Bewertung: 8
Thees Uhlmann

Junkies und Scientologen

Thees Uhlmann widmet sein neues Album nicht nur den "Junkies und Scientologen", sondern eigentlich allen Begegnungen in der Stadt, egal, ob Berlin oder Hamburg, egal, ob gut oder schlecht. Hauptsache real.

Foto: Thees Uhlmann - "Junkies und Scientologen" - Copyright: Grand Hotel Van Cleef
Thees Uhlmann - "Junkies und Scientologen"
© Grand Hotel Van Cleef

Eine halbe Dekade hat er nicht gesungen. Nach Veröffentlichung seines zweiten Soloalbums "#2" widmete Thees Uhlmann sich nämlich seinem Debütroman "Sophia, der Tod und ich". Die erste Single und zugleich Opener von "Junkies und Scientologen", "Fünf Jahre nicht gesungen", ist brutal ehrlich. Trotz allem Schmerz und Gesellschaftskritik: Es muss weitergehen und das ist ja auch eine Art von Lebensmut und Hoffnung.

In "Danke für die Angst" bedient er sich an Referenzen amerikanischer Popkultur, während die Gitarre fast wie im Western-Showdown klingt. Unterstützt haben nicht nur musikalisch, sondern auch als Produzenten Simon Frontzek, den man seit Ende der Tomte-Tage an Uhlmanns Seite kennt, und Rudi Maier. "Avicii" will dann leider zu viel. Wie die meisten der Titel auf dem dritten Album gibt dieser schon viel preis, natürlich gewidmet dem viel zu früh verstorbenen Künstler. Doch der Text wirkt ungeordnet und kommt so allen Erwartungen nicht entgegen. Dafür ist im nächsten Stück schon wieder alles beim Alten: Auch auf dem dritten Album muss eine obligatorische Stadt besungen werden, nach Paris und Wien geht es dieses Mal nach Hannover ("Was wird aus Hannover"). Ganz klar.

Während "100.000 Songs" mitnimmt zur "letzten Rock'n'Roll-Show der Welt" und die Liebe zur Musik feiert, erzählt "Ich bin der Fahrer, der die Frauen nach HipHop Videodrehs nach Hause fährt" seine ganz eigene Geschichte: Jan hat drei AMGs geleast und bringt die aus Rapvideos bekannten Tänzerinnen nach Hause. Der Song ist dabei fast eine Kritik an der deutschen HipHop-Szene, die Uhlmann mehr im Vortrag als im Gesang rezitiert. Ähnlich kritisch geht es in "Ein Satellit sendet leise" zu - "Sie haben alle neue, tolle Autos, aber sind kaum in der Lage zu blinken" wird von Bläsern untermalt.

Nach dem Hau-drauf-Song "Katy Grayson Perry", bei dem das Schlagzeug nur so scheppert und Plattenlabelmitbesitzer Marcus Wiebusch genamedropt wird (denn Katy Perry solle doch bitte zum Grand Hotel van Cleef wechseln), wird es bei "Menschen ohne Angst wissen nicht, wie man singt" gefährlich ruhig. Unter anderem wird der Verlust einer lieben Person besungen.

"Die Welt ist unser Feld" geht ebenso punkig nach vorne wie "Katy Grayson Perry". Und der Text soll die Perspektive gerade rücken: Unsere Probleme sind schon ziemlich klein im Vergleich zur ganzen Welt. "Immer wenn ich an dich denke, stirbt etwas in mir" hat mit seiner schwermütigen Melodie hingegen Potential, der Trennungssong schlechthin zu werden. Routine gegen den Wunsch nach Spontanität, ein Kuss nach dem Beziehungsende mit einer anderen gegen den Schmerz. Grölend wird Uhlmann da am Schluss, denn hier geht das Leben ebenfalls weiter. Und noch dazu bleibt er der Letzte, der Bier trinkt in einer Welt voller Champagner – und damit ist das ganze dritte Album ziemlich gut zusammengefasst.

Fazit

Mal zerstört Thees Uhlmann den Traum von Hollywood ("Das Leben ist kein Highway, es ist die B73"), mal feiert er ihn leidenschaftlich ("Was ich übers Leben weiß, weiß ich aus 'Stand By Me'"). Dabei klingt "Junkies und Scientologen" wie aus einem Guss, die Gitarre hier trauriger, da fröhlicher. Was zählt, ist die Stimme über dem perfekten Beat, und die hat man sehr vermisst. Sie hat auch genug zu sagen.

Anspieltipps
100.000
Katy Grayson Perry
Die Welt ist unser Feld

Tracks

1.Fünf Jahre nicht gesungen
2.Danke für die Angst
3.Avicii
4.Was wird aus Hannover
5.100.000 Songs
6.Ich bin der Fahrer, der die Frauen nach HipHop Videodrehs nach Hause fährt
7.Junkies und Scientologen
8.Katy Grayson Perry
9.Menschen ohne Angst wissen nicht, wie man singt
10.Ein Satellit sendet leise
11.Die Welt ist unser Feld
12.Immer wenn ich an dich denke, stirbt etwas in mir

Simone Bauer - myFanbase
17.09.2019

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