Bewertung: 9
Sarah Polley

An ihrer Seite

"Ich habe das Gefühl, ich fange an zu verschwinden."

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Die Krankheit Alzheimer hat hirnorganische Ursachen. Auftreten kann sie bereits vor dem 50. Lebensalter und die Häufigkeit steigt mit dem Alter rapide an. Wie erkennt man Alzheimer? Der Erkrankte hat Gedächtnis- und Orientierungsstörungen, er bringt Zusammenhänge durcheinander und sein Denk- und Urteilsvermögen wird stark beeinflusst. Darum sind diese Betroffenen auf Hilfe angewiesen, da ihr Leben im Alltag immer schwieriger wird. Was es bedeutet, wie es sich anfühlt, wenn ein geliebter Mensch an Alzheimer erkrankt, das versucht dieser Film zu vermitteln, aber auch die andere Seite zu zeigen: die des Erkrankten.

Inhalt

Fiona (Julie Christie) und Grant (Gordon Pinsent) sind seit fast 50 Jahren verheiratet. Eines Tages diagnostiziert man bei ihr Alzheimer. Ihr Ehemann will es nicht wahrhaben und sie nicht in ein Pflegeheim stecken, doch Fionas Gedächtnis- und Realitätsverlust wird immer schlimmer. So beschließt sie selbst, in ein Pflegeheim zu ziehen und ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Nach der Aufnahme darf Fiona 30 Tage keinen Besuch empfangen und in diesen Tagen passiert sehr viel. Sie vergisst, dass Grant ihr Ehemann ist, und hat bereits einen neuen Freund, Aubrey (Michael Murphy). Grant ist für Fiona nur noch ein Bekannter, der sie täglich besuchen kommt. Allerdings stehen Grants größter Schritt und sein größtes Opfer ihm noch bevor.

Kritik

"An ihrer Seite" basiert auf der Kurzgeschichte "The Bear Come Over The Mountain" von Alice Munro.

Der Film beginnt mit dem Kommentar von Grant Anderson, dass er für immer an der Seite seiner Frau bleiben wollte, da sie voller Leben steckte. Der Zuschauer bekommt sofort den Eindruck, dass Fiona bereits erste, vielleicht schon extreme Symptome der Krankheit Alzheimer zeigt. Sie stellt eine Bratpfanne in den Kühlschrank anstatt in den Schrank. Ihr Denk- und Urteilsvermögen muss bereits stark betroffen gewesen sein. Da ich die Reaktion ihres Mannes nicht ganz nachvollziehen konnte, stellte ich mir die Frage, ob es der erste Vorfall mit Fiona war, doch sie gab mir nur einen Augenblick später selbst die Antwort, als sie ihren Ehemann beruhigte, er solle keine Angst haben.

Es gefiel mir, dass Sarah Polley, die mit "An ihrer Seite" ihr Regiedebüt feierte, nicht lange eine Geschichte um das Ehepaar Anderson erzählte und sie erstmal vorstellte, bis es schließlich zu Fionas Erkrankung kam, sondern es gleich mit dieser Thematik losging. Polley erzählt die Geschichte von Fiona und Grant in einer Art Erinnerungsphase Grants, aber ebenfalls mit einer Erzählweise seinerseits und von Fiona. Das machte den Einstieg in den Film für mich einfacher. Dramen solcher Art, die sich auf Krankheiten oder Katastrophen beziehen, sind einfacher zu verstehen, wenn man sie nicht chronologisch betrachtet, sondern in einem Zusammenspiel aus Rückblicken und der Gegenwart. Grant hat Fiona bereits verloren und erinnert sich, er lässt diesen Erinnerungen und seinen Gedanken freien Lauf und berichtet somit von Fionas und gleichzeitig von seinem Leben, das man nicht außer Acht lassen darf und kann.

Es gab Momente in diesem Film, da musste ich kurz auf Pause drücken, weil ich nicht glauben und realisieren konnte, was ich sehe. Obwohl ich mich schon lange mit dieser Krankheit auseinandersetze, hat mir der Streifen wiederum vieles offenbart, was ich noch nicht wusste. Es ist einfach unfair, unbegreiflich, wie bei jeder anderen Krankheit auch, doch bei dieser insbesondere, dass Dinge mit dem Erkrankten geschehen, die Außenstehende gar nicht nachvollziehen können, auch wenn sie es versuchen. So wie Fiona selbst sagte, sie hat das Gefühl, sie fängt an zu verschwinden, was ich in keiner Weise nachvollziehen kann, denn würde ich das behaupten, würde ich lügen. Keiner kann das, nicht einmal die Angehörigen, auch wenn diese selbst betroffen sind und einen hohen Verlust ertragen müssen. Was ich dem Film hoch anrechne, ist, dass Sarah Polley eine gewisse Ironie mit eingebaut hat und nicht die ganze Zeit auf die Tränendrüsen und Melodram setzt, das lockerte den Film an vielen Stellen auf. Selbst als Fiona erkennt, dass sie bereits zwanzig Jahre vergessen hat, nimmt sie das mit einem Sarkasmus und Humor auf, wobei ich eher bestürzt und verwirrt vor dem Fernseher saß. Selbst die Reaktion ihres Ehemannes ähnelte meiner.

Ein weiterer Schritt, den Fiona tut, ist, dass sie nicht will, dass ihr Mann sie pflegt, obwohl der es gerne getan hätte. Hier sind wir bei einem Für und Wider, das viele Menschen beschäftigt, nicht nur, was Alzheimer betrifft. Dass überhaupt Fiona und nicht Grant die Entscheidung traf, fand ich hingegen überraschend. Grant hängt so sehr an seiner Frau, was nach fast 50 Ehejahren kein Wunder ist, und trotz allem ist es erstaunlich, dass Fiona, deren Augenblicke, in denen sie noch klar denken kann, immer kürzer werden, diese gravierende und so entscheidende Maßnahme für ihr Leben traf. "Das Einzige, was wir versuchen sollten, ist ein klein wenig Würde zu wahren." Darum ging es, als Grant loslassen musste, aber es nicht wollte und Fiona ihm wieder helfen musste, obwohl sie schon so krank war. Anstatt, dass er daran denkt, was für seine Frau das Beste ist, denkt er daran, was für ihn das Beste ist, was ich wirklich nicht verstehen konnte. Denn relevant war das zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht, dazu kam es erst später. Diese Szenen waren sehr aussagekräftig für diese Krankheit und sowohl Julie Christie als auch Gordon Prinset brachten das mit einer Perfektion herüber, dass man eine Gänsehaut bekam. Ebenfalls, als es darum geht, Fionas schnellen Krankheitsverlauf darzustellen, indem sie ihren Ehemann nicht mehr erkennt, sie ihn mit "Sie" anspricht - sodass einem das Herz wehtat beim Zusehen.

Die Erkrankten leben zwar in ihrer eigenen Welt weiter, doch für die Angehörigen geht das Loslassen nach der Einweisung ins Pflegeheim so richtig los, doch nicht das Vergessen. Sie waren schließlich in dem Glauben, sie leben mit ihrem Ehepartner bis an das Ende ihrer Tage zusammen, so wie sie es sich gelobten, was die Erkrankten nun gar nicht mehr einschätzen können. Doch was tut man als Ehemann oder Ehefrau eines Alzheimer-Erkrankten, wenn der Partner nicht mehr weiß, wer man bist? Was dieser Film ehrlich und traurig beweist, ist, dass man niemand an seiner Seite hat, selbst die Ärzte und das Personal nicht, denn die sind eben nur angestellt und nicht Seelendoktor und können den Partner nie und nimmer ersetzen, was sie auch nicht sollen. Was bleibt ist die Erinnerung und das ist wirklich nicht viel, wenn der Partner am Leben ist und einen nicht erkennt. Aber selbst die Angehörigen haben ein Recht aufs Weiterleben, auf Glück, sie dürfen lachen, trotz ihres Verlustes. Das ist eine Message dieses wunderbaren Filmes. Von den Erkrankten fängt man leider an, in der Vergangenheitsform zu reden, obwohl sie noch leben, was ich respektlos finde. Das sagt mir nicht nur der Film, sondern ebenfalls die Erfahrung. Sarah Polleys Film erzählt nahtlos die Geschichte eines Betroffenen und eines Angehörigen, des Weiteren enthält er Botschaften, dass man die Krankheit akzeptiert, vor allem offen über sie reden sollte, und sie nicht, wie es bei so vielen Krankheiten der Fall ist, totschweigt, weil man Angst hat. Dadurch ändert sich schließlich nichts.

Sarah Polley ist ihr Regiedebüt wirklich gelungen; auf eine eindringliche und herzergreifende Weise erzählt sie die Geschichte eines Ehepaares, das sich und seine Liebe durch die Alzheimer-Krankheit verliert. Sie erzählt den Film aus zwei Sichten, die des Alzheimer-Erkrankten und des Angehörigen. Des Weiteren vertieft sie die Themen Liebe, Akzeptanz, die Bereitschaft, loslassen zu können und einen Neuanfang zu wagen.

Fazit

Ein bewegender Film mit einem beispiellosen Schauspielercast, durch den der Film erst so richtig überzeugen konnte und dank Sarah Polley; allen voran aber Julie Christie, die ihre Rolle der Fiona sehr überzeugend und charakterfest spielte, genauso wie Gordon Pinsent als ihr Ehemann Grant, der viel mitmachen musste und zu lernen hatte. Ein Film der Extraklasse!

DVD

Das Menü ist einfach und schlicht gestaltet. Im Hintergrund läuft eine kleine winterliche Animation ab, dann sind die beiden Hauptdarsteller Christie und Pinsent abgebildet, so wie auf dem DVD-Cover, und das Hauptmenü ist mit K.D. Langs Song "Helpless" unterlegt. Dazu ist die Kapitelauswahl, Sprach- und Untertitelauswahl möglich; des Weiteren gibt es folgende Extras:

  • Interviews
  • Kinotrailer
  • Menschen hautnah: Der Tag, der in der Handtasche verschwand
  • Informationsmaterial der Deutschen Alzheimer Gesellschaft (PC-Part)



Technische Details

Sprache: Deutsch, Französisch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Französisch
Bildformat: 16:9 (1:1,85) & PAL
Ton: Dolby Surround 5.1, Dolby Surround 2.0

Dana Greve - myFanbase
11.06.2008

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