Bewertung
You+Me

Rose Ave.

Nach über 100 Millionen weltweit verkauften Platten und 18 Top-10-Hits in Deutschland muss man P!nk nicht mehr vorstellen. Neben ihrem markanten Sound zwischen Pop, Rock und R'n'B hat sie sich schon immer gerne in fremde Gewässer gewagt. Schließlich hatte sie auf ihren Alben mit "Dear Mr. President" schon Country-Feeling, sang das bluesige "Misery" oder akustische Gitarren-Balladen wie "The One That Got Away", "Beam Me Up" und "Crystal Ball". Somit ist es nicht verwunderlich, dass Alecia Moore an einem Punkt ihrer Karriere, an dem sie sich alles leisten kann, ein ganzes Folk-Album macht.

Foto: You+Me - "Rose Ave." - Copyright: RCA Int.
You+Me - "Rose Ave."
© RCA Int.

Dazu holte sie sich Dallas Green ins Studioboot. Den lernte sie vor über einem Jahrzehnt durch Carey, ihren Ehemann, kennen, der mal auf dem gleichen Festival wie jener spielte. Dallas war jahrelang Mitglied von Alexisonfire ("Old Crows/Young Cardinals"), einer von Kritikern gelobten und mehrfach mit Platin ausgezeichneten Post-Hardcore-Band. Einen Namen machte er sich zudem als Soloact namens City and Colour mit akustischem und alternativem Folk. Mit seiner Musik durfte er 2010 einige von P!nks Konzerten in England eröffnen – sie wurden gute Freunde und schrieben und spielten nun zehn Lieder ein.

Die klingen ähnlich folkig wie Dallas' Solowerk, sind sehr reduziert instrumentalisiert und arrangiert. Dadurch stehen die Stimmen der US-Amerikanerin und des Kanadiers im Vordergrund und beweisen hörbar, wie gut sie miteinander harmonieren. Wirklich dominieren tut keiner die Stücke – Mrs. Moore nimmt ihr bekanntes Reibeisen merklich zurück, bleibt aber aufgrund der Leichtigkeit in der Stimme ihres Duettpartners meist auffallender. Moll herrscht vor – beispielsweise im Titel, der den (furchtbar unkreativen) Bandnamen vertont und dessen Pedal-Steel-Gitarre Lagerfeuerfeeling bringt. Er hätte so auch im Soundtrack von "Into The Wild" vorkommen können, ebenso wie der Albumopener, der eine sehnsüchtige, leicht schaurige Stimmung ausstrahlt. Mit deutlich aufspielenden Percussion ist er überraschend mitklatsch-fähig und der flotteste Track auf "Rose Ave."

Auf ihn folgt das erste Stück, dass die zwei Mitt-Dreißiger schrieben: "From a Closet in Norway (Oslo Blues)" wird von Anfang an als Duett gesungen und nur von einer gezupften Gitarre begleitet – wunderschön, zerbrechlich wirkend und mit bitterer Lyrik ausgestattet: "It seems the dying are the only ones who really know how to live." "Gently" mit dem gleichen Songaufbau, also Total-Duett nur mit Gitarre, direkt dahinter zu setzen, war eine Fehlentscheidung. Umso mehr freut man sich, dass "Love Gone Wrong" mehr Variation bringt: Dallas beginnt zu singen, im Refrain liefert Alecia dann eine überraschend tiefe Zweitstimme, während sie die zweite Strophe übernehmen darf. Mit der Bridge und dem summenden Backgroundgesang wächst der Titel dann zu einem der eingängigsten.

Eingängig, wenngleich nicht zu poppig dabei, ist auch der Chorus von "Second Guess", das sonst aber sehr wie ein Demo wirkt. Das unspektakuläre "Unbeliever" und das erneut ein mehrfach genutztes Arrangement nutzende "Open Door" zählen ebenfalls in die Kategorie der Songs, denen mehr als acht Tage Schreiben und Produzieren gut getan hätten. Wieder auf hohem Niveau wird das Debüt dann mit dem einzigen Cover geschlossen und nach dem herrlichen akustischen Folkgesang kann sich Sade's "No Ordinary Love" gar nicht mehr so soulig wie früher vorstellen. Dallas hat hier ganz klar die stärkere Stimme und vermag dem Titel mehr Tiefe zu geben als die eigentlich für Radiohits zuständige P!nk.

Fazit

Nach acht Tagen im Studio in der Rose Avenue ist das ebenso betitelte Album nichts, was hochproduziert ist, das Radio bevölkern soll oder Weltbewegendes geschafft hat. Stattdessen fängt es eine intime Stimmung und leidenschaftliche Kreativität ein, die in acht Nächten mehr zählte als alles andere. Diese Atmosphäre einzufangen – darum ging es den zwei Künstlern, deren Alias zeigt, dass sie schon immer die Musik über ihren Namen stellen wollten. Nach diesem Geschenk an sich selbst kehren sie nun in ihre musikalische Heimat zurück und es wird spannend sein zu sehen, ob City and Colour auf seinen kommenden Werken auf die zweite Komponente verzichten kann und wie viele akustische Einflüsse auf P!nks nächsten Veröffentlichungen zu hören sein werden.

Anspieltipps

Capsized

From a Closet in Norway (Oslo Blues)

You And Me

No Ordinary Love

Artistpage

YouPlusMeOfficial.com

Tracks

1.Capsized
2.From a Closet in Norway (Oslo Blues)
3.Gently
4.Love Gone Wrong
5.You and Me
6.Unbeliever
7.Second Guess
8.Break the Cycle
9.Open Door
10.No Ordinary Love

Micha S. - myFanbase
17.12.2014

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