Bewertung: 3
Monika Mitchell

Verlorene Liebe

Foto: Verlorene Liebe (Brazen) - Copyright: 2022 Netflix, Inc.
Verlorene Liebe (Brazen)
© 2022 Netflix, Inc.

Inhalt

Nach einer anstrengenden Buchtour kommt die Bestsellerautorin Grace McGabe (Alyssa Milano) erstmal bei ihrer Schwester Kathleen (Emilie Ullerup) unter, die seit Monaten trocken ist und sich mitten in einem Sorgerechtsstreit und einer harten Scheidung befindet. Die Schwestern nähern sich wieder an, bis Kathleen auf einmal ermordet wird. Für Grace bricht eine Welt zusammen, aber sie findet Unterstützung beim Nachbarn, Ed Jackson (Sam Page), der als Detective die Mordermittlung übernimmt. Sie mischt sich sofort ein, weil sie mit Thrillern ihren Lebensunterhalt verdient und tatsächlich beweist sie einen untrüglichen Spürsinn. Während Grace und Ed sich immer näherkommen, begibt sie sich zunehmend ins Lebensgefahr, um den Mörder ihrer Schwester zu finden.

Kritik

Wenn ich im Lesebereich meinen Übergang von der Jugendliteratur zur Erwachsenenliteratur an zwei Namen festmachen müsste, dann wäre es für den Krimi-/Thrillerbereich definitiv Charlotte Link und für sonstige Romane stellvertretend Nora Roberts. Die Queen der Liebesgeschichten, die diese in Fantasy, Thrillern oder ganz normal verpackt hat, hatte zwar immer ein Muster, aber es war ein treues Muster, eines, auf das ich mich immer verlassen konnte. Heute lese ich sie gar nicht mehr, weil sich Geschmäcker bekanntlich auch verändern. Nichtsdestotrotz wird Roberts immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben, weswegen ich mich dementsprechend auf die Romanadaption "Verlorene Liebe" (Original: "Brazen") bei Netflix sehr gefreut habe. Obwohl ich wirklich viel von ihr gelesen habe, so habe ich wahrlich nicht alles gelesen, denn die Dame bringt es nach jetzt schon 40-jähriger Schriftstellerinnenkarriere auf mehr als 100 Bücher, was einfach der helle Wahnsinn ist. "Verlorene Liebe" habe ich nicht gelesen, was mich ehrlich gesagt auch überrascht hat, denn es zählt zu ihren frühen Werken, die ich tendenziell eher gelesen habe als die neueren. In der Erstveröffentlichung ist das Buch 1988 erschienen, was schnell klar macht, dass die Vorlage für einen 2022 veröffentlichten Film ordentlich aufgepeppt werden musste. Ist das Endergebnis damit noch als klassischer Nora Roberts zu erkennen?

Ich habe Roberts immer sehr dafür bewundert, dass sie ihre Liebesgeschichte in höchst unterschiedlichen Untergenres einweben konnte. In einem klassischen Thriller ist eine Liebesgeschichte nicht immer zu erwarten, was sicherlich auch daran liegt, dass diese beiden Genres nicht viel gemeinsam haben und dennoch ist es Roberts meiner Meinung nach immer gelungen, eine mitreißende Liebesgeschichte in einem Kriminalfall zu verpacken, der sicherlich nicht mit den großen Krimi- und Thrillerautor*innen mithalten mag, aber doch so eine Substanz hat, dass man ordentlich bei der Auflösung mitfiebern kann. Dieses überzeugende Miteinander von Romantik und Thrill ist in "Verlorene Liebe" leider nicht hinbekommen worden. Zwar sprühen die Funken zwischen Grace und Ed früh und die ersten Begegnungen der beiden gehen auch hoffnungsvoll los, doch spätestens mit dem Mord an der Schwester, der logischerweise früh gesetzt werden musste, um diese Teilhandlung in Gang zu bringen, geht jegliche Annäherung verloren. Hinzukommt, dass Grace immer mehr Sympathien verliert. Natürlich kann man anbringen, dass sie eine trauernde Schwester ist, aber wie sie sich in alle Ermittlungen einmischt und teilweise auch den erfahrenen Kräften vor den Kopf stößt, das war schon gewöhnungsbedürftig. Insofern hätte ich es Ed nicht verdenken können, wenn er sie gleich von der Bettkante gestoßen hätte. Macht er natürlich nicht, es wird mehr damit gespielt, dass er um sie besorgt ist, aber in all dem wird aber gar nicht mehr an ihrer Beziehung gearbeitet. Am Ende haben wir also ein glückliches Paar und ich fragte mich: wie ist es dazu gekommen? Ich habe schon ein paar Roberts-Verfilmungen gesehen, auch welche, die tatsächlich in Richtung Thriller gingen, da ist mehr von dem Miteinander der Figuren immer mehr im Kopf geblieben.

Kommen wir also zum zweiten inhaltlichen Anteil: der Mordserie. Hier musste ich leider früh nur noch den Kopf schütteln. Gleich in der ersten Szene, als der letztliche Täter zu sehen gewesen ist (da war Kathleen noch nicht mal tot) war schon klar, wer es werden würde. Da ich in dem Genre doch relativ viel lese, kann ich nur immer wieder betonen, dass ein viel zu früh feststehender Täter (außer es wird damit gespielt, den Täter sofort zu kennen) eigentlich das Todesurteil für das eigene Schaffen ist. So dilettantisch kann man doch fast gar nicht arbeiten! Anschließend bemüht sich der Film immer wieder, falsche Fährten zu legen, doch jedes Mal, wenn die betreffende Person im Bild ist, wurde es deutlicher und deutlicher. Meiner Meinung nach spielen hier Drehbuch und Regie gleichermaßen rein, denn zum einen ist die Figur viel zu offensichtlich als Creep inszeniert worden und zum anderen hätte es mindestens eine deutlich hinweisende Szene nicht geben müssen, da sie eigentlich keinen Mehrwert hatte. Dementsprechend hat sich für mich früh gähnende Leere eingestellt und das ist so unheimlich schade! Gerade auf Sam Page, den ich in "The Bold Type - Der Weg nach oben" sehr mochte, hatte ich mich echt gefreut, aber wenn der Frustpegel gleich so früh gleich so hoch ist, dann fällt es schwer, andere Aspekte noch wirklich ins Auge zu nehmen. Aber es hätte wahrscheinlich eh nichts genutzt, denn wie gesagt, die Liebesgeschichte war schließlich auch nicht berauschend.

Als wäre das alles nicht schon schlimm genug, so waren einige unlogische Entwicklungen zwischendurch dann richtig B-Movie mäßig. Als Grace noch auf eigene Faust ermittelt hat, konnte ich noch sagen: okay, sie ist verzweifelt, sie begibt sich in eigene Gefahr. Als sie dann aber offiziell beim Morddezernat an den Tisch geladen wurde, also sorry, wie lächerlich war das denn. Ich kann leider aus den oben genannten Gründen nicht rekapitulieren, ob das in er Vorlage auch so gestaltet worden ist, aber eine Thrillerautorin ist ganz gewiss keine automatisch geniale Profilerin. Dafür müssen andere jahrelang studieren und sie braucht offensichtlich nur ein paar Bücher veröffentlichen, um dafür anerkannt zu werden. Wenn man es dann wenigstens bei der 'frischen Perspektive' als Argumentation belassen hätte und dann wirklich Ed und seinen Kollegen hätte arbeiten lassen, das wäre ja noch okay gewesen, aber so wurde Grace in jede Gefahrensituation an vorderster Front mitgenommen und gewundert hat sich keiner. Dass sie dann auch noch als Lockvogel eingesetzt wurde, wer sollte sich da dann noch wundern?

Fazit

Leider bietet Netflix mit "Verlorene Liebe" eine unterdurchschnittliche Nora-Roberts-Verfilmung an. Der Täter ist schon in gleich seiner ersten Szene zu benennen, was den dargestellten Fall extrem langweilig gemacht hat. Aber auch abseits von der Vorhersehbarkeit war vieles unrealistisch dargestellt und die Liebesgeschichte hat ebenfalls nicht überspringen können. Da bleibt nur: Daumen runter!

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Lena Donth - myFanbase
16.01.2022

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