Bewertung: 9
Steven Shainberg

Secretary

E. Edward Grey: Es ist ihr Verhalten!
Lee: Was ist mit meinem Verhalten?
E. Edward Grey: Es ist schlecht!

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Inhalt

Lee Holloway (Maggie Gyllenhaal) wird am Tag der Hochzeit ihrer Schwester aus der psychiatrischen Klinik entlassen, in die sie wegen eines vermeintlichen Suizidversuchs eingeliefert worden war. Allerdings, stellt Lee klar, war es kein Selbstmordversuch, sondern ein Unfall. Sie praktiziert schon seit sehr langer Zeit Selbstgeißelung, in dem sie sich mit scharfen Gegenständen verletzt, und beim täglichen Abwasch mit der Mutter (Ann Warren) ist ihr das Messer abgerutscht und sie hat zu tief geschnitten.

Aus der Klinik entlassen befindet sie sich auch schon auf der Hochzeitsfeier und trifft auf ihren Jugendfreund Peter (Jeremy Davies), der auf den ersten Blick auch etwas sonderlich scheint. Ihr Vater Burt Holloway (Stephen McHattie) torkelt betrunken auf sie zu und begrüßt sie. Da er versprochen hatte mit dem Alkohol aufzuhören und dieses Versprechen offensichtlich nicht einhalten konnte, rennt Lee enttäuscht in ihr Zimmer, wo sie ein Kästchen, in dem sie die Utensilien aufbewahrt, die sie für ihre Selbstverletzung braucht, hervor holt. Im ersten Moment sieht es so aus, als ob sie diesem Trieb nachgeben würde, doch dann entscheidet sie sich doch anders und packt alles wieder weg. Um eine Beschäftigung zu finden und aus dem wohl organisierten und behüteten Leben etwas auszubrechen, sucht sie in einer Zeitung nach einem für sie geeigneten Jobangebot. Da sie einen Schreibmaschinenkurs absolviert hat, sieht sie sich nach einem Job als Sekretärin um und wird auch bald fündig. Der Anwalt E. Edward Grey (James Spader) sucht eine Sekretärin und so stellt sich Lee bei ihm vor.

Schnell wird klar, dass auch Edward einige Probleme mit seiner Persönlichkeit hat. Trotzdem gehen die beiden ein Arbeitsverhältnis ein, welches sich schnell verändert und zu einer Abhängigkeit Lees führt. Edwards perfektionistische und kontrollsüchtige Persönlichkeit scheint genau das zu sein, was Lee dazu bringt, ihre Selbstverletzung nicht mehr länger zu vollziehen. Bis dahin hatte sie diesen Schmerz gebraucht, um zu spüren, dass sie noch am Leben ist, dass sie überhaupt noch etwas fühlt. Und nun erfährt sie dieses Gefühl dadurch, dass Edward ihr sagt, was sie zu tun hat. Jedes Zuwiderhandeln wird mit Schlägen bestraft, die sie nicht als entwürdigend empfindet, sondern als Lustgewinn.

Und so ist es kein Wunder, dass dieses Verhältnis bald in das Sexuelle abrutscht. Als Edward sich dessen bewusst wird, beendet er schnell und ohne plausible Erklärung das Arbeitsverhältnis und setzt Lee vor die Tür. Diese nimmt voller Verzweiflung den Heiratsantrag von Peter an. Doch als sie in dem Hochzeitskleid seiner Mutter steckt, rennt sie weg und taucht bei Edward in der Kanzlei auf und gesteht ihm ihre Liebe. Dieser glaubt ihr allerdings nicht und fordert von ihr einen Beweis. Sie solle sich an seinen Schreibtisch setzen, mit den Händen auf dem Tisch und dort so lange sitzen bleiben, bis er wieder kommt. Dann verlässt er seine Kanzlei und ruft Peter an, der seine Verlobte aus seinem Büro abholen soll. Als dieser dann wenig später auftaucht, weigert Lee sich vehement dagegen mit ihm zu gehen und macht ihm klar, dass sie ihn nicht liebt und dass es hier nicht um irgendwelche sexuellen Spiele geht, sondern um Liebe. Edward beobachtet diese Szene durchs Fenster und geht dann nach Hause.

Lee muss noch einige Tage an Edwards Schreibtisch sitzen, bevor er eines Abends auftaucht und sie liebevoll und voller Zärtlichkeit aus der Kanzlei trägt. Während der ganzen Zeit haben allerdings viele Menschen versucht, sie von ihrem "Sitzstreik" abzubringen. Ihre Mutter, die sie überhaupt nicht versteht, aber voller mütterlicher Sorge ihr etwas zu Essen bringt. Ihr Schwager (Oz Perkins), der ihre Art von Liebe nicht nachvollziehen kann. Ihr Psychologe (Patrick Bauchau) aus der Klinik und noch viele andere. Einzig und allein ihr Vater, der sich einem Entzug unterzogen hatte und dadurch zu Gott fand, gibt ihr durch ein Zitat aus der Bibel zu verstehen, dass es allein ihre Entscheidung ist, wie sie mit ihrem Leben umgeht und wenn es sie glücklich macht, dann ist es völlig in Ordnung für ihn.

Kritik

"Secretary" ist ein Film unter vielen, die sich mit dem Thema Sadomasochismus auseinandersetzen. Wir kennen Filme wie "8MM", die es allerdings zum Ziel haben, uns den Sadomasochismus als das Böse zu verkaufen.

Dieser Film nun ist aber genau das Gegenteil. Steven Shainberg hat es sich hier zur Aufgabe gemacht, uns auf sehr einfühlsame Weise darzulegen, dass diese Art von Lust keineswegs böse und schlecht sein muss. Es sind Menschen wie du und ich, die diese Art von Sex praktizieren, aber deswegen keine schlechten Menschen sind. Und obwohl viele Fragen aufgeworfen werden und doch nur sehr halbherzig beantwortet werden, schafft Shainberg es auf sehr ruhige Art und Weise, uns zwei Menschen näher zu bringen, die durch James Spader und Maggie Gyllenhaal brillant verkörpert werden.

James Spader, der uns allen sicher noch aus Roland Emmerichs "Stargate" bekannt sein dürfte, hat mit diesem Film eine absolut bemerkenswerte Darbietung erbracht. Bis zu "Secretary" hat man ja nicht mehr viel Gutes von ihm zu sehen bekommen. Aber hier bekommt man ihn in Höchstleistung zu sehen.

Seine Partnerin Maggie Gyllenhaal, die ja einer renommierten Schauspielerfamilie entstammt, zeigt auch hier, dass man noch viel von ihr erwarten kann und dass sie ihrem Bruder Jake Gyllenhaal in nichts nachsteht.

Dass Steven Shainberg beim Sundance Festival den Special Jury Price gewonnen hat, sollte jedem eine Empfehlung sein. Neben diesem Preis hat dieser Film allerdings noch viele andere Preis erhalten, sowie nennenswerte Nominierungen. So wurde Maggie Gyllenhaal beim Golden Globe 2003 nominiert als beste Darstellerin, wobei man sich fragen muss, ob die Kategorie Comedy wirklich die richtige dafür gewesen ist, denn "Secretary" ist alles andere als ein lustiger Film, obwohl er Szenen enthält, die einen zum Schmunzeln bringen.

Fazit

Abschließend bleibt wohl zu sagen, dass dieser Film für alle diejenigen sehenswert ist, die mit ihren Vorurteilen die SM-Szene betreffend aufräumen wollen und die mal einen Blick in das Innenleben derer werfen wollen, die in dieser Art von Lust ihre Befriedigung finden. Man muss nicht Anhänger dieser Szene sein, um es zu genießen, diesen Film zu sehen. Denn er ist weitestgehend frei von Klischees und schön ist es auch, dass beide Personen nie ihre Würde voreinander verlieren.

Mir hat dieser Film vor allem wegen diesem Aspekt sehr gut gefallen und ich schaue ihn mir immer wieder gern an.

Annekatrin Seidler - myFanbase
16.11.2006

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