Bewertung: 8
David O. Russell

Silver Linings

"You have poor social skills. You have a problem."

Foto: Copyright: 2013 Senator Film
© 2013 Senator Film

Inhalt

Nach acht Monaten in einer psychiatrischen Klinik, in die er eingewiesen wurde, nachdem er die Affäre seiner Frau (Brea Bee) krankenhausreif geprügelt hat, kehrt der an einer bipolaren Persönlichkeitsstörung leidende ehemalige Lehrer Pat (Bradley Cooper) in sein altes Leben und das Haus seiner Eltern zurück. Er will sein Leben nun wieder auf die Reihe bekommen und vor allem seine Frau Nikki, mit der er immer noch verheiratet ist, davon überzeugen, dass er sich grundlegend geändert hat. Doch auf dem Weg der Resozialisation muss Pat einige Hürden überwinden und dann ist da noch die junge Witwe Tiffany (Jennifer Lawrence), die nach dem Verlust ihres Mannes ebenfalls mit schwerwiegenden psychischen Problemen zu kämpfen hat und Pat nach dem ersten Kontakt nicht mehr in Ruhe lässt. Es entwickelt sich eine Freundschaft zweier ähnlicher Seelen, die versuchen, beide den Weg zurück ins Glück zu finden.

Kritik

Was bedeutet eigentlich Normalität? Und wer gilt eigentlich wirklich als normal? Regisseur David O. Russell findet in seinem neuesten Film, der bezaubernden Tragikomödie "Silver Linings", auf diese Fragen eine simple, aber einleuchtende Antwort: So wirklich normal ist niemand und das ist auch gut so. Es kommt immer darauf an, wie wir mit all unseren Unzulänglichkeiten, Unsicherheiten und diversen Traumata im Alltag umgehen und wie sehr wir uns unser Leben dadurch verbauen lassen. Die Geschichte von zwei psychisch labilen Persönlichkeiten, die versuchen, ihr Leben nach einschneidenden lebensweltlichen Einbrüchen wieder auf die Reihe zu bekommen, erzählt Russell mit einer wahnsinnigen Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Liebe zu seinen im Zentrum stehenden Figuren. So wird "Silver Linings" zu einem rührend-witzigen Film voller kleiner Weisheiten über das Leben, die Liebe und alltäglichen kleineren und größeren Verrücktheiten.

Eine romantische Komödie über zwei psychisch labile Persönlichkeiten zu drehen, kann zunächst durchaus als mutig angesehen werden, besteht doch die Gefahr, die Erkrankungen nicht angemessen zu thematisieren und stattdessen vielmehr in einem Meer von Kitsch und oberflächlicher Rührseligkeit zu ertrinken. David O. Russell unterläuft diese Gefahr geschickt, indem er die Elemente einer romantischen Komödie nur als thematischen Überbau benutzt, um im Kern vielmehr einen Film zu drehen, in dem es um viel mehr als eine kleine Liebesgeschichte geht. Es geht um alltägliche Neurosen, um schwierige dysfunktionale familiäre Dynamiken, um die Frage, wo man in seinem Leben eigentlich hin will und wie man trotz aller Hürden, die einen das Leben immer wieder hinstellt, doch irgendwie zu einem kleinen alltäglichen Glück finden kann. Russell verfolgt nicht die naive Annahme, dass es nur der Liebe bedarf, die einen wieder auf den richtigen Weg bringt und die einen schlussendlich rettet. Die Liebe kann helfen und ein wichtiger Stützpfeiler sein, zunächst muss aber die eigene, persönliche Auseinandersetzung mit den eigenen Problemen erfolgen. Dies kann einem aber niemand abnehmen.

Und so geht es im ersten Teil des Films auch gar nicht primär um die später immer wichtig werdende Liebesgeschichte, sondern um ein Charakterportrait eines verlorenen Menschen, der versuchen muss, sein eigenes Leben irgendwie wieder auf die Reihe zu bekommen. Bradley Cooper zeigt hier in der Rolle des bipolaren Pat die beste und eindringlichste Leistung seiner bisherigen Karriere. Die ungemeine Aufgekratztheit, die wahnhaften Ausbrüche und die Verlorenheit dieses Charakters verkörpert Cooper mit einer wahnsinnigen Intensität und Ambivalenz, die zweifellos oscarwürdig ist. In nichts steht ihm da auch seine Partnerin Jennifer Lawrence nach, die die oft garstige, abweisende und vorlaute, gleichermaßen aber auch zerbrechliche und unsichere junge Witwe Tiffany mit dem richtigen Gespür für die leisen Zwischentöne und mit einem erhöhten Maß an Authentizität spielt. Trotz des 15-jährigen Altersunterschiedes zwischen Lawrence und Cooper harmonieren die beiden prächtig miteinander, was zu einigen wunderbaren verbalen Schlagabtäuschen und zu rührend-schönen romantischen Momenten führt, die in einer grandios inszenierten finalen Tanzszene gipfeln, welche den Vergleich mit Tanzfilmklassikern wie "Dirty Dancing" nicht scheuen muss.

Neben diesem famosen Hauptdarstellerduo wissen aber auch die diversen Nebencharaktere zu überzeugen. So sieht man unter anderem bekannte Schauspielgesichter wie Chris Tucker und Julia Stiles in kleinen Nebenrollen. Als übermäßig abergläubischer und Football-verrückter Vater, der seinen Sohn liebt, aber nicht genau weiß, wie er diese Liebe gegenüber ihm ausdrücken soll, ist zudem Schauspiellegende Robert de Niro endlich mal wieder in einer wunderbar vielschichtigen Rolle zu sehen, in der er in diversen Szenen sein ungeheures Talent endlich mal wieder voll ausspielen kann.

Fazit

Insgesamt ist David O. Russells neuester Film nach seinem umjubelten Boxer- und Familiendrama "The Fighter" einer, der trotz aller traurig-berührender Momente nie die Hoffnung verliert und vollgepackt ist mit entzückenden kleinen, glücklich machenden Momenten. Ein Film, direkt aus dem Leben gegriffen, zum Lachen und zum Weinen, der nachdenklich stimmt und einen mit einer seligen Zufriedenheit aus dem Kino entlässt. Ein kleines Kinowunder!

Moritz Stock - myFanbase
05.01.2013

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