Bewertung: 7
Kettcar

Der süße Duft der Widersprüchlichkeit (Ich vs. Wir) (EP)

Ergänzend zum 2017er "Ich vs. Wir" veröffentlichten Kettcar jüngst die EP "Der süße Duft der Widersprüchlichkeit". Während "Ich vs. Wir" sich an der politischen und gesellschaftlichen Lage Deutschlands abarbeitete, kommen nun Digitalisierung, Konsum und die Hintergründe von Wohltätigkeit hinzu.

Foto: Kettcar - "Der süße Duft der Widersprüchlichkeit" (EP) - Copyright: Grand Hotel Van Cleef
Kettcar - "Der süße Duft der Widersprüchlichkeit" (EP)
© Grand Hotel Van Cleef

Natürlich passiert dies in gewohnt indierockiger Manier der Hamburger Band, die bereits seit 2001 Musik schafft. Von der linken Punkband … But Alive kommend, behandelten viele ihrer größten Songs persönliche Befindlichkeiten. Das konnten auch die neuen Songs nicht ganz abschütteln – und so spielt Hoffnung auf dieser fünf Lieder starken EP eine große Rolle.

Den Auftakt macht "Palo Alto" – ein Hip-Hop-Song verkleidet als Gitarrenstück. Zum Rapgesang gesellen sich Handclaps, während Marcus Wiebusch von denen singt, die ihre goldenen Zeiten hinter sich haben – ein hochgelobter Journalist, ein gefeierter Musikkenner, eine Pornodarstellerin und "Herr Kaiser" von der Bank. Aber im Waschsalon sind sie alle gleich. Denn das Leben geht schließlich weiter, auch, wenn die Öffentlichkeit es nicht mehr wahrnimmt. Zum Schluss hin wirkt "Palo Alto" dabei fast wie das 2012er "Im Club".

"Scheine in den Graben" featured ganze elf Gastmusiker, von sookee und Bela B bis hin zu Gisbert zu Knyphausen. Zwischen diesen wird wie auf einem Radio hin- und hergeschalten. Trotz des rockigen Sounds kommt dabei fast eine Art Varietégefühl auf, die das Werk immer unzugänglicher machen. Die vielen Chöre und Zwischenrufe zwingen ohnehin schon zum starken Zuhören des Kommentars zu den "Großkopferten", die mehr aus Langeweile für den guten Zweck spenden als aus Leidenschaft für die Sache.

Die Lyrics zu "Notiz an mich selbst" fallen da schon eindeutiger aus: "Und wenn das Leben jetzt schon ein Kampf sein muss, über 15 Runden, die ganze Strecke, willst du sowas wie Hoffnung in deiner Ecke." Ist der Notierende falsch abgebogen in seinem Leben, seiner Kunst – und wenn ja, wann? Das besungene "tick, tick" begleitet die erste Strophe, bis das "boom" in Form von nach vorne gehenden Drums einschlägt.

"Natürlich für alle" wabert nicht nur mit elektronischen Momenten, sondern auch mit Gesprächsfetzen los. Textlich geht es in den Biosupermarkt – "Konsum als Konsumkritik, oh, ich bitte dich". Denn die Außenwahrnehmung, die Meinung der Nachbarn über einen selbst ist wertiger, als wirklich fair gehandelte Ware zu kaufen. Oder? Die Zeilen entlarven inzwischen bekannte Floskeln, ohne zu einem direkten Fazit zu gelangen, während der Beat treibt.

Der letzte Song besticht hauptsächlich mit einer wunderschönen Akustikgitarre. Die ruhige Atmosphäre passt zur Songsituation – ein Besuch im Haushalt eines neugeborenen Kindes. "Ich liebe mein Kind, aber ich hasse mein Leben" schlägt ein. "Deine Sätze wie Handgranaten". Denn das Baby kam mit einer Behinderung auf die Welt und "Weit draussen" versucht man allem zu entfliehen, in erster Linie dem Mitleid. Und vielleicht auch der Wahrheit.

Fazit

Die alte Weisheit, dass das Private auch politisch ist, schreibt sich "Der süße Duft der Widersprüchlichkeit" also dick auf die Fahne. Dabei sind die neuen Stücke allesamt ebenso mächtig wie die Vorgänger. Da bleibt als einziges richtiges Manko eigentlich nur, dass kein ganzer Longplayer daraus geworden ist.

Anspieltipps
Palo Alto
Notiz an mich selbst
Weit draussen

Tracks

1.Palo Alto
2.Scheine in den Graben
3.Notiz an mich selbst
4.Natürlich für alle
5.Weit draussen

Simone Bauer - myFanbase
10.04.2019

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