Bewertung: 5
Tarsem Singh

Cell, The

Gleich vorweg: Jennifer Lopez sollte nicht der Grund sein, sich diesen Film nicht zu Gemüte zu führen. Gedreht 2000 erleben wir hier noch eine J.Lo, die zwar an dieser Stelle schon längst nicht mehr nur Schauspielerin war, allerdings auch noch nicht zur "Bennifer" wurde. The Cell kam also in Jennifers Blütezeit in die Kinos - was allerdings leider nichts über die Blüte dieses Filmspektakels aussagt...

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Doch dazu etwas später. Widmen wir uns erst mal dem Plot an sich:

Inhalt

Psychologin Catherine (Jennifer Lopez) gelingt es dank einer experimentellen Therapie, Komapatienten auf noch nie da gewesene Weise zu behandeln: Sie dringt mit Hilfe einer hoch-technologischen Methode ins Unterbewusstsein der Patienten ein. Sie kann sich jederzeit aus dieser Welt befreien, auch körperlich ist sie nie in Gefahr. Doch natürlich nimmt dieses Verfahren Catherine psychisch ganz schön mit, da sie im Unterbewusstsein des Patienten stets so erscheint, wie dieser sie sieht. Trotzdem nimmt sie beinahe ohne Zögern den Auftrag des FBI an, sich ins Unterbewusstsein eines schizophrenen, völlig abartigen Serienkillers (Vincent D'Onofrio) zu "hacken". Denn Catherine scheint die einzige zu sein, die es schaffen könnte, den Aufenthaltsort seiner letzten, noch lebenden Geisel heraus zu bekommen.

Der erste Ausflug in die Gedanken von Carl Stargher, dem Serienkiller, ist allerdings so verstörend, dass Catherine sich zunächst weigert, sich noch einmal dieser Prozedur auszusetzen. Als sie sich dann doch dafür entscheidet, wird sie aber in der völlig perversen Welt von Carl gefangen genommen. Wird sie nicht schnell befreit, droht ihrem Geist die Gefahr, nicht mehr zwischen Phantasie und Realität unterscheiden zu können. Ihre letzte Hoffnung ist der FBI-Agent Peter (Vince Vaughn)...

Kritik

Hört sich doch spannend an. Eine sensible Psychologin, die noch dazu auf Kinder spezialisiert zu sein scheint, begibt sich ins Unterbewusstsein eines brutalen Serienkillers. Und dessen Gedanken sind mindestens genauso widerwärtig wie seine eigentlichen Taten... Doch leider bleibt ein fader Beigeschmack, der bereits von Beginn des Films an heimlich mitmischt. Es ist schwer, diesen Film zu bewerten, da er sowohl Risiken eingeht, eine interessante Story bietet und schrecklich-schöne Bilder zeigt, gleichzeitig aber auch große Mängel hat.

Als erstes wären da mal, so hart es sich anhört, die Schauspieler selbst. Und allen voran leider die Hauptactrice selbst, Jennifer Lopez. Man ist doch mehr gewöhnt von ihr, als sie hier bietet. Den ganzen Film lang bleibt die Figur der Catherine blass, was natürlich sowohl dem Drehbuch zuzuschreiben ist, worauf ich später noch zu sprechen komme, als aber auch der Schauspielerin selbst. Man hat das Gefühl, dass Jennifer nicht wirklich Freude hatte an den Dreharbeiten. Klar, Catherine muss eingeschüchtert sein von all den Dingen und Bildern, die sie bereits sehen musste und der Film selbst ist - natürlich - von vornherein sehr düster, doch sind das alles keine Entschuldigungen für die Schauspielkunst der Miss Lopez, die sie uns hier präsentiert. Denn die geht leider über nicht mehr als drei Gesichtszüge hinaus. Stets zeigt sie uns den trauernden Blick, der nie so recht weggehen möchte. Überraschung und Ekel mag sich in ihren Augen spiegeln, wenn sie in Carls Gedanken eintaucht, jedoch ist auch dies viel zu wenig. Die Angst, die Catherine unweigerlich verspüren muss, bevor sie sich der Prozedur unterzieht, kommt einfach nicht rüber.

Wenn Catherine mit Peter eine tiefgreifende Unterhaltung führt, blickt sie genauso drein wie in dem Moment, als vor ihr ein Pferd zerstückelt wird. Auch wenn J.Lo den gesamten Film lang in allen ihren Kostümen top aussieht, ist das für diese - eigentlich - sehr anspruchsvolle Story viel zu wenig. Auch Vince Vaughn als FBI-Agent kann nicht recht überzeugen. Bloß Vincent D'Onofrio als abartiger Killer Carl Stargher ist es zu verdanken, dass die Schauspielerei in diesem Film nicht völlig den Bach runter geht. Nicht nur einmal bekommt man als Zuschauer eine Gänsehaut, wenn er am Bildschirm auftaucht.

Widmen wir uns nun dem Drehbuch. Nun, an sich muss man sagen, dass so eine Geschichte zwar nicht vollkommen neu ist, aber immer wieder spannenden Stoff für weitere Filme hergibt. Die Idee, die Gedanken eines anderen zu lesen, wird hier noch getoppt, indem sich Catherine buchstäblich in die Gedankenwelt ihrer Patienten begibt. Auch das ist nicht vollkommen neu, aber man muss dem Film zu Gute halten, dass er sehr viel (doch leider nicht alles) aus dieser Idee rausholt. Doch, wie schon oben erwähnt, ist ein Beigeschmack nicht abzustreiten.

Die Figuren bleiben farblos, zu einseitig, und man hat das Gefühl, sogar noch mehr aus der Figur des Carl Stargher rausholen zu können. Das größte Manko ist allerdings, und das ist bei einem Film mit der Marke "Psychothriller" beinahe unverzeihlich, dass die Story eine gewisse Langeweile aufkommen lässt. Die Szenen in der "realen" Welt sind ohne Biss, und die ersten Minuten in Carls Gedanken werden derart in die Länge gezogen, dass man sich unwillkürlich wünscht, dass dies sich im Laufe des Films doch bitte noch ändern mag (was es auch tut!). Noch dazu bietet die Geschichte nicht viele Wendungen und auch das Ende ist relativ voraussehbar. Was dem Film natürlich an Reiz und Spannung nimmt.

Befassen wir uns zum Schluss noch mit der Inszenierung. Und die ist der Pluspunkt des Filmes, mit wenigen Ausnahmen. Regisseur des Films ist der berühmte, und auch gefeierte Werbe- und Videoclip-Regisseur Tarsem Singh. Die schrecklichen, aber sehr gut in Szene gesetzten Gedanken Carls werten den Film auf, lassen die Spannung steigen und uns erinnern, dass wir uns einen Psychothriller ansehen. Singh ist ein Meister der Symbole, sowohl sexueller als auch religiöser. Diese kommen auch in "The Cell" nicht zu kurz, doch trotzdem halten die Bilder nicht das, was sie versprechen. Sie lösen nicht den Schrecken, den Schauder in uns aus, den sie tun sollten, da man das Gefühl hat, der Film würde sich an manchen Stellen selbst zurückhalten.

Sicherlich, es gibt zwei oder drei Szenen, die wirklich an ihre Grenzen gehen und nichts für schwache Gemüter sind, wie die etwa, in der Peter gefoltert wird, doch allgemein gesehen sind diese Szenen Mangelware. Wie oben angesprochen, sind die ersten Bilder aus Carl Starghers Gedanken viel zu detailliert. Die Bilder schaffen leider die Gratwanderung zwischen "zu wenig und zu viel" nicht. Erschreckend allerdings die Szene des kleinen Carls mit dessen Vater. Diese ist viel verstörender als so manche Bilder des Films.

Zu erwähnen wäre aber auch, dass der Film allgemein einen etwas "alten" Touch hat, was besonders in den Szenen im "realen" Leben zu bemerken ist. Vielleicht will uns so der Regisseur vermitteln, dass wir uns trotz der hochmodernen Technologie nicht in ferner Zukunft befinden, sondern dass es solch kranke Menschen leider auch genau in unserer Zeit gibt, mitten unter uns.

Fazit

Zusammenfassend kann man also sagen, dass "The Cell" einige gruselige Momente hat, allerdings nicht hält, was er verspricht. Zu sehr setzt er auf die Gedankenbilder, die jedoch nicht über das teils schwache Drehbuch und auch Schauspielleistungen hinwegtäuschen können. Vielleicht hätte sich "The Cell" an Aristoteles orientieren sollen, der schon damals meinte, dass eine gute Inszenierung allein nie derart Jammer und Schauder auslösen könne wie die Geschichte selbst. "Denn die Handlung muss so zusammengefügt sein, dass jemand, der nur hört und nicht auch sieht, wie die Geschehnisse sich vollziehen, bei den Vorfällen Schauder und Jammer empfindet", schreibt dieser in seiner Poetik. Die schafft "The Cell" zwar zum Teil, jedoch nicht so, wie es bei solch einem Thema eigentlich sein sollte.

Das Psychogramm eines Serienkillers ist missglückt.

Manuel Simbürger - myFanbase
27.11.2004

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