Bewertung
Destin Daniel Cretton

Short Term 12

"Are you going crazy?" - "Probably."

Foto: Copyright: 2014 Verve Pictures Limited. All rights reserved.
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Inhalt

Grace (Brie Larson) arbeitet gemeinsam mit ihrem langjährigen Freund Mason (John Gallagher, Jr.) in einer Einrichtung zur Betreuung gefährdeter Jugendlicher. Dort beweist sie Tag für Tag ihr Einfühlungsvermögen für die Teens, die sie mit ihren Ängsten und Sorgen nie alleine lässt. Als Jayden (Kaitlyn Dever) neu in die Einrichtung kommt, sieht Grace sich schnell in ihr wieder. Und so droht sie, langsam aber sicher von ihrer eigenen traurigen Vergangenheit eingeholt zu werden, und wird gleichzeitig überwältigt von einer ungewissen Zukunft.

Kritik

"Short Term 12" von Destin Daniel Cretton basiert auf seinem gleichnamigen Kurzfilm aus dem Jahre 2008, mit dem er ein Jahr später beim prestigeträchtigen Sundance Festival den Preis der Jury für die beste Regie bei einem Kurzfilm aus den USA gewann. Cretton selbst hat nach seinem Schulabschluss zwei Jahre lang in einer Betreuungseinrichtung für gefährdete Jugendliche gearbeitet und ist währenddessen seinem Hobby, der Filmemacherei, nachgegangen. Spätestens, wenn man sein aktuellstes Werk gesehen hat, das stark von seinen eigenen Erlebnissen, den Jugendlichen sowie den furchtlosen Betreuern dort inspiriert ist, wird offensichtlich, warum Cretton diese zwei Jahre als Quasi-Ersatzelternteil von 18 Jugendlichen, die meist nur wenige Jahre jünger waren als er selbst, als seinen mit Abstand schwersten Job und eine Zeit, die ihn wie keine andere geprägt hat, bezeichnet.

Die Beaufsichtigung von und das tägliche Zusammenarbeiten mit gefährdeten Jugendlichen, die alle höchst individuelle Charaktere sind, und ihren Problemen muss einer der emotional aufreibendsten Arbeiten sein, die man sich vorstellen kann. Cretton gelingt es, diese Intensität zumindest in dem Maße zu transportieren und auf Film zu bannen, wie es das Medium selbst zulässt. Und so ist "Short Term 12" immer unheimlich nah am Geschehen, an den Menschen und an den Konflikten, mit denen sie sich tagtäglich konfrontiert sehen. Die Kameraführung, mit vielen Nahaufnahmen und im verwackelten Handkamera-Stil, unterstreicht durch den praktisch dokumentarischen Stil die im Grunde nicht vorhandene Distanz zum Publikum, sodass die Emotionen nicht nur sehr gut eingefangen, sondern auch ungefiltert übermittelt werden. Unterstützt wird dies durch einen angenehm unaufdringlichen Instrumentalsoundtrack.

Vor allem ist "Short Term 12" auch nah am Nerv der Zeit und um ein hohes Maß an Realismus bemüht. Die Dialoge, die Handlungen und so gut wie jede einzelne Einstellung sprühen nur so vor Authentizität. Da ist kein Wort zu viel oder nur Mittel zum Zweck, keine Reaktion gekünstelt und kein Bild unnötig. Schnell ertappt man sich als Zuschauer dabei, sich völlig im Geschehen rund um Grace, Mason und die 15 Jugendlichen zu verlieren und alles um sich herum zu ignorieren, was wohl das größte Kompliment ist, das man einem Film machen kann. Trotz einer Laufzeit von gerade mal etwa eineinhalb Stunden dauert es nicht lange, bis jede noch so kleine Geste eine emotionale Rückmeldung provoziert. Sei es ein freudiges Lächeln ob des wunderbaren Humors, der sich hier gerade in der Interaktion zwischen Grace und Mason offenbart, ein wohliges Gefühl von Wärme bei all der aufrichtigen Liebe zwischen den beiden und den Jugendlichen gegenüber oder fieser Herzschmerz und Ohnmacht in Anbetracht der Schicksalsschläge, die ein Mensch aushalten muss all dies findet in "Short Term 12" ausgiebig Platz. Dennoch gibt es ihn, den Silberstreif am Horizont, der Hoffnung bringt und Aussicht auf ein besseres Leben. Aber dieser Weg ist gänzlich kitschfrei und durchaus holprig, womit wieder der Bogen gespannt wird zur geradezu unheimlichen Realitätsnähe, die hier offenbart wird.

So ein Film wäre nichts ohne seine Darsteller, ohne diejenigen, die die Gefühle glaubhaft transportieren, ungekünstelt und wahrhaftig agieren und einen dabei dennoch tief berühren. Brie Larson ("Taras Welten") gilt seit Jahren als eines der größten weiblichen Schauspieltalente. Da ist es vielleicht daher nicht allzu verwunderlich, dass sie hier glänzt. Aber absehbar war das, was sie hier leistet, trotzdem nicht. Grace ist herzensgut, bei Gelegenheit streng, humorvoll, kämpferisch und doch auch gleichzeitig so verletzlich und bisweilen mit ihrer eigenen Situation überfordert. Allein der charakterliche Facettenreichtum ist eine Wonne, aber Larson hebt diesen mit ihrem großartigen Schauspiel noch einmal auf eine andere Ebene. Wirklich sehr schade, dass sie in diesem Jahr nicht für die großen Schauspielpreise nominiert wurde. Verdient hätte sie es, und zwar nicht nur, auf der Liste zu stehen, sondern auch tatsächlich zu gewinnen.

John Gallagher, Jr., in den vergangenen beiden Jahren vor allem durch seine Rolle in Aaron Sorkins Nachrichten-Fernsehserie "The Newsroom" in Erscheinung getreten, schafft es, neben Brie Larson nicht unterzugehen und gleichzeitig seinen eigenen Anteil zum Gelingen des Films beizutragen. Denn er ist so viel mehr als der Freund von Grace. Seine eigene Vergangenheit wird zwar nur angedeutet, da schlicht kein Platz war, seinen Charakter in ähnlich ausführlichem Maße auszustaffieren wie Grace, aber es wird schnell klar, was sie an ihm findet. Sein Verständnis und seine bedingungslose Liebe für sie sind bewundernswert, rutscht aber nie in alberne Selbstopferungsrituale ab, vor allem aber ist er auch ein schlichtweg guter Mensch im Umgang mit seinem Umfeld. Ist er in "The Newsroom" noch dazu verdonnert, möglichst schnelle Dialogzeilen von sich zu geben und in teils geradezu albernen soapigen Storylines mitzuspielen, zeigt John Gallagher, Jr. hier, das künftig durchaus mit ihm zu rechnen ist. Was Kaitlyn Dever unterdessen kann, hat sie bereits in "Justified" bewiesen, auch wenn man geneigt war, die Hoffnung aufzugeben, dass sie noch einmal in absehbarer Zeit eine ähnlich fordernde und vielfältige Rolle erhält, vergeudet sie doch aktuell ihr Talent in der gänzlich belanglosen Tim-Allen-Comedyserie "Last Man Standing". Gerade in den feinen Unterschieden zwischen ihrem Charakter in "Justified" und ihrer Rolle in "Short Term 12" entwickelt sie eine Komplexität, die für Nebencharaktere eher ungewöhnlich ist.

Fazit

"Short Term 12" ist herzerwärmend, witzig, aufrichtig und manchmal so realitätsnah, dass es schmerzt. Brie Larson wird vom Rest des Casts so gut unterstützt, das sie auf phänomenale Art und Weise zu glänzen weiß. Nein, das hier ist keine hochkomplexe Story mit wahnsinnig hohem Anspruch, nur "slice of life" at its finest und hallt auch dann noch nach, wenn der Abspann bereits einige Zeit vorbei ist und man vor einem schwarzen Bildschirm sitzt.

Andreas K. - myFanbase
01.03.2014

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