Bewertung: 5
Ross Katz

Taking Chance

"When one falls, another brings him home."

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Inhalt

April 2004. Die Anzahl der Opfer des Irakkrieges wächst stetig an. Lt. Col. Mike Strobl (Kevin Bacon), frustriert, dass seine Beförderung abgelehnt wurde, da ihm jüngste Kampferfahrung fehlt, meldet sich freiwillig dafür, den Leichnam von Chance Phelps, der im Alter von 19 im Krieg starb, nach Wyoming, zu begleiten. Ob per Leichenwagen, per Flugzeug oder per PKW, egal ob in Philadelphia oder in Minneapolis, überall wird Strobl durch nette Worte, kleine Geschenke oder einfach nur Dankbarkeit Respekt gegenüber gebracht, während er sich auf seiner eigenen Selbstfindungsreise befindet.

Kritik

Der US-amerikanische Pay-TV-Sender HBO genießt nicht nur aufgrund seiner (Mini-)Serien internationales Ansehen, sondern produziert auch Filme, die in schöner Regelmäßigkeit die wichtigsten Fernsehawards einheimsen. Für das Wahldrama "Recount" beispielsweise erhielt der Sender 2009 einen Golden Globe und 2008 drei Emmy Awards. Dieses Jahr schickt HBO zwei Filme ins Rennen, einer davon ist "Taking Chance". Als HBO den Film am 21. Februar 2009 schließlich ausstrahlte, wurde er zum meistgesehenen HBO-Film in fünf Jahren.

"Taking Chance" basiert auf wahren Begebenheiten und erzählt die Erlebnisse von Lt. Col. Mike Strobl nach, der darüber ein Buch schrieb und an der Verfilmung maßgeblich beteiligt war. Ross Katz feierte hierbei sein Debüt als Regisseur. Davor war er unter anderem als Produzent zweimal für einen Oscar nominiert worden ("Lost in Translation" und "In The Bedroom"). Insbesondere die Zusammenarbeit mit Sofia Coppola kann Katz nicht verleugnen, fokussiert er sich doch ähnlich wie sie deutlich auf das Gesicht der einzelnen Darsteller, in dem Fall vor allem auf das von Kevin Bacon, der Mike Strobl verkörpert.

Einen geeigneteren Schauspieler als Bacon hätte er hierbei wohl kaum finden können. Bereits in vergangenen Filmen hat dieser gezeigt, wie sehr er allein mit dem Spiel seiner Augen eine Vielzahl von Emotionen darstellen kann. Dementsprechend spielt er auch in "Taking Chance" auf der einen Seite recht reserviert, auf der anderen Seite facettenreich und eindrucksvoll allerdings ohne große Gestik. Dies alles spielt sich in seinem Gesicht ab. Die Rolle des Lt. Col. Mike Strobl, der regelrecht besessen Listen von Todesopfern des Irakkrieges durchsucht, bis er eines aus seinem Heimatort findet, passt wie die Faust aufs Auge. Ihn treibt das Gefühl, als jemand, der selbst wegen seiner Frau und seiner Kinder nicht im Irak war, doch etwas für sein Land tun zu müssen. Daher eskortiert er schließlich Chance Phelps nach Wyoming, wo dessen Eltern wohnen.

Womit der große Kritikpunkt allerdings auch schon ausgemacht wäre. Bei einem Film über ein Opfer des Irakkrieges lässt es sich kaum vermeiden, patriotisch zu wirken. Und auch wenn sich "Taking Chance " als bewusst apolitisch gibt, es zu keinen patriotischen Ansprachen oder irgendwelchen Kampfszenen kommt, so ist die gesamte Inszenierung implizit darauf ausgelegt, patriotische Gefühle der Zuschauer anzusprechen. Egal wohin man sieht, überall sind weinende Menschen, US-Flaggen auf Särgen und Streicherklänge. Dabei stellt sich vor allem die Frage, wie so etwas funktionieren soll, wenn man Phelps außer durch kurze Erzählungen nicht kennenlernt und insbesondere kaum Einblick in das Seelenleben von Strobl erhält, obwohl seine eigene Selbstfindung ein bedeutenderer Bestandteil des Films hätte sein können bzw. sogar sollen. Letzten Endes wird in der ohnehin sehr kurzen Laufzeit nur gelegentlich angedeutet, was in Strobl vorgeht oder wie er mit seiner momentanen Situation umgeht. Es ist praktisch unmöglich, eine Bindung zu den beiden Charakteren aufzubauen, wenn man mehr haben möchte als ein simples "das sind eben echte amerikanische Helden".

Im Verlauf des Films konzentriert man sich daher lieber darauf, eine Aneinanderreihung von militärischen Ritualen zu zeigen. Diese sind irgendwann einfach nur noch monoton und vorhersehbar. Man kann die Sehnenscheidenentzündung, die sich Strobl/Bacon beim unzähligen Salutieren unweigerlich geholt haben muss, regelrecht fühlen. Manche Szenen wiederum sind in ihrer Darstellung vollkommen übertrieben, wie unter anderem als Chances Körper sowie sein Hab und Gut, das er zu seinem Tod bei sich hatte, gereinigt wird. Die Konnotation mit der Reinigung der Wunden Jesu durch Maria Magdalena kann nur beabsichtigt worden sein, anders lässt sich diese Offensichtlichkeit nicht erklären. Ganz allgemein lässt sich der Eindruck, dass der Irakkrieg einmal wieder nur als Wunde der US-amerikanischen Psyche und als gelungene Möglichkeit fungiert, als Amerikaner endlich wieder zu glänzen, nie abschütteln.

Dennoch schafft es "Taking Chance" zu überzeugen, nämlich dann, wenn der Patriotismus bei Seite gelassen wird, um ein letzten Endes simples und menschliches Drama über einen Mann zu erzählen, der versucht, zu sich selbst zu finden. Der Film kommt genau dann ohne übertriebene Melodramatik aus und spricht den Zuschauer an, so ganz ohne Action, Überraschungen oder einen großen Konflikt.

Fazit

Ohne den Hintergrund des Irakkrieges hätte der Film deutlich besser funktioniert. Insbesondere fehlt jegliche Dramaturgie, um sich für Strobl oder Phelps zu interessieren. Kevin Bacon spielt zwar überzeugend, aber auch er muss sich der bedeutungsschwangeren Inszenierung geschlagen geben. Was bleibt, ist ein fader Beigeschmack, weil davon ausgegangen wird, dass man für einen gefallenen anonymen Soldaten zwangsläufig eine Unmenge an Anteilnahme entgegen bringen muss, egal ob dafür ein Grund gegeben wird oder nicht.

Andreas K. - myFanbase
09.09.2009

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