Bewertung: 3
Joel Coen, Ethan Coen

Ein (un)möglicher Härtefall

USA 2003, 100 Minuten
Musik: Carter Burwell
Director of Photography: Roger Deakins
Schnitt: Roderick Jaynes
Produktionsdesign: Leslie McDonald, Tony Fanning

... that’s the Glory of Love"? Nein. Wahrlich nicht. Aber leider ist der Film der Coen-Brüder auch nicht das bittere Gegenteil, ist eben keine besonders süffisante, sarkastische oder bissige Visualisierung von reichen Scheidungen und Scheidungen von Reichen. Irgendwo las ich, den Film könne man mit Howard Hawks klassischer Screwball-Komödie "Bringing Up Baby" (zu dt. "Leoparden küsst man nicht", 1938) vergleichen. Das sollte man tunlichst unterlassen. Denn in Hawks Meisterwerk ergibt sich der Humor fast wie selbstverständlich aus dem Spiel der Schauspieler. Bei den Coens ergibt sich der Humor aus den Vorschriften des Drehbuchs – und damit lagen die beiden Brüder, die so überzeugend gute Filme wie "Fargo" (1996) oder "The Big Lebowski" (1998) zu Wege gebracht haben, voll daneben.


Inhalt

Dabei ist die Idee der Geschichte, die die Coens erzählen, zwar nicht neu, wäre aber Anlass genug für eine spritzige Komödie. Der Scheidungsanwalt Miles Massey (George Clooney) kennt nur eines: Siegen. Als Anwalt in einer noblen Kanzlei, geführt von einem 87jährigen Greis, der an Schläuchen hängt und der Massey immer mal wieder in seiner Phantasie oder real erscheint, kennt er keine Niederlagen im Scheidungsprozess. Seine Klienten gehören natürlich den begüterten Schichten an, und so bleibt es nicht aus, dass er selbst zu einigem Reichtum gekommen ist.

Auf der anderen Seite steht die schöne Marylin Rexroth (Catherine Zeta-Jones). Auch für sie gibt es nur eines: Siegen im Ehebetrug. Ihre Opfer: reiche, aber nicht sehr intelligente Männer und davon scheint es mehr als genug zu geben. Ihr derzeitiger Mann, Rex Rexroth (Edward Herrmann), wendet sich an Massey mit einem massiven Problem. Marylin besitzt eine Videoaufnahme, besorgt hat sie ihr ein Detektiv namens Gus (Cedric the Entertainer) und die Szenen mit seinen Spielgefährtinnen, die hier zu sehen sind, sind eindeutig eindeutig. Massey allerdings hat keine Skrupel, sich das Notizbuch Marylins besorgen zu lassen. Und mit Hilfe eines etwas merkwürdigen Barons namens Krauss von Espy, der darin genannt ist, erfährt das Gericht, dass dieser Marylins Wunsch nach einem reichen, aber naiven Ehemann dadurch erfüllt hatte, dass er Marylin Rex vorstellte. Die Gute verliert den Prozess.

Kurz darauf allerdings taucht sie bei Massey auf, um ihn zu bitten, einen niet- und nagelfesten Ehevertrag für sich und den angeblichen Öl-Millionär Howard (Billy Bob Thornton) auszufertigen. Beide wollen heiraten. Massey hat sich längst in die schöne Marylin verliebt. Und hierin liegt auch der Hund begraben, der ihm später – nach dem angeblich plötzlichen Tod des Texaners – zum Verhängnis wird – oder dann wiederum auch nicht ...

Kritik

Schon der Beginn des Films konnte mich nicht begeistern. Der Fernsehproduzent Donovan Donaly (Geoffrey Rush) kehrt in seine Prachtvilla zurück und erwischt seine Frau (Stacey Travis) mit einem Mann vom Poolservice, die beide gerade das Bett geteilt hatten. Sie verschwindet im Bad, er in einem anderen Zimmer, Donaly steht dazwischen und als beide wieder auftauchen, zieht er eine Waffe (nachdem ihm eingefallen ist, dass er gar keinen Pool besitzt), wird allerdings dann von seiner Frau mit einer Film-Trophäe (wenn ich mich recht erinnere) unsanft auf den Kopf gehauen und mit deren Spitzen dieses Gegenstandes in den Allerwertesten gestochen. Der Poolboy nimmt Reißaus, die Gattin flüchtet im Sportwagen, der gehörnte Ehemann schießt beiden hinterher und fotografiert mit einer Polaroid seinen Hintern, um ein Beweisstück vor Gericht zu haben. Der "Humor" dieser Szene ist typisch für den ganzen Film. Er wirkt aufgesetzt, oft überkandidelt, gespreizt, übertrieben.

Geoffrey Rush, den ich sehr schätze, spielt nicht nur einen gehörnten Hampel- respektive Ehemann, er lässt durchscheinen, dass er Rush ist und der, den er spielt, eigentlich ein anderer. Das ist das zweite Merkmal dieser Möchtegern-Komödie. Die Schauspieler stehen sozusagen neben ihrer Rolle. Das wirkt dermaßen, als ob kurz zuvor, das heißt, bevor man die nächste Szene sieht, die Coens die letzten Anweisungen für die erste oder zweite Probeaufnahme gegeben hätten. Schnitt. Nächste Probeaufnahme. Selbst Catherine Zeta-Jones, die eigentlich in allen Filmen immer präsent ist – Roger Ebert stellt sie in seiner Besprechung in eine Reihe mit Ava Gardner und Deborah Kerr –, und George Clooney, der im Grunde für die Rolle dieses Scheidungsanwalts prädestiniert ist, "glänzen" – von wenigen Ausnahmen abgesehen – durch dieses "Spiel neben sich". Apropos "Leoparden küsst man nicht". Wenn man etwa an die Rolle des dort auftretenden Großwildjägers, der über das Verhalten ihrer Nichte (Katherine Hepburn) verzweifelten Tante, die Hepburn oder Cary Grant, den betrunkenen Stallknecht, den Sheriff, den Psychiater und und und denkt – wie eins sind damals doch die Schauspieler mit ihrer Rolle gewesen. All das geht "Intolerable Cruelty" einfach ab.

Und so verbleibt auch das "Happyend" wenig überzeugend, weil es nicht aus tiefstem Herzen, sondern zu offensichtlich aus dem Drehbuch kommt.

Fazit

Der Film will gefallen, er will komisch sein, er will zynisch sein, er will bissig sein, aber er ist es weitestgehend eben nicht. Man vergleiche die soeben genannten Rollen aus "Bringing Up Baby" mit der Rolle des Baron Krauss von Espy, der als Zeuge Masseys gegen Marylin im Prozess auftritt: eine überzogene, überkandidelte, ja lächerliche Figur gibt Jonathan Hadary ab. Auch die Figur des 87jährigen Senior-Anwalts grenzt mehr an Lächerlichkeit, denn Humor. Am besten schneidet da noch der gedungene Mörder ab, der an Asthma leidet und an einer Stelle des Films die Spraydose (leider) mit dem Revolver verwechselt. Im übrigen aber sind sich die Coens für müde bis dumme Witze und ausgelatschte Dialoge nicht zu schade. Im Gegensatz zu vielen ihrer früheren Filme fehlt es zudem an der distanzierten und zumeist verzerrt-kritischen Sicht auf die eigene Kultur. In "Intolerable Cruelty" bleibt davon kaum mehr übrig als der seichte, harmlose und verharmlosende Blick, der niemandem weh tut. Die reichen oder möchte-gern-reichen Tussis und die dümmlich-arroganten Spießer im Film sind kaum mehr als schlechte Karikaturen. Aber was soll man mit schlechten Karikaturen schon anfangen?

© Ulrich Behrens 2005

Nicole Brandt - myFanbase
30.11.2005

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