Bewertung: 6
Karen Maine

Yes, God, Yes – Böse Mädchen beichten nicht

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Inhalt

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts besucht die unschuldige Alice (Natalia Dyer) eine katholische Schule, die Sex nur zur Fortpflanzung aufruft. Doch die Jugendliche entdeckt gerade ihre Sexualität und kann sich trotz der Androhung von Sünde der Faszination für Masturbation etc. nicht entziehen. Also sucht Alice einen von der Gemeinde veranstalteten Retreat auf, um ihre Bedürfnisse zu unterdrücken und der ewigen Verdammnis zu entkommen.

Kritik

Zunächst muss man bei diesem Film, für den Karen Maine das Drehbuch verfasst und die Regie übernommen hat, das Casting loben. Für "Yes, God, Yes – Böse Mädchen beichten nicht" wurde ein aktuelles 'Who is who' der Jungschauspieler zusammengestellt. In der Hauptrolle ist Natalia Dyer zu sehen, die in "Stranger Things" als Nancy Wheeler ihren Durchbruch gefeiert hat. Zudem ist von diesem Set auch Francesca Reale als beste Freundin Laura zu sehen. Ein weiterer großer Name ist Alisha Boe, die aus "Tote Mädchen lügen nicht" bekannt ist und dort vor allem für intensive Monologe in Erinnerung geblieben ist. Ein Talent, das sie nun auch bei "Yes, God, Yes – Böse Mädchen beichten nicht" vorführen darf. Zuletzt ist sicherlich noch Wolfgang Novogratz zu nennen, der zuletzt in einigen Netflix-Produktionen wie "Sierra Burgess Is a Loser", "The Last Summer" oder "Feel the Beat" zu sehen war. Doch all diese Namen haben für mich leider nicht darüber hinwegtäuschen können, dass der Film an mangelnder Charakterarbeit leidet.

Die Idee hinter dem Film finde ich zunächst einmal positiv. Schließlich geht es in einem streng katholischen Umfeld um Selbstbestimmung fernab des Glaubens und Erkunden von Sexualität, was in diesem Fall eng miteinander verknüpft ist. Ich bin zwar gläubig, würde mich dabei jedoch als sehr modern empfinden, weswegen ich mit der Kritik an den strengen Regeln der katholischen Kirche und wie diese letztlich auch noch ad absurdum geführt werden, sehr gut leben kann. Ich denke auch, dass Dyer für die zentrale Hauptrolle genial besetzt ist. Der Film setzt im Verhältnis recht wenig auf Dialoge, vor allem eben für Alice selbst und dennoch ist sie stets im Fokus des Films, was erfordert, dass Dyer viel über Mimik und Gestik arbeiten muss. Und das gelingt ihr. Das gelingt ihr, wenn sie unschuldiger und leichtgläubiger nicht aus der Wäsche schauen könnte, das gelingt ihr aber auch, wenn sie in immer mal eingestreuten Szenen ihre Sexualität erkundet. An dieser Stelle kann ich den Film und die Inszenierung also wirklich nur loben, zumal eine solche Herangehensweise für einen Jugendfilm eher unüblich ist.

Nun kommen wir aber zu der bereits bemängelten Charakterarbeit. Es ist schwer, richtig hinter Alices Fassade zu blicken. In den jeweiligen Momenten ist man immer voll mit ihr dabei, aber es ist schwer, ihr Verhalten aus Charaktereigenschaften oder Entwicklungen abzuleiten, zumal sie oft auch widersprüchlich agiert. Sie wird als sehr schüchtern und naiv eingeführt, wenn es aber darum geht, Chris (Novogratz) zu verführen, zieht sie plötzlich alle Register und wird von Laura (Reale) folglich als aufmerksamkeitsbedürftig dargestellt. Für mich ist das aber letztlich eine Eigenschaft, die ich mit ihrer Schüchternheit nicht überein bringen kann. Und jetzt kann mir niemand mit Entwicklung kommen, denn der Film spielt sich innerhalb weniger Tage ab. Aber diese mangelnde Greifbarkeit der Figuren gilt nicht nur für Alice, bei den Nebencharakteren ist es gar noch schlimmer. Mir ist bewusst, dass der Film wirklich eng an Alice geführt ist und das nicht viel anderes wirklich von Bedeutung ist, und dennoch finde ich diese Entscheidung extrem schade. Die Geschichten von Laura und Nina (Boe) haben genauso Potenzial und gerade Nina ist von der Filmbotschaft mit Selbstbestimmung nicht weit weg. Warum hat man diese Charaktere also nicht mehr in ein Boot gepackt? Zumal am Ende die Erkenntnis von Alice so individuell erscheint, dass es im Prinzip ein Tropfen auf heißem Stein ist. Hier hätte ein gemeinschaftliches und doch individuelles Selbstwertgefühl mehr Aussagekraft gehabt.

Die Botschaft des Films habe ich nun bereits anhand mehrere Aspekte angesprochen und es wird deutlich geworden sein, dass die Richtung gut ist, mir aber in der Konsequenz zu schwach erscheint. Spätestens als Alice entdeckt, wie verlogen die ganzen gepredigten Regeln während des Retreats sind, weil keiner dort seine Sexualität nur rein der Fortpflanzung verschreibt, habe ich mit einem großen Knall gerechnet. Mit einem 'Bäm', mit dem Alice sich auch selbst Luft verschafft, denn die widerstreitenden Gefühle zwischen Erziehung und neuen Erfahrungen muss sie ja innerlich bald zum Platzen gebracht haben. Dann tritt sie zum Abschluss des Retreats an den Pult, nachdem ihr vermeintlicher Liebhaber Wade (Parker Wierling) zu Kreuze kriechen musste, und heraus kommt nur ein laues Lüftchen. Zwar gibt es noch dieses echt lustige Gespräch mit Vater Murphy (Timothy Simons) am Ende, das diesen Biss hat, den ich mir gewünscht hätte, aber das war mir insgesamt doch zu wenig. Es wäre wahrlich nicht darum gegangen, alle Gläubigen zu bekehren, aber ein Vorführen der Heuchelei, die alles in Schutt und Asche liegt, das wäre es gewesen.

Fazit

"Yes, God, Yes – Böse Mädchen beichten nicht" hat eine sehr interessante Idee und sicherlich auch eine schöne Botschaft, aber beides hätte man inhaltlich noch viel konsequenter gestalten können. Es ist immerhin eine Satire und da darf man es auch mal übertreiben. Schauspielerisch ist zwar aufgefahren worden, was man vor allem bei Dyer wirklich feiern kann, da sie an Mimik und Gestik alles wegfegt, aber insgesamt ist die Charakterarbeit durch die Bank nur befriedigend. Insgesamt ergibt sich so eine kurzweilige Satire, die zu viel Potenzial verschenkt.

Lena Donth - myFanbase
17.01.2021

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