Bewertung: 8
Martin Scorsese

Hugo Cabret

"If you ever wonder where your dreams come from, look around: this is where they're made."

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© Paramount Pictures

Inhalt

Hugo Cabret (Asa Butterfield) hat seine Mutter verloren und lebt mit seinem Vater (Jude Law), einem Uhrmacher, im Paris der 30er Jahre. Als sein Vater bei einem Feuer stirbt und ihn daraufhin sein Onkel Claude (Ray Winstone) bei sich aufnimmt, ziehen sie in den Bahnhof um, wo Hugos neue Aufgabe darin besteht, die Uhren auf dem Gelände am Laufen zu halten. Fortan wohnt Hugo zwischen den Wänden des Bahnhofs, zieht die Uhren, stiehlt Essen und möchte das ambitionierte Projekt seines verstorbenen Vaters zu Ende bringen: einen kaputten Schreibroboter reparieren. Als er Ersatzteile für den Roboter stehlen möchte, wird er von Georges (Ben Kingsley), dem Besitzer eines Spielwarengeschäfts, dabei erwischt, worauf dieser Hugo sein Notizbuch mit den Bauskizzen des Roboters abnimmt. Mithilfe von Georges' Patentochter Isabelle (Chloë Grace Moretz) möchte Hugo das Werk seines Vaters fertigstellen, denn er ist davon überzeugt, dass ihm sein Vater durch den Roboter eine Nachricht hinterlassen hat.

Kritik

Ein wenig ungewöhnlich ist es schon, wenn jemand wie Martin Scorsese, zweifellos einer der besten Regisseure unserer Zeit, mit knapp 70 Jahren seinen ersten 3D-Film dreht. Dazu auserwählt hat er die Buchvorlage "The Invention of Hugo Cabret" von Brian Selznick aus dem Jahre 2007. Man könnte sich Fragen stellen wie "Warum ausgerechnet jetzt?" oder "Muss das sein?", wird aber spätestens, wenn man sich "Hugo Cabret" ansieht, seine mehr als befriedigende Antwort erhalten. Scorsese als ein absoluter Liebhaber des Mediums Film nimmt sich eines Stoffs an, der auf Basis realer Ereignisse eine Geschichte entfaltet, die sich letzten Endes mit Georges Méliès auch vor allem um einen absoluten Filmpionier dreht. Méliès hat in einer Zeit, in der viele dachten, dass bewegte Bilder nur eine Modeerscheinung seien, zahlreiche Filme gedreht und das Medium revolutioniert, als er als einer der ersten so etwas wie Spezialeffekte genutzt hat, wobei er unter anderem den sogenannten Stopptrick erfunden hat. Dabei wird eine Einstellung aufgenommen, die Kamera ausgeschaltet, währenddessen etwas am Bild verändert, zum Beispiel Gegenstände hinzugefügt oder entfernt, und anschließend wieder die Kamera eingeschaltet.

Im ersten Schritt ist Georges Méliès aber eher eine Randerscheinung, denn "Hugo Cabret" verwendet viel Zeit darauf, den Hauptcharakter Hugo einzuführen und um ihn herum eine Story zu entwickeln, die erst in der zweiten Hälfte erste Hinweise auf Méliès gibt. Bis dahin ist er eher ein Abenteuerfilm für die ganze Familie rund um einen zwölfjährigen Waisen und wird auch als solcher vermarktet, da man die Befürchtung hegte, dass eine Hommage an einen ganz Großen des Kinos, die geschickt in eine spannende Geschichte eingebettet ist, die Zielgruppe abschrecken könnte. Und so offenbart sich erst mit der Zeit, wer dieser verbittert wirkende Besitzer eines Spielwarenladens eigentlich ist, den alle nur "Papa Georges" nennen. Der bis dato eher unbekannte, gerade einmal 13-jährige Asa Butterfield schafft es hierbei bravourös, Hugo darzustellen, was in Anbetracht dessen, dass er in praktisch keiner Szene der gut zweistündigen Laufzeit fehlt, eine nicht zu verachtende Leistung ist. Chloë Grace Moretz ("Kick-Ass") als Isabelle hat bisher deutlich mehr Erfahrung sammeln können als Butterfield und zeigt mit einer routinierten und treffsicheren Leistung, weswegen sie als großer Stern am Hollywoodhimmel gilt.

Ben Kingsley, der in der Vergangenheit immer wieder Darsteller in weniger ambitionierten Filmprojekten war und seinen Post-Oscarruhm dadurch ein wenig ramponierte, darf als Georges Méliès endlich einmal wieder zeigen, was er kann. Mit einer Performance als verbitterter alter Mann, der durch die Konfrontation mit seiner eigenen Vergangenheit wieder aufblüht, trägt er den Film maßgeblich. Sacha Baron Cohen als Station Inspector zu verpflichten, ist als ein absoluter Coup Scorseses zu bezeichnen, denn er sorgt nicht nur dafür, dass Hugo ein herrlich einprägsamer Antagonist entgegen gestellt wird, der Inspector sorgt auch für so manche mehr als gelungene Slapstickeinlage, die den Film auflockert. Es ist in dieser Hinsicht übrigens bezeichnend, wenn sich Schauspieler wie Jude Law, Ray Winstone, Emily Mortimer, Michael Stuhlbarg oder Christopher Lee mit ihren Rollen als Nebenfiguren, die nur wenige Minuten zu sehen sind, zufrieden geben. Scorsese strahlt eben eine Aura aus, der sich nur wenige entziehen können.

Sie führt sogar so weit, dass niemand Geringeres als James Cameron himself "Hugo Cabret" als den besten 3D-Film preist, der bisher gedreht wurde "Avatar Aufbruch nach Pandora" mit eingeschlossen. Dabei geht Scorsese einen anderen Weg als die vielen Bombastspektakel, die sich mit dem 3D-Zusatz lediglich Mehreinnahmen und die Ablenkung des Publikums von der hanebüchenen Story erhoffen. Bei ihm gibt es kein Actionfeuerwerk. Stattdessen wird die 3D-Technik vor allem dazu genutzt, die an sich schon spektakulären Kamerafahrten innerhalb und außerhalb des Bahnhofs so in Szene zu setzen, dass einem schlichtweg die Spucke weg bleibt. Allein die Eröffnungsszene, als von einem Uhrwerk ausgehend, das sich in die Innenstadt von Paris verwandelt, die Kamera durch die riesigen Menschenmengen im Bahnhof hinweg bis ins Uhrwerk manövriert wird, ist schlicht atemberaubend und rechtfertigt schon allein deshalb voll und ganz die Nutzung der 3D-Technik, die in anderen Filmen sonst im Normalfall schlicht unnötig ist.

Die Story selbst ist insgesamt zwar recht simpel und überschaubar konzeptioniert, damit auch die ganze Familie den Film genießen kann. Das bedeutet aber mitnichten, dass nicht auch Erwachsene auf ihre Kosten kommen. Die Geschichte, unterstützt von einem hervorragenden Score von Howard Shore, ist gemessen an ihrem Genre sehr wendungsreich und spannend ohne Längen. Zudem offenbart sie mit der Zeit immer weitere Ebenen: Nicht nur die Hommage an Georges Méliès und das Medium Film ist ein wichtiger Bestandteil, es ist die Verknüpfung mit der Welt der Magie und der Präzision und Funktionsweise von mechanischen Dingen wie Robotern, die "Hugo Cabret" den Charme des Magischen verleiht und ihn dadurch verstärkt, dass er aus Sicht eines Jugendlichen dargeboten wird, der für die Magie des Alltags noch empfänglich ist.

Fazit

Der britische Science-Fiction-Schriftsteller Arthur C. Clarke, der unter anderem die Kurzgeschichte verfasste, auf der Stanley Kubricks "2001: Odyssee im Weltraum" basiert, hat im Rahmen seiner Werke die sogenannten Clarkeschen Gesetze formuliert. Diese besitzen im Sci-Fi-Genre mittlerweile einen ähnlich hohen Stellenwert wie die Robotergesetze von Isaac Asimov. Das wahrscheinlich wichtigste Clarkesche Gesetz lautet: "Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden." "Hugo Cabret", das 3D-Debüt Scorseses, ist Magie pur.

Andreas K. - myFanbase
06.01.2012

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