Bewertung: 6

Victor Frankenstein Genie und Wahnsinn

"Sometimes the man is the monster."

Foto: Copyright: 2016 Twentieth Century Fox
© 2016 Twentieth Century Fox

"Frankenstein" von Mary Shelly wurde bisher zig Male verfilmt. Auch 2016 (2015 nach dem eigentlichen Startdatum) ist es wieder so weit. Diesmal steht allerdings Igor im Vordergrund, denn die Geschichte wird aus seiner Sicht erzählt. Kann diese Verfilmung mit James McAvoy und Daniel Radcliffe in den Hauptrollen hervorstechen oder geht sie in der Vielzahl einfach unter?

Inhalt

Auf der Suche nach Leichenteilen von Tieren trifft Dr. Victor Frankenstein (James McAvoy) auf einen namenlosen Zirkusclown, mit dessen Hilfe er einer jungen Artistin das Leben rettet. Frankenstein rettet den Clown, erkennt dessen Potential und gibt ihm den Namen seines alten Mitbewohners: Igor (Daniel Radcliffe). Doch je besser er seinen Retter kennen lernt, desto mehr stellt Igor fest, dass er sich auf einem schmalen Grat zwischen Wissenschaft und Wahnsinn befindet. Kann Igor damit leben, oder kehrt er seinem Freund den Rücken?

Kritik

Gleich vorweg: Diese filmische Version von "Victor Frankenstein" bringt nichts Neues mit sich. Bei einem Buch, das so oft verfilmt oder im Theater aufgeführt wurde, ist dies auch schwer. Allerdings bedeutet das nicht, dass man es hier automatisch mit einem schlechten Film zu tun hat.

Was sofort auffällt ist, dass der Film wirklich gut aussieht. Gleich zu Beginn wird man in eine fantastische, wenn auch etwas gruselige Zirkuswelt hinein gezogen - die dunklen Zelte am späten Abend, im Kontrast zu den hellen Scheinwerfern in der Manege. Innerhalb dieser Umgebung, zwischen Artisten und düsteren Gestalten, lernen wir die Hauptcharaktere kennen. Die Verfolgungsszene durch den Zirkus ist wirklich sehr gelungen, nur die Slow-Motion-Sequenzen sind etwas merkwürdig und unpassend. Kurze Zeit später folgt das viktorianische London: ein belebte Straße gefüllt mit allerhand bunt gemischten Menschen. Auch das Haus von Frankenstein ist als Setting gut gelungen. Hier wird sehr viel mit dem Wetter gespielt. Was im Hellen noch eher komisch aussieht, scheint im Regen düster und unheimlich. Das gleiche Gefühl bekommt man natürlich in Frankensteins Werkstatt und auch für das Finale in Schottland. Die Liebe zum Detail sorgt für sehr schöne, eindrucksvolle Bilder.

Neben den Schauplätzen sind auch die Schauspieler gut gewählt. Daniel Radcliffe kann als Igor überzeugen und man sieht ihm den inneren Kampf jederzeit an, stets hin und her gerissen zwischen seinem Retter und Freund, Frankenstein, und seinem Gewissen. Auch James McAvoy beweist, dass er als Frankenstein die richtige Wahl war. Er spiegelt den verstörten und wahnsinnigen Charakter des Doktors wunderbar wider und kann innerhalb Sekunden von Emotion zu Emotion springen. Andrew Scott ergänzt das Trio als religiöser Polizist und Gegenspieler.

Viel interessanter als die einzelnen Charaktere ist allerdings deren Zusammenspiel. Besonders hervor sticht hier die Partnerschaft zwischen Frankenstein und Igor. Frankenstein nimmt Igor anfangs eher aus Eigennutz auf. Er sieht in ihm Potential, das er fördern möchte, allerdings nur, da Igor ihm dann von Nutzen sein kann. Dies entwickelt sich aber schnell zu einer intensiven Freundschaft beiderseits. Besonders Igor sieht man seine Gewissensbisse an. Er weiß, dass es falsch ist, wie die beiden mit Leben und Tod spielen. Er weiß, wie derartige Experimente gesehen werden, und kennt die Gefahr. Doch all das kann die Freundschaft nicht mindern. Selbst nicht, als Victor ihn in einem Streit eiskalt abserviert. Doch auch für Frankenstein ist die Beziehung sehr wichtig. Mehr sogar als er es sich eingestehen will. Schließlich ist Igor für ihn zu Beginn nicht mehr als ein weiteres Experiment, ein Mittel zum Zweck. Allerdings hat Igor nicht nur einen scharfen Verstand, sondern auch ein gutes Herz. Er sieht nicht nur einen fanatischen Wissenschaftler, der mit den Naturgesetzen spielt, sondern den gebrochenen Mann dahinter. Ein Mensch, der Hilfe benötigt und der einen Freund gut gebrauchen kann.

Auch wenn die Schauspieler, das Setting und die Charaktere noch so gut dargestellt sind, so ist "Victor Frankenstein" kein perfekter Film. Es scheint, als wäre man sich nicht ganz sicher gewesen, wie man an die Geschichte heran gehen soll. Immer wieder wird versucht, etwas Humor mit in den Mix zu bringen, was leider nie wirklich gelingt. Allerdings wirken genau dadurch die emotionalen und dramatischen Szenen etwas fehl am Platz. Auch die Szene, in der die beiden planen, einen Supermenschen zu erschaffen, ist etwas seltsam, da diese Idee unter Einfluss von Alkohol entsteht. Die Zeichnung, die auf dem Fußboden entsteht, ist eine tolle Szene, leider wird diese aber immer wieder davon unterbrochen, dass Victor und Igor an der Flasche hängen. Generell gibt es auch Szenen, die schnell und dadurch unschlüssig wirken und dadurch die Hintergründe der Charaktere in Frage stellen.

Fazit

"Victor Frankenstein" ist definitiv kein Blockbuster oder ein Film, den man unbedingt im Kino sehen muss. Allerdings handelt es sich um einen guten Film. Wenn man die Schauspieler mag, sollte man sich das Erlebnis gönnen. Genau das gleiche gilt für Leute, die die Geschichte einfach interessant und spannend finden. Wenn man mit kleinen Abstrichen klar kommt und offen bleibt, wird man sogar Spaß haben. Alles in allem ist dies ein unterhaltsamer Film, der eine bekannte Geschichte aus einer neuen Perspektive erzählt.

Martin Thormann - myFanbase
11.05.2016

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