfen wussten.

Zusammenfassend also: Es ist immer wieder spannend, eine Band neu zu entdecken oder anders zu entdecken als man dachte, gleichzeitig ist es auch immer wieder nervtötend, einer Band zuzuhören bei der man sich fragt, was zum Teufel die da oben eigentlich zu suchen hat - das Nova Rock sollte mehr auf Klasse statt Masse setzen, lieber keine so bombastischen Headliner, dafür durchwegs gleich gute, qualitative Bands. Bei den Besuchern verhält es sich ja ähnlich: Wenn man sich gegenseitig beinahe die Schädel einrennt, im Prinzip das ganze Festival überrannt ist, macht die Sache noch mal weniger Spaß. Wem alles wurscht ist, ist auch das wurscht - ich für meinen Teil fahre nächstes Jahr lieber aufs Frequency.

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Stephanie Stummer - myFanbase
26.06.2007