Bewertung: 6

Review: #6.07 Das Interview

Foto: Matt Czuchry, Good Wife - Copyright: Paramount Pictures
Matt Czuchry, Good Wife
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Nachdem mir in den vergangenen beiden Wochen ein wenig die Ernsthaftigkeit bei "Good Wife" abhanden kam, wusste diese Folge wieder mit mehr Bodenständigkeit aufzuwarten. Dabei blieb der Humor aber keinesfalls komplett auf der Strecke, der dieses Mal jedoch deutlich feinsinniger und trockener daher kam. Die Episode verlor sich trotz der ausschließlichen Konzentration auf die übergreifenden Handlungen aber ein wenig im Detail, so dass manche Wendung doch einen etwas erzwungen konstruierten Eindruck hinterließ.

Zunächst muss ich jedoch noch einmal festhalten, wie sehr mir Cary leid tut. Seit Staffelbeginn muss er einen Tiefschlag nach dem anderen hinnehmen. Kaum scheint sich eine Besserung einzustellen, folgt die nächste Schlappe. Das alles hat bei Cary Spuren hinterlassen und nagt sichtlich an ihm. Und daran wird er wohl auch noch eine ganze Weile zu knabbern haben, startet der eigentliche Prozess wie wir jetzt erfahren durften erst in 58 Tagen. Es ist also davon auszugehen, dass uns diese Geschichte noch für den Rest der Staffel in Atem halten wird. Umso schöner ist es da, wie sehr allein Kalindas Anblick dafür sorgt, ihm ein Lächeln auf sein niedergeschlagenes Gesicht zu zaubern. Nun wäre das alles noch viel glaubhafter, wenn ich Kalinda tatsächlich abnehmen könnte, dass sie wahre Zuneigung für Cary empfindet, aber so ist bei mir stets das Gefühl im Hinterkopf, dass ihm die Sache viel mehr bedeutet und dieser letzte Strohhalm, der ihm auch zum Durchhalten seiner Situation verhilft, möglicherweise auch noch genommen werden könnte. Aber soweit muss es ja gar nicht kommen und Kalinda tut mit ihrem Einsatz ja durchaus alles Mögliche, um Cary zu helfen. Und die Hilfe hat er auch dringend nötig, denn die neuesten Entwicklungen belasten ihn in Sachen Lemond Bishop mehr als ihm lieb sein kann. Dabei ist es wieder einmal den Autoren hoch anzurechnen, in welcher Komplexität dieser Handlungsstrang erzählt wird. Mit Carys Zeit bei der Staatsanwaltschaft, geht man tatsächlich bis in Staffel zwei zurück und schafft es unter anderem mit einem überraschenden Gastauftritt von Geneva Pine eine glaubhafte Geschichte zu erzählen, die tatsächlich zu erheblichen Zweifeln in Sachen Carys Unschuld führt. Die volle Komplexität erschließt sich aber erst dadurch, dass man dazu gleichzeitig noch einen Bogen zu Peter schlägt, der mit einer möglichen Zeugenaussage in diesem Zusammenhang erheblichen politischen Schaden erleiden könnte. Nicht zu vergessen ist natürlich auch Alicias Verstrickung, denn nicht nur ist Carys Situation auch eine Bedrohung ihrer Kandidatur, sondern mit Finn Polmars (begründeten) Verdacht, James Castro nutze Cary für seine Wahlkampfzwecke ist noch ein weiterer Aspekt zu berücksichtigen. Mehr erzählerische Dichte auf so vielen Ebenen ist wohl kaum noch möglich.

Doch in all dieser erzählerischen Brillanz gibt es auch ein paar Schwachstellen in diesem Konstrukt. Die sehe ich insbesondere einmal mehr in Kalindas Ermittlungen. Das geht mir doch alles ein wenig zu einfach. Sie hat Zweifel an der Beweislage und schon steht sie bei der Laborassistentin auf der Matte, deren Cousin mit Lemond Bishop verbunden ist. Dafür gab es vorher keinerlei Anzeichen und ich hätte mir einfach etwas mehr Ermittlerarbeit gewünscht, die diese schnelle Entwicklung nachvollziehbarer und damit auch realistischer gemacht hätte. So bleibt einmal mehr nur der dramaturgische Aspekt, der mit einer nicht minder glaubwürdigen, weiteren Wendung dann schon fast überstrapaziert wurde. Denn einmal mehr kommen die Zeugen gegen Bishop ums Leben und verschärfen damit wieder Carys Lage. Das ist auf Dauer meines Erachtens nicht besonders einfallsreich, soll möglicherweise aber noch einmal die Skrupellosigkeit der Mafia-Kreise unterstreichen. Zu sehr konstruiert scheint mir auch die Suche nach Büroräumen durch Finn just in dem Moment, als Florrick, Agos & Lockhart ein Überangebot an Platz haben und untervermieten wollen. Das war wirklich platt inszeniert, soll aber offenbar dazu dienen, Alicia und Finn auch räumlicher näher zusammenzubringen.

War die Bürosuche ein Schwachpunkt in der Unterhaltung der beiden, so waren die gemeinsamen Szenen jedoch einmal mehr auch schön mit anzusehen. Auch wenn beide durch Cary zuletzt in beruflicher Hinsicht eher Gegner waren, so sind sie auf politischer und privater Ebene doch freundschaftlich verbunden und so ist es Finn hoch anzurechnen, dass er Alicia ohne genaue Hintergründe zu nennen, vor einer Verstrickung in Carys Fall warnt. Das würde ein erbitterter Gegner niemals tun. Und spätestens Finns Kündigung ist ein weiterer Beweis, wie sehr er auf Alicias Seite ist und wie zuwider ihm sein ehemaliger Freund James Castro ist. Stellt sich nun nur noch die Frage, wie Finns künftige Rolle in dem ganzen Spiel sein wird und natürlich, wer nun seine Rolle vor Gericht einnimmt?

Neutral eingestellt bin ich derzeit noch gegenüber der Einführung von Ramona Lytton als Peters neuem Rechtsbeistand. Wir hatten ja bereits erfahren, dass ihre Familie schon früher mit den Florricks bekannt war. Nun zeigen ihre ersten richtigen Szenen, dass ihre Figur wohl an Alicias Anfangszeiten als Anwältin nach der langen Pause durch ihre Rolle als Mutter und "Good Wife" erinnern soll. Ihr zögerliches, zumal scheinbar unsicheres Auftreten spricht zumindest dafür, wobei mir das insgesamt auch etwas zu glatt verlief, sowohl ihre Argumentation vor Peter als auch vor Gericht. Es wird abzuwarten sein, wie viel Raum ihre Figur in Zukunft noch einnehmen wird. Dann würde ich mir allerdings wünschen, wenn man Ramona eine eigene persönliche Note verleiht und keine Alicia II aus ihr macht.

Im Rennen um das Amt des obersten Bezirksstaatsanwalts hat Alicia neben James Castro nun also noch einen weiteren Konkurrenten. Diese Entwicklung kam für mich doch ziemlich überraschend. Ich dachte wirklich, es wird hier auf ein Duell mit Castro hingearbeitet. Aber der Gedanke, es könnte am Ende einen lachenden Dritten geben, hat natürlich auch noch etwas für sich. Ob der neue Rivale allerdings wirklich das Zeug dazu hat, Alicia ähnlich einem James Castro entgegen treten zu können, wird sich erst noch zeigen. Bislang scheint mir Castro als Gegner besser positioniert zu sein. Aber natürlich kann es hier noch zu weiteren Überraschungen kommen, die bei "Good Wife" ja nun alles andere als untypisch wären. Alicia selbst hat es auch in dieser Folge wieder geschafft, ihre Persönlichkeit in den Wahlkampf einzubringen. Gegenüber Eli und Jonathan Elfman macht sie wiederholt ihren Standpunkt und ihre ganz eigene Sicht klar. Aber auch sie muss die Erfahrung machen, dass einem nicht alles in den Schoß fällt und die Annahme von Ratschlägen und Coaching gar keine schlechte Entscheidung sein müssen. Ihr TV-Interview lief ja nun wirklich nicht gerade ideal und das ist ihr durchaus auch selbst bewusst. Aller Anfang ist schwer und letzten Endes hat sie aus ihren Fehlern auch schnell gelernt und versteht direkt das Spiel von Frank Prady. Ich bin wirklich gespannt, wie sehr der Wahlkampf Alicia noch verändern wird. Ich fände es sehr schade, wenn sie hier viele ihrer Prinzipien über Bord werfen würde. Das gilt natürlich auch für ihre Beziehung zu Cary, die hoffentlich nicht in die Brüche gehen wird. Es bleibt also spannend.

Ich finde es übrigens noch immer seltsam, dass Alicias Kandidatur in der Kanzlei überhaupt kein Thema zu sein scheint. Diane hätte in einer Szene durchaus darauf anspringen können, doch deren Sorge galt in diesem Moment vielmehr Cary. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet Diane diejenige sein würde, die Cary derzeit so nahe steht, wo doch seine Partnerschaft mit Alicia die neuen "Will und Diane" symbolisieren sollte. Schade ist auch weiterhin, dass wir uns offenbar wirklich von den "neuen" Kanzlei-Büros wieder verabschieden mussten. Florrick/Agos in den Lockhart/Gardner Räumen fühlt sich doch sehr fremd und zugleich wie ein Rückschritt an.

Fazit

Nicht alles ist Gold, was glänzt. Während Carys Situation und Alicias Wahlkampf klar im Mittelpunkt der Folge stehen und für starke Momente sorgen, gibt es aber auch einige Details, die erzwungen und konstruiert wirkten. Mit James Castro hat man meines Erachtens einen sehr guten Konkurrenten für Alicia, der durch seine bisherigen Auftritte einen spannenden Wahlkampf versprechen würde. Dieses Potential sehe ich bei Frank Prady derzeit noch nicht. Da nimmt man sich für diesen Handlungsstrang mit der neuen Dreierkonstellation hoffentlich nicht zu viel vor. Nach Finns Kündigung bin ich nun sehr gespannt, wie man ihn künftig in die Handlung integrieren wird. Eine weitere Kanzlei im "Good Wife"-Universum erscheint mir aktuell aber ein wenig zu viel des Guten.

Jan H. – myfanbase


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