P!nk

Album-Release-Konzert: "The Truth About Love"

Der Einlass am 14. September 2012 ist so ungewiss wie Sonnenschein in England, mehr oder weniger freche Kurzhaarschnitte weit und breit, ein kaum erkennbares "So What?" wird angestimmt und hält die wartende Menge bei Laune. Später wird das große Vorbild aller Anwesenden dieses Lied selbstredend wesentlich besser singen, doch noch weiß keiner, wann das sein wird.

Foto: P!nk - Album-Release-Konzert "The Truth About Love" - Copyright: Florian Schöllhorn
P!nk - Album-Release-Konzert "The Truth About Love"
© Florian Schöllhorn

Der charmante Circus Krone beherbergt das Album-Release-Konzert von P!nks sechstem Album "The Truth About Love", das Areal rund um den Zirkus ist tapeziert mit dem Cover. Es gibt keinen denkbar besseren Ort für diese intimen Feierlichkeiten, war das Thema zu P!nks letztem Album schließlich auch "Funhouse", das in der Show eine ganz neue Wirkung entfalten wird. Wer P!nks Liveshows kennt, weiß, dass sie sich gerne akrobatisch in der Luft räkelt, doch heute wird sie das nicht dürfen. "And I can't fly!", bedauert sie es selbst wie ein enttäuschtes Kind, das den letzten Punkt seiner langen Weihnachtswunschliste nicht bekommt. Denn alle anderen Punkte werden erfüllt werden.

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Punkt 1: Eine coole Vorband. Die Kings-of-Leons-eske Musik dürfen die auf die exklusive Albumpräsentation wartenden fast zweitausend Fans dann gegen halb neun endlich genießen. Der chaotische Einlass ist nicht nur der sich verspäteten Bühnenaufbauten geschuldet, doch der Ärger darüber verpufft spätestens, sobald Madonnas "Sorry" in der Umbaupause angespielt wird.

Es ist eine von zwei Liveshows neben einer handvoll TV-Auftritten, die P!nk zur Promo absolvieren wird. Gestern ist sie in London beim iTunes-Festival aufgetreten, viele der Songs der neuen Platte werden heute Abend erst zum zweiten, dritten oder, maximal, vierten Mal live aufgeführt. Während "Slut Like Me" vergisst sie den Text, einer von wenigen kaum schlimmen Textaussetzern. Man nimmt es ihr ab, wenn sie während "Just Like a Pill" ihre Tonlage nicht findet. Am Mittwoch haben Coldplay eine ähnliche Show abgeliefert, Livepatzer sollten diese Band menschlicher machen. Im Vergleich ist P!nks Show puristischer, aber dadurch auch gewaltiger. Sie ist kein Roboter, sie scherzt mit ihren Fans. Freut sich über Geschenke, die ihr auf die Bühne gereicht werden, teilweise für Töchterchen Willow.

Überhaupt, sie hat keine Scheu, mit ihren Fans über ihren Nachwuchs zu sprechen. Oder während "True Love" auf ihr Tattoo hinzuweisen – der Name ihres Mannes Carey Hart auf dem Unterarm. Nach der Show wird sie so viele Autogramme wie möglich geben, Fans umarmen, zwei kleine Mädchen am Bühnenrand knuddeln, die mit großen Augen dem Spektakel geharrt haben.

Doch zunächst wird eine einzige, große Party gefeiert. Den Auftakt macht "Are We All We Are", der Song, der auch das neue Album eröffnet. Sie tanzt auf kniehohen Stiefeln mit Mörderabsatz, das enge Lederkleid bedeckt kaum ihre Piercings und Tattoos. P!nk verteilt Ballisto, die sie aus dem Backstage mitgenommen hat, sowie einen Babykeks an das Publikum, liest brav alle Plakate und wirbelt zu "Fucking Perfect", "U + Ur Hand", "Leave Me Alone (I'm Lonely)" und "The Truth About Love" ausgelassen über die Bühne. Alle ruhigen Songs werden in einen kurzen Block gepackt: Das stimmgewaltige "Family Portrait", bei dem P!nk kurz nicht die starke Frau ist, sondern das traurige, kleine Mädchen – hier ist nichts gespielt, die Verletzungen sind echt -, das intensive "Who Knew" und das aktualisierte "Dear Mr President". "Try", die düstere Rockballade, die die zweite Singleauskopplung sein wird, läutet danach die nächste Runde Party ein.

Die Zusage kündigt sie damit an, dass sie und die Bandmitglieder jetzt für einen kurzen Moment hinter der Bühne stehen und sich solange ansehen, bis der Jubel sie wieder nach draußen treibt, sie brauchen das für ihr Ego. Was P!nk wirklich brauchte, verschweigt sie bei der Rückkehr natürlich auch nicht: Haarspray. Der letzte Song des Abends ist "Blow Me (One Last Kiss)" – und die Handküsse fliegen gerade zu. Alle Herzen sind bei ihr. Und das kleine Mädchen in ihr ist glücklich wie am Weihnachtsabend.

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Simone Bauer - myFanbase
15.09.2012