Bewertung: 4
Shari Springer Berman & Robert Pulcini

Things Heard & Seen

Foto: Things Heard & Seen - Copyright: 2021 Netflix, Inc.
Things Heard & Seen
© 2021 Netflix, Inc.

Inhalt

George Claire (James Norton), ein Künstler und Professor, bekommt ein Jobangebot im ländlichen Hudson Valley, weswegen er und seine Kleinfamilie Manhattan verlassen, um neu anzufangen. Als sich seine Frau Catherine (Amanda Seyfried) in dem neuen Leben einzurichten versucht, beginnt sie zunehmend an ihrer Ehe zu zweifeln. Als es zudem in ihrem historischen Haus zu spuken beginnt, begreift Catherine, dass Vergangenheit und Gegenwart eng miteinander verknüpft sind.

Kritik

In den letzten Jahren haben sich sogenannte psychologische Thriller, die sich besonders an ein weibliches Publikum richten, großer Beliebtheit erfreut. Auch das dieser Tage ebenfalls bei Netflix veröffentlichte Werk "The Woman in the Window" ist hier zuzuordnen. Das Muster sieht oft so aus, dass sich die Erzählung vor allem der weiblichen Hauptfigur widmet, die eine psychische Erkrankung aufweist Catherine hat in diesem Fall eine Essstörung und deswegen mit Vorurteilen und stets kritischen Blicken zu kämpfen hat. Das wird zu einer immensen Bürde, die die Figur aber auch die Zuschauer an ihr zweifeln lassen, weswegen nicht ganz klar ist, was von dem anschließend dargestellten Geschehen noch der Wirklichkeit entspricht und was dem Wahn. Doch letztlich mündet der Höhepunkt darin, dass die Hauptfigur sich trotz allem Druck selbst behauptet und über sich selbst hinauswächst, um für ihre 'Wahrheit' zu kämpfen. "Things Heard & Seen" geht in eine ganz ähnliche Richtung und ist dann doch in entscheidenden Aspekten ganz anders.

Der wohl offensichtlichste Unterschied ist die Einbindung einer übernatürlichen Perspektive. Erst stand ich diesem Aspekt sehr kritisch gegenüber, denn ich wollte jetzt keinen klassischen Gruselfilm sehen, aber im Verlauf des Films zeigt sich, dass eine eher positive Darstellung einer Geisterwelt angestrebt wird. Zwar wird des Nachts ganz ordentlich gespukt, indem Lichter flackern, Geräte angehen, die gar nicht am Strom hängen und eine Frauengestalt erscheinen, doch der anfängliche Terror weicht einer Faszination, denn die sichtbaren Zeichen sind eher einer Warnung. Dazu passt, dass Georges neuer Lehrstuhlinhaber Floyd DeBeers (F. Murray Abraham) einer kleinen Gemeinschaft voransteht, die an Geister glaubt und regelmäßig mit ihnen Kontakt aufnimmt. Catherine wird davon angezogen und es öffnet sich ihr eine ganz neue Möglichkeit, ihr Leben auf dem Land zu betrachten.

Auch wenn sich meine anfänglichen Vorbehalte gegen diese Geister-Elemente im Vorlauf aufgelöst haben, so muss ich doch sagen, dass es mit der dargestellten Ehedramatik nicht immer ganz so wunderbar passte. Zwar wird ein logisches erzählerisches Band gewoben, aber die Ehedramatik, die dennoch den wichtigeren Kern ausmachen sollte, kam dadurch viel zu kurz. Insgesamt muss konstatiert werden, dass sich der Film leider in zu vielen Oberflächlichkeiten verliert. Dass das schon bei George und Catherine anfängt, ist ganz schön tragisch, bei den Nebenfiguren wie Eddie (Alex Neustaedter) oder Willis (Natalia Dyer) wundert es dann schon gar nicht mehr. Anfangs wird noch alles richtig gemacht, weil wir George erleben, der in einem Job als Professor für Kunstgeschichte arbeitet, bei dem Arbeitsstellen nicht wie Sand am Meer gesät sind, weswegen er eine finanziell attraktive Stelle auf dem Land annimmt, ohne das mit seiner Frau wirklich zu bereden. Sie wiederum hat mit ihrer Essstörung zu kämpfen, die sich im neuen Zuhause nur noch verschärft, weil sie dort sozial isoliert ist und nur nach in ihrer Funktion als Mutter von Franny (Ana Sophia Heger) aufgehen kann. Hier ist die Dynamik innerhalb der Ehe noch stimmig und das oben beschriebene Muster scheint seinen Lauf zu nehmen. Doch das hält nicht lange an, weil die Ehe so schnell komplett den Bach runtergeht, so schnell werden Affären eingegangen, dass man sich fragt, warum denn das jetzt?

Ein weiterer kritischer Punkt ist auch, dass der wahre Charakter von George schon viel zu früh, zu offensichtlich, weil plump, angedeutet wird, so dass hier der Überraschungseffekt verloren geht. George ist höchstens in der ersten Minute des Films ein sympathischer Kerl gewesen, es gab also kein Vertun, dass er nicht mehr der Held werden würde, aber er hatte ein zweites Ich zu verbergen und da wäre es doch deutlich spannender gewesen, mit diesem Umstand längerfristig zu spielen. Zumal so mit einem mysteriösen Faktor auch noch mehr mit Catherines Zurechnungsfähigkeit hätte experimentiert werden können. Aufgrund der Oberflächlichkeit des Geschehens ist es dann auch nicht gelungen, Catherine als Heldin zu charakterisieren. Ebenso wenig ist es gelungen, ein wirklich tiefes Band zwischen ihr und Justine (Rhea Seehorn) zu knüpfen. Denn diese ist im Grunde die heimliche Heldin, weil sie Georges Wesen recht schnell durchschaut und dann mit jetzt etwas übertrieben als Psychospielen bezeichneten Methoden ihn an den Rand des Wahnsinns treibt. Aber dennoch hat mir so bei Justine die Begründung gefehlt, hat sie sich da von sich aus so reingehängt oder war es doch eine wirklich innige Freundschaft zu Catherine?

Bei all diesen Kritikpunkten ist aber nicht zu leugnen, dass das letzte Viertel des Films sehr spannend gestaltet wurde. Auch wie sich am Ende alles auflöst, habe ich so noch nicht gesehen. Also ja, am Ende war doch wieder ein Überraschungseffekt da. Dennoch würde ich bei meinem Eindruck bleiben, dass der Film auf zwei Themengebieten ein riesiges Potenzial hatte, aber es wirklich nur dürftig ausgeschöpft hat. Das ist angesichts des Casts doch sehr enttäuschend.

Fazit

"Things Heard & Seen" bietet eine Mischung aus Ehedrama und Geistergeschichte, die im Zusammenspiel hier nur wenig zu überzeugen weiß. Beide Teile haben gute Ansätze, aber da sie zusammengebracht werden, ist für keine von beiden mehr die Zeit übrig, die es gebraucht hätte, um die Ebene der Oberflächlichkeit zu verlassen. Das ist angesichts der langen Laufzeit schon als schlampig zu bezeichnen. Als Horrorfilm würde ich das Gesehene aber nicht einstufen, es geht tatsächlich mehr um Psychospielchen, die aber angesichts der Oberflächlichkeit nicht so zu zünden wissen.

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Lena Donth - myFanbase
17.05.2021

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