Bewertung: 2
Joel Bender

Karla

"Where you've been?" - "I just raped a girl."

Inhalt

Die 18-jährige Karla Homolka (Laura Prepon) verliebt sich in Paul Bernardo (Misha Collins), einen wie sich später herausstellt gewalttätigen Vergewaltiger und Mörder. Karla wird ihm hörig und ist bereit, Pauls perverse Wünsche zu erfüllen, was schließlich in den Tod ihrer jüngeren Schwester gipfelt, an dem sie Mitschuld trägt. Karla schlittert aus Angst vor den andauernden physischen wie seelischen Misshandlungen Pauls sowie den Beweisen, die dieser bezüglich ihrer Tat an ihrer Schwester hat, immer tiefer in eine gewalttätige Beziehung, die sie zu einer Komplizin von Pauls noch folgenden Vergewaltigungen und Morden macht.

Kritik

"Karla" hat den Anspruch, die realen Geschehnisse rund um Karla Homolka und Paul Bernardo darzustellen, die zwei wohl bekanntesten Serienkiller Kanadas, die Anfang der 90er Jahre gemeinsam eine Reihe von Mädchen sexuell missbrauchten, vergewaltigten und anschließend töteten. An genau diesem Anspruch muss sich der Film daher auch messen lassen, insbesondere wenn mittlerweile Bibliotheken mit Informationen zu Homolkas und Bernardos Taten gefüllt werden könnten. Der Stoff für eine ansprechende und vor allem realitätsgetreue Verfilmung wäre in reichlichem Maße vorhanden. Selbst interessante Nebenplots, wie die zahlreichen juristischen Verfehlungen während und nach den Gerichtsverhandlungen könnten das Werk stützen und das kanadische sowie aufgrund der zahlreichen Gemeinsamkeiten letzten Endes auch das US-amerikanische Justizsystem in ein kritisches Licht rücken. Man könnte die mit dem Fall unerfahrenen Anwälte in die Handlung integrieren, für die das alles eine immense Herausforderung an ihre eigene Moral war. Man könnte so wahnsinnig viel aus dem Film machen. Könnte.

Denn "Karla" ist ein großes Ärgernis durch und durch. Das beginnt damit, dass der gesamte Film aus Karlas Sicht erzählt wird und dennoch durch den pseudo-dokumentarischen Stil von Regisseur Joel Bender als einzig gültige Wahrheit präsentiert wird. Karla ist also das Opfer Pauls, eines gewalttätigen Psychopathen, eine Sklavin, der gar keine andere Möglichkeit gegeben wird, als dessen abscheuliche Taten tatenlos mit anzusehen und teilweise gar zu assistieren. Wäre der Film gerade zu Anfang des Homolka/Bernardo-Gerichtsfalls entstanden, man hätte ein Auge zudrücken können. Aber zum Zeitpunkt des Drehs ist seit mittlerweile zwölf (!) Jahren durch das Auftauchen der Videobänder, die die beiden während ihrer Taten gedreht haben, zweifelsfrei geklärt, dass Homolka einen aktiven Part bei den Vergewaltigungen spielte. Dieser wichtige Hinweis wird vom Film komplett ignoriert, ebenso wie die fragwürdige juristische Praxis, dass niemand für dieselbe Tat zweimal verurteilt werden kann, auch wenn zusätzliche Beweise auftauchen, womit Homolka weiterhin lediglich zwölf Jahre im Gefängnis wegen zweifachen Totschlags (als Ergebnis eines Deals für ihr Geständnis) verbringen musste. Und als am Ende des Films dann auch noch halbherzig versucht wird, anzudeuten, dass Karla vielleicht gar nicht so unschuldig ist, wie man sie eineinhalb Stunden lang vehement darzustellen versuchte, kann man nur zu folgendem Schluss kommen: Entweder mussten Bender und Co. diesen Hinweis bringen, um nicht mit Klagen überschüttet zu werden, oder sie waren sich gar nicht bewusst, wie manipulativ sie die gesamte Geschichte gestaltet haben, und dass es mehr als unpassend ist, erst gegen Ende die ersten Zweifel aufkommen zu lassen.

Aber nein, im Film wird Karla durchgehend als Opfer dargestellt, und so wird ihr eine entsprechend passive Rolle während Pauls mehr als fragwürdigen Handlungen zuteil. Dass Karla währenddessen geradezu teilnahmslos dargestellt wird, wird sicherlich eher Gründe in Laura Prepons ("October Road") begrenztem schauspielerischen Können und einem schwachen Drehbuch haben als in einer gewollten charakterlichen Ambivalenz der Filmfigur. Das große Problem ist, dass Karla eindimensional durch und durch ist und daher jegliches Erhaschen von Sympathie, das immer wieder per Holzhammer versucht wird, beim Zuschauer wirkungslos verpufft. Bei dem Filmcharakter Paul Bernardo hat es sich Joel Bernard ähnlich einfach gemacht und aus ihm einen unausstehlichen Kotzbrocken gemacht, um den Antagonisten zur ach so unschuldigen Karla zu stellen. Paul taucht einfach so in Karlas Leben auf und ist später, als er im Gefängnis landet, auch wieder weg. Eine Vorgeschichte hat er nicht, zumindest wird im Film nichts erwähnt abseits der Aussage Karlas, dass er schon vorher Mädchen vergewaltigt habe. Niemand erwartet ernsthaft eine Storyline, die seine Taten aufgrund einer schwierigen Kindheit oder ähnlichem verharmlost, aber ein wenig mehr Mut bezüglich mehrdimensionaler Charakterarbeit selbst bei vermeintlich unsympathischen Figuren wäre durchaus angebracht gewesen. Paul-Darsteller Misha Collins ("Supernatural"), der ebenso nicht gerade dafür bekannt ist, ein begnadeter Charakterdarsteller zu sein, gelingt es im Zeitverlauf leider auch nicht, gegen das miserable Drehbuch anzukommen und mehr Facetten von sich zu zeigen.

Aufgrund all der Kontroversen um den Film hätte es sich geradezu angeboten, einen Exploitation-Streifen daraus zu machen, wenn einem schon Charakterarbeit und die realen Ereignisse egal sind. Aber die Selbstironie besitzt "Karla" in keiner Sekunde, ebenso wenig wie tatsächlich drastische Vergewaltigungs- oder Tötungsszenen. Die fraglichen Szenen sind derart abgekürzt, lediglich angedeutet und handzahm, dass man auch hier Bender mangelnden Mut unterstellen muss. Homolkas und Bernardos Taten waren grauenvoll, wieso wirken sie im Film also so blutleer? Selbstverständlich kann es keine Lösung sein, jegliche Abscheulichkeit in jeder Einzelheit darzustellen, aber wenn sie schon fast verharmlosend wirken und so der Realität widersprechen, ist das auch nicht der richtige Ansatz. Es hätte ja schon geholfen, die Mädchen nicht als gesichtslose Opfer darzustellen, für die man als Zuschauer nie wirklich Sympathie entwickeln kann, weil einem dazu aufgrund fehlender Story nie die Möglichkeit gegeben wird. Aber auch da reduziert man lieber auf ein wenig Winseln und Schreien und untermalt das mit einem 08/15-Horrorfilmsoundtrack, der auch dann noch unaufhörlich nervt, wenn die Mädchen längst tot sind.

Fazit

"Karla" ist ein großes Ärgernis, das die tatsächlichen Begebenheiten, auf denen der Film vorgibt zu basieren, vollkommen ignoriert, unsäglich einseitig in Storygestaltung und Charakterzeichnung wirkt und nie den Mut besitzt, zumindest teilweise den Schrecken beim Zuschauer auszulösen, den die Realität mit Sicherheit entfacht hätte. Dazu kommen in ihren Fähigkeiten sichtbar beschränkte Darsteller, die das schlechte Drehbuch auch nicht mehr retten können, sowie ein denkbar uninspirierter Soundtrack. Es ist nicht schlimm, dass "Karla" einfach ein schlechter Film ist, viel tragischer ist, dass er dem Homolka/Bernardo-Fall nicht eine interessante Facette verleiht und damit in seiner Funktion als Nacherzählung realer Ereignisse auf ganzer Linie versagt.

Andreas K. - myFanbase
05.03.2011

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