Bewertung
Westernhagen

Williamsburg

Marius Müller Westernhagen hat ein neues Album am Start. Aufgenommen wurde es mit amerikanischen Musikern in Williamsburg. Wozu jedoch der Aufwand, wenn das Album wie die Vorgänger nach Wattenscheid klingt?

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An Westernhagen scheiden sich wirklich die Geister: Die einen sehen in ihm einen der letzten guten, deutschen Musiker - die anderen sehen in ihm die unglaubwürdige Personifizierung des musikalischen Schrotts. Wie zu erwarten liegt die Wahrheit genau in der Mitte. Westernhagen liefert schnörkellose Midtemporocker mit teilweise starken, teilweise völlig daneben gegangen Texten und seinem bekannten Markenzeichen, der markant gepressten Stimme. Meine Freundin bekommt bereits nach wenigen Sekunden eine pelzige Zunge beim Anspielen eines der neuen Stücke, während sich bei mir leichtes Wohlwollen feststellen lässt.

Westernhagens 18. Album "Williamsburg" beginnt mit einer ermüdend langweiligen Eröffnungsnummer namens "Hey, Hey". Textlich allwissend und gleichzeitig völlig leer präsentiert sich der gealterte Pfefferminz-Prinz mit Zeilen wie: "Heiliger Obama - Buddha oder Rama - Nationales Karma - Dann ein letzter Furz" und plötzlich ist das Lied schon vorbei und nichts ist geschehen.

Gefälliger wirkt da schon "Schinderhannes", mit schicken Gitarren und sogar fast gelungenem Gesang, wären da nicht diese kuriosen Einsilbenaussetzer zwischen Strophe und Refrain. Zu der relaxten Stimmung des Songs gesellen sich dann auch noch gut platzierte Backings. Der Song hätte jedoch etwas kürzer sein können, die Albumfassung ist definitiv zu lang. "Mit beiden Füssen auf dem Boden" klingt musikalisch ein wenig nach der vorletzten Dylan-Platte ("Together Through Life"), aber leider auch viel zu kalkuliert und vorhersehbar. Es macht sich bereits hier ein Hauptproblem des Albums erkennbar: Zwar hat Westernhagen hervorragende Musiker um sich herum versammelt, die klanglichen Ergebnissen können jedoch zu keiner Zeit überraschen und wirken von Anfang bis Ende ideenlos durchgeplant.

Bereits beim vierten Track "Komm schon" zeigt sich bei mir die erste Müdigkeit. Leicht tanzbar, belanglos und textlich eher Rammstein als Goethe ähnelnd ("Willst du dich verbessern - Ruf Doktor Feelgood an - Der gibt dir 'ne Pille - Die dich ändern kann") hangelt sich der Bundesverdienstkreuzträger von Stück zu Stück und stellt damit den Hörer vor eine große Aufgabe. Selbst für eingefleischte Fans dürfte die bisherige Kost gewöhnungsbedürftig sein. "Liebeswahn" liefert dann endlich ein wenig vertraute Musik. Fidel, Akustikgitarre und ein beruhigender Westernhagen prägen dieses als gelungen zu betrachtende Stück. Auch "Typisch Du" tut keinem weh, setzt aber auch keine Akzente. Wenn Westernhagen solchen Songs das gewisse etwas verleihen könnte, dann würde man ganz anders über seine letzten Platten sprechen. Immerhin kann Westernhagen auch mit "Zu lang allein" zumindest musikalisch das Niveau der letzten Songs halten. Textlich bleibt es weiterhin bei einfachen Reimschemen und Verslängen mit neunmalklugen oder nichtssagenden Ausführungen.

Das war es dann auch wieder mit positiven Ansätzen: So ist "Wir haben die Schnauze voll" ein lyrisch platter Bluesrocker mit Westerhagens typisch nörgelnder Stimme. Solche Songs sind absolut grenzwertig, unnötig und oftmals schmerzhaft für die Ohren. "Heute Nacht" legt noch eine Schippe drauf und würde doch glatt als reines Schlagerduett durchgehen, wenn nicht der Name "Westernhagen" auf dem Cover stehen würde. "Ein Mann zwischen den Zeilen" agiert als typischer Standard des Sängers und spielt diese Rolle durchaus passabel, jedoch wiedermal ohne jeglichen Höhepunkt. Den absoluten Tiefpunkt hat sich MMW aber für den Schluß aufgehoben. Musikalisch ist "Aus dir Mutter" eine harmlose Klavierballade, der Text offenbart jedoch ein erhebliches Fremdschämgefühl. Sorry Marius, aber Zeilen wie "Wir kommen alle aus dir Mutter - jeder ist mit jedem verwandt - ja, wir sind alle deine Kinder - Menschen werden wir genannt" funktionieren wirklich gar nicht. Die Absicht mag gut sein, die Umsetzung scheitert am mangelnden lyrischen Talent.

Fazit

Nach zwei zuletzt schwachen Alben enttäuscht Westernhagen nach vier Jahren mit einem äußerst fragwürdigen Comeback-Album erneut auf ganzer Linie. Fans werden den Sänger weiterhin verehren, alle anderen werden in diesem Leben keine Liebhaber mehr.

Anspieltipps

Schinderhannes

Liebeswahn

Artistpage

Westernhagen.de

Tracks

1.Hey, hey
2.Schinderhannes
3.Mit beiden Füßen auf dem Boden
4.Komm schon
5.Liebeswahn
6.Typisch Du
7.Zu lang allein
8.Wir haben die Schnauze voll
9.Heute Nachtfeaturing Della Miles
10.Liebe stinkt
11.Ein Mann zwischen den Zeilen
12.Aus Dir Mutter

Christian Finck - myFanbase
04.11.2009

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