Bewertung: 9
Michel Hazanavicius

Artist, The

"With pleasure!"

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Inhalt

Hollywood, 1927: George Valentin (Jean Dujardin) ist der Superstar des Stummfilmkinos und begeistert das Publikum seit Jahren mit seinen Filmen. Er ist angesehen, berühmt und genießt dieses Leben im Rampenlicht. Gleichzeitig versucht die junge Tänzerin Peppy Miller (Bérénice Bejo), die ein großer Fan von Valentin ist, sich im Showbusiness zu etablieren und trifft am Set auf ihr Idol. Doch mit der Erfindung des Tonfilms scheint sich Valentins Karriere dem Ende zuzuneigen...

Kritik

Rund 80 Jahre ist es her, dass die Filmindustrie mit dem Wechsel vom Stumm- zum Tonfilm einen Wandel durchlief, der Hollywood so tiefgreifend veränderte wie kaum eine andere technische Entwicklung. Mundbewegungen der Schauspieler bekamen auf einmal die dazugehörige Dialogzeile, Mechanismen und Abläufe ihren dazugehörigen Laut. Was für uns heute selbstverständlich ist, war damals revolutionär. Nun kommt nach 80 Jahren ein Mann namens Michel Hazanavicius daher und präsentiert uns einen schwarz-weißen Stummfilm im Zeitalter des Dolby-Surround-Sounds und des Digital-3D-Effekts. Doch was als selbst auferlegter technischer Rückschritt anmutet, bietet Hazanavicius in der Tat die Möglichkeit, einen der kreativsten und innovativsten Filme der letzten Jahre zu produzieren, welcher in allen Belangen zu begeistern weiß.

Regisseur und Drehbuchautor Hazanavicius, der das Drehbuch innerhalb von vier Monaten mithilfe von ausführlichen Recherchen über die Stummfilmära der 20er Jahre schrieb, ist mit "The Artist" ein moderner Klassiker gelungen, der sowohl auf dramaturgischer und inszenatorischer als auch auf schauspielerischer Ebene hervorragend funktioniert. Die Geschichte könnte dabei einem tatsächlichen Stummfilm entnommen sein und besticht einerseits durch ihre Einfachheit, andererseits aber auch durch die gelungene Ausarbeitung und natürlich die Darstellung der Charaktere. Protagonist George Valentin ist ein Charmeur der alten Garde, ein Gentleman und Lebemann, dem man seine Selbstverliebtheit überhaupt nicht böse nehmen kann, weil er einfach so sympathisch ist. Er liebt das Rampenlicht und den Applaus, bezaubert gleichermaßen das Publikum im Film und die echten Zuschauer, sieht sich jedoch einem beruflichen und damit privaten Abgrund entgegensteuern. In dieser komplexen Rolle ist Jean Dujardin eine reinste Offenbarung. Der Franzose, für den "The Artist" bereits die vierte Kollaboration mit Hazanavicius ist, besticht mit seiner unglaublichen Ausstrahlung und einem Lächeln, das den Zuschauer augenblicklich mitreißt. Dujardins komödiantisches Timing ist so präzise, dass man ihn für einen tatsächlichen Stummfilmstar aus den 20ern halten könnte, und gleichzeitig gelingen ihm die dramatischen Szenen so gut, dass seine pure Mimik reicht, um die Verzweiflung des ausrangierten George Valentin selbst zu spüren.

Dujardins Filmpartnerin Bérénice Bejo steht ihm dabei in nichts nach. Ihre Peppy Miller ist hinreißend wie lebensfroh, und ihre Energie rettet letztlich nicht nur den mutlosen Valentin im Film vor sich selbst, sondern reißt auch den Zuschauer im Kinosessel mit. Bejo mimt den klassischen Frauenstar der Goldenen Zwanziger mit einer Natürlichkeit und Selbstverständlichkeit, dass man glaubt, sie hätte nie etwas anderes getan. Sie harmoniert unglaublich gut mit Dujardin, so gut in der Tat, dass nur wenige Szenen reichen, damit der Zuschauer von Georges und Peppys augenblicklicher Verliebtheit komplett überzeugt ist. Die Romanze zwischen den beiden ist erfrischend unkitschig und aufrichtig, und bildet das emotionale Herzstück des Films, ohne zu viel Raum einzunehmen. Dieser wird vielmehr zur behutsamen Entfaltung und Entwicklung der Protagonisten genutzt, die gegenläufig vonstatten geht: George verliert seinen Ruhm und Glanz, Peppy hingegen wird zum neuen Star Hollywoods.

Das Hollywood, das Hazanavicius in "The Artist" auf die Beine stellt, könnte von der Aufmachung und vom Set eigentlich nicht perfekter sein. Nicht nur zieht Hazanavicius bei den Kostümen, der Ausstattung, den Gebäuden und alten Autos alle Register, er orientiert sich auch kinematographisch sehr stark an der Kameraführung und dem Schnitt der typischen Stummfilme, ja fügt auch immer mal wieder Zwischentitel ein, die meist für wunderbare Komik sorgen. Überhaupt gelingt es "The Artist" in regelmäßigen Abständen, mit teilweise ganz einfachen Mitteln das Publikum zum Lachen zu bringen, sei es durch Situationskomik, geschickt platzierte Zwischentitel, oder eben der ausdrucksstarken Mimik der Hauptdarsteller. Da bedarf es überhaupt keiner Worte, damit der Zuschauer mitlacht, mitfiebert und mitfühlt. Dies wird durch den preisverdächtigen Score von Ludovic Bource, dessen musikalische Untermalung maßgeblich den Film trägt, nur noch unterstützt. Eine perfekte Zusammensetzung also, die "The Artist" zu einem Kinoerlebnis macht.

Fazit

Michel Hazanavicius ist mit "The Artist" ein herausragender Film gelungen, der mit seiner Geschichte, seinen begnadeten Schauspielern sowie seiner kreativen Inszenierung sowohl zu begeistern als auch zu berühren weiß. "The Artist" beweist, dass auch über 80 Jahre nach dem Ende der Stummfilmära ein Stummfilm Erfolg haben kann, wenn er denn nur richtig gemacht ist. Und Hazanavicius hat hier definitiv alles richtig gemacht.

Maria Gruber - myFanbase
11.01.2012

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