Marcus Wiebusch, Thees Uhlmann und Bosse

WiebuschBosseUhlmann in München

Als Anfang Juni 2021 angekündigt wurde, dass Marcus Wiebusch, Thees Uhlmann und Bosse zusammen auf Tour gehen würden, dauerte es nicht lange, bis die ersten Stopps komplett ausverkauft waren. Dass eine solche Kombo im Münchner Olympiastadion spielt, ist eigentlich folgerichtig, aber ganz so einfach dann doch nicht.

Foto: WiebuschBosseUhlmann in München - Copyright: Käthe deKoe
WiebuschBosseUhlmann in München
© Käthe deKoe

Immerhin befinden wir uns noch immer in einer Pandemie und so gab sich der Münchner Kultursommer größte Mühe, Konzerte auf der "Sommerbühne" aus dem Boden zu stampfen, die lediglich eine Kurve des großen Stadions füllten. Natürlich mit 1,5 Meter Abstand. Nichtsdestotrotz war die Laune aller Beteiligten bestens: Nach der Ankündigung von Thees Uhlmann enterten Sir Simone & Burkini Beach die Bühne um 19 Uhr. Sir Simon kennt man nicht nur als Solo Act, sondern auch als Keyboarder von zunächst Tomte, dann Thees Uhlmanns Band. Burkini Beach alias Rudi Maier spielt ebenfalls dort mit und gemeinsam produzierten sie "Junkies und Scientologen". Auf der Bühne komplementiert durch Schlagzeuger Neugebauer, traten sie vor einem sich langsam füllenden Stadion auf – denn die Schlange vor dem einzigen Getränke- und Snackstand war extrem lang.

Man hätte ihnen beigebracht, Vorbands müssten ihren Namen möglichst oft sagen, um im Gedächtnis zu bleiben (Anmerkung der Autorin: Zunächst war mir Burkini Kill im Gedächtnis, sorry Jungs!). Im Grunde hätten sie sich letzte Woche gegründet und "jetzt immer Stadion"! Ihre Songs gefielen wegen ihrer schönen Ruhe, Harmonie - und Traurigkeit. Als Burkini Beach den Titelsong des kommenden Albums "Best Western" anstimmten, war das Stadion endlich schon recht voll. "Unser letzter Song heißt 'Crying at the Soundcheck' und handelt von heute Nachmittag", beendeten sie sehr poppig ihr Set. Sir Simon & Burkini Beach sind im Herbst wieder in München zu erwischen: Bei einem Social-Distance-Konzert im Backstage Werk.

Während Thees den weiten Weg aus dem Backstage über das halbe Stadionfeld ein wenig früher antrat, kamen Marcus Wiebusch und Axel "Aki" Bosse um 19 Uhr 58 Laola-Welle-anzettelnd an. Nach einem längeren Intro begann der Abend mit dem Kettcar-Klassiker "48 Stunden". Die zweite Strophe teilten sich dabei Thees und Aki. Mit drei Frontmännern auf der Bühne (unterstützt von einer Band im Hintergrund und toller Beleuchtung) gab es viel zu besprechen. So fragte Aki bereits zu Beginn, ob man Weißwürste eigentlich noch "Leichenfinger" nennen würde, was die Mehrheit der Gäste noch nie gehört hatte. Jedenfalls wäre er nach so einem Frühstück erstmal Joggen im Park gegangen, während Thees das Rock'n'Roll-Museum im Olympiaturm ausgecheckt hatte. "Ich war auf dem Hügel da oder Berg, wie wir Hamburger sagen", fügte Marcus hinzu.

München sei definitiv die zweitschönste Stadt nach Hamburg, worauf sich später Thees bei einem improvisierten Song auf die herrliche Tomte-Melodie von "New York" bezog. Nach "Die Toten auf den Rücksitz" von Thees war Aki jedenfalls mit seinem ersten Song "So oder so" dran. Der Aufforderung zum unbeschwerten Tanzen kamen die Münchner gerne nach, bis die Security nach dem Lied auf die Maskenpflicht hinwies. Später holte Aki daher diesen Hinweis noch einmal nach und Thees bezog sich auf Nena mit seiner bewussten Nonsensforderung: "Runter mit der Merkelburka!"

Eine Konstellation aus verschiedensten Backkatalogen wie diesen führte zu interessanten Veränderungen innerhalb der dargebotenen Stücke: Die Bosse-Single "Der letzte Tanz" wurde daher in seiner Urversion – einer düsteren, Chanson-artigen – aufgeführt, bei "Endlich einmal" überzeugten die brillanten Harmonien des Trios und der Kettcar-Song "Benzin und Kartoffelchips" wurde umarrangiert zum absoluten Highlight des Abends.

Der ursprüngliche Gedanke, jeder möge einen Song alleine spielen, wurde von Thees und Marcus zum Duosong umgewidmet. Weil Marcus 1991 im Olympiastadion Zeuge davon war, wie St. Pauli (Thees: "Außenseiterverein mit angeschlossener T-Shirt-Marke", nur spanische Austauschschüler in Berlin würden die Trikots tragen) Bayern schlug, angereist mit einem Fanzug, wurde ein Fußballsong angekündigt. Nur welcher aus einer reichhaltigen Sammlung an Fußisong und -referenzen? Auflösung nach Walzereinzählung: "Das hier ist Fußball". Oder um es mit Thees' Tochter zu sagen: "Papa, warum hast du kein Hobby, dass dich glücklich macht?"

Dieser "Emoblock" ging weiter mit "Mein Skateboard kriegt mein Zahnarzt". Aki, der sich zuvor noch überfordert von Gitarre und Shaker fühlte ("Wir müssen das Konzert abbrechen!"), schloss sich hier an den Drums an. Ganz schön viel Stimmung und ganz schön viel gute Laune für etwas, was laut Thees als "skurriles Außenseiterhobby für Leute ohne Zukunft" begann. Damals hatte Marcus die erste Tomteplatte produziert, nun standen sie gemeinsam auf der Bühne (im Olympiastadion!!) und blickten auf ihre Karriere zurück. Und für Aki hieß das, seinen "Arte-Song" auszupacken: "Wende der Zeit".

"München war immer gut zu uns", bekräftigte Marcus, wie man es bereits von vergangenen Kettcar-Konzerten kennt, auf denen immer wieder der erste Auftritt damals im Atomic vorgeschwärmt wurde. Aki: "München war immer schwer!" Er hingegen hatte nämlich für den Erwerb einer Karte seines eigenen Konzerts im 59:1 gesammelt, um die 100 zu knacken. Und jetzt Stadion! Also Zeit, für noch einen bekannten Kettcar-Konzert-Spruch: "Und das geht so!" Es folgte der ehrliche Lovesong "Die Rettung". Nach zwei Stunden endete das Konzert, während sich nebenan im Olympiapark ein hellerleuchtetes Riesenrad durch die Nacht drehte. Ganz begeistert bezog Thees sich noch einmal auf die Möglichkeit, im Stadion zu spielen: "Kann jemand direkt Wikipedia ändern? In zwanzig Jahren checkt das keiner mehr, dass das war wegen Corona!"

Fazit

Nachdem alle drei sich darüber unterhalten hatten, dass keines ihrer Teeniekinder auf die Konzerte des eigenen Vaters wollen würde, weil: "Peinlich!", lautet das Fazit: Absolut nicht peinlich! Egal, ob das Stadion nun ausgereizt wurde oder nicht. Nicht nur für Aki sind Tomte und Kettcar Police und Nirvana, sondern auch für das Publikum. Und Aki zählt, vor allem dank den schlauen Lyrics zu "Paradies" und dem wunderschön von Thees und Marcus gebackupten "Wartesaal", für die zufriedenen Zuschauer nicht nur an diesem Abend ebenfalls zu diesen Legenden. So heißt nicht nur ihre WhatsApp-Gruppe "Die drei Tenöre". Aber überhaupt, zum Thema Meinung von Kindern: Thees erzählte vor "Nur einmal rächen", er hätte Marcus gefragt, was dieser mit acht Jahren hätte werden wollen. Er selbst: Rudi Carell. Und Marcus: "Anwalt der kleinen Leute". Passt. Und so war der Abend die perfekte Mischung.

Special: Hamburger Schule

Simone Bauer - myFanbase
16.08.2021