Bewertung: 7
Stephen Herek

Gibt es ein Leben nach der Party?

Foto: Gibt es ein Leben nach der Party? - Copyright: 2021 Netflix, Inc.
Gibt es ein Leben nach der Party?
© 2021 Netflix, Inc.

Inhalt

Als für Cassie (Victoria Justice) ihre Geburtstagswoche ansteht, will sie die ganze Woche durchfeiern, denn es findet niemals eine Party ohne sie statt. Ausgerechnet dann gerät sie mit ihrer besten Freundin Lisa (Midori Francis) in einen Streit, da sie charakterlich nicht unterschiedlicher sein könnten. Eine Partynacht überlebt Cassie aber nicht, doch sie erhält die Chance, in einer Zwischenwelt mit ihren Fehlern auf der Erde aufzuräumen. Auf ihrer Liste stehen nur drei Namen: Lisa, ihr Vater Howie (Adam Garcia) und ihre entfremdete Mutter Sofía (Gloria Garcia). Doch es ist gar nicht so einfach für Cassie, mit dem alten Leben abzuschließen.

Kritik

"Gibt es ein Leben nach der Party?" ist sicherlich ein für Netflix sehr typischer Film, deswegen habe ich mich doch sehr gewundert, dass er vorab gar nicht so sehr beworben wurde. Das kenne ich vom weltweit erfolgreichsten Streamingdienst sonst anders. Und es ist aus dem Grund verwunderlich, dass die Hauptrolle der Cassie mit Victoria Justice besetzt wurde, die über die Nickelodeon-Produktionen "Zoey 101" und "Victorious" sowie als Sängerin sich einen bekannten Namen gemacht haben dürfte; zumindest für die zentrale Zielgruppe des Films. An ihrer Seite hat sie zudem mit Midori Francis eine Schauspielkollegin, die in der letzten Weihnachtsserie als Hauptdarstellerin von "Dash & Lily" verzaubern durfte. Aber da all das vorab keine große Rolle zu spielen schien, bin ich mit wirklich niedrigen Erwartungen an "Gibt es ein Leben nach der Party?" rangegangen. Vor diesem Hintergrund bin ich selbst überrascht, wie gut der Film mir gefallen hat, denn er war viel nachdenklicher als einzelne Sequenzen und der Titel vorab versprachen.

Der Film beginnt nicht unbedingt ideal, denn die Partyorgie von Cassie lebt nur von Oberflächlichkeiten und Klischees. Da ist es ein Geschenk, dass ihre Freundin Lisa sogar zeitweise noch zentraler in der Handlung integriert ist. Denn sie ist ohne Frage das Herz des Films. Sie hat wahrlich noch nicht alle Lektionen des Lebens gelernt, aber dennoch strahlt sie bereits eine Souveränität in ihrem Handeln aus, dass ich mich als Zuschauerin automatisch an ihr orientiert habe. Zu dem Zeitpunkt wirkte Cassie definitiv wie der Störfaktor. Man merkt natürlich schnell, dass die junge Frau aus einer Erfahrung ihrer Vergangenheit heraus so agiert, denn sie will sich einfach nur abstumpfen, um bestimmte Gedanken verdrängen zu können. Aber dann verhält sie sich wie die mieseste Freundin überhaupt und erstmal drängt man diesen Gedanken weg und reibt sich an ihrem Verhalten auf. Bis zu ihrer 'Todesszene' ist Cassie wirklich der Störfaktor des Films, aber anschließend geht ein ganz eigener neuer Film los, der nur noch wenig mit alldem davor zu tun hat.

Cassie kommt nach ihrem Tod in eine Zwischenwelt, in der sie ihrem Schutzengel Val (Robyn Scott) begegnet. Diese macht sie mit der Aufgabe vertraut, dass sie die offenen Baustellen ihres Lebens in einem bestimmten Zeitrahmen beseitigen muss, um dann ins Jenseits zu kommen. Doch zum einen kommt Cassie erst ein Jahr nach ihrem Tod auf die Erde zurück und zum anderen kann sie niemand sehen, bis auf Lisa. Das macht diese Mission nicht gerade leicht… Mir ist bewusst, dass diese Ausgangslage immer noch etwas seltsam anmuten mag, aber ich finde, dass es für einen Film, der doch in erster Linie unterhalten will, ein guter Anknüpfungspunkt ist, um im Folgenden die Balance aus Spaß und Tiefgründigkeit zu halten. Cassie wird nämlich schnell vor Augen geführt, wie blind sie bislang durchs Leben gelaufen ist. Nachdem sie von ihrer Mutter Sofía als Kind verlassen worden ist, hat sie sich ein Leben aufgebaut, das nur noch dem Spaß verschrieben ist, aber keinesfalls tieferen Gefühlen. Doch dabei hat sie vor allem ihren Vater Howie immer wieder vor den Kopf gestoßen und auch ihre beste Freundin Lisa, die Cassie noch kennengelernt hat, als sie eine Mutter hatte. Und dann ist es eben die Mutter selbst, der sie das Verlassenwerden nie verzeihen konnte. In typischer Cassie-Manier geht sie die Aufgabe zunächst lasch an, um dann aber nach und nach zu merken, wie viele Spuren sie im Leben doch hinterlassen hat, weswegen sie auch nach einem Jahr nicht vergessen ist. Das ist für sie in erster Linie ein schöner Gedanke, weil sie die Idee verschreckt hat, von niemandem vermisst zu werden. Aber in einer zweiten Betrachtungsweise ist dieses Vermissen sehr vielschichtig, weil sie eben mitten aus dem Leben gerissen worden ist und somit alle gemeinsamen Geschichten noch nicht auserzählt waren.

Über den Tod und das Danach nachdenken, das kann man schon mal machen, von daher fand ich die Idee des Films gut, dass in einem eher weichen Kontext zu machen. Man fällt beim Zuschauen definitiv nicht in ein emotionales Loch, aber man wird zu einem 'Was wäre, wenn…?'-Gedanken angeregt. Was wäre, wenn ich von heute auf morgen nicht mehr wäre? Welche Brandherde würde ich hinterlassen? Wenn es nur schon anregt, mit etwas mehr Selbstreflexion und Bewusstwerdung für das Umfeld durchs Leben zu gehen, dann ist das möglicherweise viel wert. In dem Sinne wird Cassie im Fortgang des Films auch eher zur guten Fee. Sie muss natürlich auch ihre offenen Fragen zu ihrer Mutter regeln, aber gleichzeitig schaut sie vor allem, dass alle anderen – auch im Andenken an sie – ihr Leben weiterleben können. Da wird es dann zwischendurch ganz schön emotional. Denn wenn Cassie einmal nicht nur an sich denkt, dann fällt ihr auch auf, was die Sehnsüchte ihrer Mitmenschen sind. Gerade das Happy End für ihren Vater mit der Cafébesitzerin Emme (Myfanwy Waring) war herzallerliebst. Mit am schönten war aber definitiv, dass Cassie ihre Bemühungen noch zurückgezahlt bekommt. Am ersten Todestag lässt es sich Lisa nämlich nicht nehmen, auch ihr noch einmal ausgiebig zu gedenken. Das hat mich spätestens etwas weinen lassen, denn da findet die liebevolle Stilart des Films ihren Höhepunkt.

Insgesamt bleibt aber dennoch Lisa mein Liebling des Films. Ihre unbeholfene Liebesgeschichte mit Max (Timothy Renouf) war zuckersüß, weil sich dabei echt zwei Menschen ineinander verliebt haben, die beide unfassbar schüchtern sind und wahrscheinlich noch Jahrzehnte hätten nebeneinander wohnen können, ohne dass einer von beiden den ersten Schritt macht. Aber Lisa ist auch der Teil, der diesen Film zu einem besonderen Freundschaftsfilm macht. Denn sie gibt den Ausschlag, dass letztlich auch Cassie zu einem wirklich ansehnlichen Charakter wird, dem man die Daumen drückt. Zwar arbeitet der Film nicht mit Flashbacks, aber es ist deutlich zu merken, wie innig ihre Freundschaft trotz unterschiedlicher Persönlichkeiten ist. Viele Filme dieser Art sind in erster Linie Liebesfilme, aber hier gibt es vor allem um die Liebe zwischen zwei Freundinnen, die definitiv den Tod überdauert. Am Ende, wo "Gibt es ein Leben nach der Party?" herrlich emotional ist, kommt dann leider noch eine Endsequenz, die mich wieder enttäuscht hat. Den Film hätte man definitiv vorher beenden sollen, denn da war für mich alles stimmig und rund, aber dieses Pseudo-Happy-End im Jenseits war wieder ein Rückschritt in die anfängliche Qualität des Films.

Fazit

"Gibt es ein Leben nach der Party?" ist überraschend tiefsinnig geraten. Zum einen ist es positiv, dass es viel mehr ein Freundschafts- als ein Liebesfilm ist. Zum anderen werden einige interessante Perspektiven angestoßen, wie man sein Leben reflektieren könnte, da es buchstäblich jeden Moment vorbei sein könnte. Dabei verzichtet der Film auf eine religiöse Einbettung, sondern schafft eine ganz eigene Vorstellung einer Zwischenwelt, die nicht die Vorstellung von jedem oder jeder treffen wird, aber vorrangig geht es auch um die Idee dahinter und die hat mich durchaus überzeugt. Einzig die absolute Endsequenz hätte man sich wirklich sparen können, weil ein bis dato sehr angenehm zu schauender Film noch in ein übles Klischee latscht.

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Lena Donth - myFanbase
08.09.2021

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