Wir Kinder vom Bahnhof Zoo - Review Staffel 1

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Es ist nun schon einige Jahre her, dass ich den Film "Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" gesehen habe, der wiederum auf einem Bestseller mit dem Titel "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" beruhte. Das vom Stern herausgebrachte Sachbuch ist aus Gesprächen entstanden, die die Redakteure Horst Rieck und Kai Hermann mit Christiane F. führten, um so ein damals aktuelles Bild von der Drogenszene und Beschaffungsprostitution in Berlin der 1970er Jahre abzubilden. Dieser Film ist mir heute noch extrem präsent, wie könnte man auch diese aufrüttelnden Szenen vergessen, wie Jugendliche und junge Erwachsene völlig abstürzen in eine Welt, die man niemandem wünscht. Nun ist eine Serienadaption in einer Zusammenarbeit von Constantin Television und Amazon Prime Video entstanden. Die inhaltliche Umsetzung wurde maßgeblich von Annette Hess ("Ku'damm 56") vorangetrieben, während Philipp Kadelbach die Regie übernahm. Wie ist diese neue Umsetzung einer Vorlage geworden, die vermutlich vielen ein Begriff sein dürfte, da sie in Deutsch- und Sozialkundeunterricht als abschreckendes Beispiel herangezogen wurde?

Foto: Wir Kinder vom Bahnhof Zoo - Copyright: Amazon Prime Video; Constantin Television/Mike Kraus
Wir Kinder vom Bahnhof Zoo
© Amazon Prime Video; Constantin Television/Mike Kraus

Zunächst einmal fand ich es eine großartige Idee, "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" als Serie zu adaptieren, denn bekanntlich bin ich eine Verfechterin davon, dass gewisse Inhalte einer intensiven Auseinandersetzung bedürfen und dass kann eine Serie mit deutlich mehr Laufzeit als ein Spielfilm eindeutig besser. Gleichzeitig sind die Inhalte dieser Serie oft schwer erträglich. Da die Produktion nicht davor zurückgeschreckt ist, häufig sehr ins Detail zu gehen, ist die emotionale Belastung beim Schauen nicht wegzudiskutieren. Ich persönlich habe höchstens eine Episode pro Tag geschafft, da mich das Gesehene sehr mitgenommen hat. Da Triggerwarnungen aufgrund der allgemein immer mehr akzeptierten mentalen Krankheitsbilder moderner werden, kann ich nur betonen, dass "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" eine doppelt und dreifache braucht. Das hat sie faktisch auch, weil Amazon schon lange zu Beginn einer jeden Episoden potenziell auf triggernde Inhalte hinweist, aber dennoch sollte es immer und überall wiederholt werden, denn hier ist es wirklich bitter nötig.

Wie erwartet, haben sich einige Vorteile einer Serienumsetzung bestätigt. So konnten die einzelnen Geschichten von Christiane (Jana McKinnon), Stella (Lena Urzendowsky, "How to Sell Drugs Online (Fast)"), Benno (Michelangelo Fortuzzi), Babsi (Lea Drinda), Axel (Jeremias Meyer) und Michi (Bruno Alexander) deutlich detaillierter in den Fokus genommen werden. Dennoch muss ich bei dieser Argumentation gleich eine Einschränkung anbringen, denn wirklich gleichberechtigt waren die einzelnen Figuren nun wahrlich nicht. Dass Christiane das Zentrum der Erzählung darstellt, ist durchaus verständlich, immerhin sind durch die intensiven Gespräche mit ihr in der Realität die authentischsten Schilderungen gegeben. Aber die Serie verweist gleich zu Beginn jeder Episode auf die Fiktionalität des Geschehens hin, weswegen ich es mir gewünscht hätte, wenn man auch bei den anderen Figuren ähnlich tief hätte gehen können wie bei Christiane. Zumal ich ausgerechnet diese aufgrund ihrer unendlich erscheinenden Naivität oft nur schwer ertragen konnte. Alle dargestellten Figuren hatten natürlich ihre unerträglichen Geschichten und dennoch habe ich gerade Figuren wie Axel oder Babsi sehr viel reizvoller empfunden, doch diese verschwanden zwischenzeitlich mal von der Bildfläche. Und von Michi muss ich gar nicht erst anfangen, er war wirklich nur Beiwerk, nicht mehr und nicht weniger.

Foto: Wir Kinder vom Bahnhof Zoo - Copyright: 2020 Constantin Television GmbH / Amazon Studios / Soap Images; Mike Kraus
Wir Kinder vom Bahnhof Zoo
© 2020 Constantin Television GmbH / Amazon Studios / Soap Images; Mike Kraus

Ein weiterer Vorteil der Serienform ist sicherlich auch, dass die gecasteten Schauspieler viel mehr Zeit bekommen haben, sich in ihre Rollen einzufinden und somit wirklich heftige Szenen extrem mitreißend gestalten konnten. Das ist auch eine beeindruckende Leistung, weil der Hauptcast aus vielen noch unbekannten Gesichtern besteht, die sich mit dieser Produktion aber definitiv ein vielversprechendes Standbein aufgebaut haben dürften. Da die Serie nicht unbedingt dialoglastig ist, sondern oft auf nur musikalisch untermalte Inszenierungen setzt, bei denen es einzig auf Mimik und Gestik ankommt, ist schnell nachzuvollziehen, warum hier stümperhaftes Talent sofort aufgefallen wäre. Aber das war definitiv nicht der Fall und das ist sicherlich das größte Geschenk für diese Serie. Einzig das Casting von Sebastian Urzendowsky ("Babylon Berlin") als Christians Vater Robert hat mich die gesamte Staffel über sehr irritiert. Alleine vom tatsächlichen Alter her könnte er nur so gerade eben wirklich McKinnons Vater sein, aber das ist optisch nicht rübergekommen. Wo McKinnon ihre Christiane trotz der Naivität auch sehr viel Reife mitgibt, wird Roberts kindischer Charakter durch Urzendowskys sehr junges Aussehen doppelt und dreifach unterstrichen. Blickt man sich dann Angelina Häntsch als seine Ehefrau Karin an, könnte man es fast sogar übertreibend sagen, dass sie seine Mutter sein könnte. All diese Gedanken konnte ich über die acht Episoden nicht abstellen, was wirklich schade ist.

Foto: Jana McKinnon, Wir Kinder vom Bahnhof Zoo - Copyright: 2020 Constantin Television GmbH / Amazon Studios / Soap Images; Mike Kraus
Jana McKinnon, Wir Kinder vom Bahnhof Zoo
© 2020 Constantin Television GmbH / Amazon Studios / Soap Images; Mike Kraus

Aber noch einmal zurück zu den Figuren selbst. Christianes Geschichte ist ohne Frage sehr detailliert und für jeden Zuschauer nachvollziehbar inszeniert worden. Sie mag durch ihre Art nicht unbedingt eine Sympathieträgerin sein und auch Mitleid wird sie sich hart erarbeiten müssen, aber dennoch kann man sie zu jedem Zeitpunkt der Handlung verstehen, denn ihre Gefühlslage, ihre Denkweise und ihre Handlungsmuster sind wie auf dem Silbertablett präsentiert. So stringent das bei Christiane gelungen ist, so wenig kann man das leider bei den anderen Figuren behaupten. Unglaublich spannende Ansätze bei den genannten Axel, Babsi, aber auch Stella verlieren sich zwischendurch, weil die Geschichte an Christiane und damit oft auch Benno klebt. Dadurch sind sie für den Zuschauer nicht so transparent und es ergeben sich angesichts ihrer Handlungen eher Fragezeichen. Ja, man kann sich natürlich eine Erklärung überlegen, warum Stella nach einer Vergewaltigung ausgerechnet bei Günther (Bernd Hölscher), einem offensichtlichen Kinderschänder, unterkommt. Ja, man kann philosophieren, warum Babsi nach dem Verlust ihres Vaters alles von ihrem reichen Lebensstil verachtet, aber all das ergibt sich nicht so logisch wie bei Christiane, weswegen die Serie an dieser Aufgabe gescheitert ist.

Ich habe nun schon mehrere Stimmen gehört, warum man die Serienadaption nicht in die Jetztzeit gehievt hat. Angesichts dieser Idee schwanke ich noch ein wenig in meiner Beurteilung. Fakt ist, dass "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" einen sehr modernen Anstrich bekommen hat. Man merkt in kleineren Sequenzen immer wieder, dass die Serie tatsächlich in den 1970ern spielt, wie es historisch korrekt ist, aber rein optisch würde meine Intuition nicht dieses Jahrzehnt vermuten. Gerade von den Klamotten und des grandiosen Soundtracks her ist definitiv eine Zeitlosigkeit geschaffen worden, die sicherlich metaphorisch goldrichtig ist, denn die inhaltlichen Problemthemen sind heute noch wie damals relevant. Jetzt ist "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" aber ein historisch bedeutsames Stück Zeitgeschichte, das viele unangetastet sehen wollen. Vielleicht wäre es daher doch cleverer gewesen, sich völlig von der Vorlage zu lösen und nur noch eine inhaltliche Anlehnung zu versuchen. Wie gesagt, viele thematische Aspekte der Geschichten von Christiane und Co. erleben Jugendliche heute noch und im Zweifel wird die entsprechende Altersgruppe von ihresgleichen mehr abgeholt als von Kids aus den 70ern.

Fazit

"Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" ist eine moderner angehauchte Neuinterpretation der Geschichte von Christiane F., die vielen ein Begriff sein dürfte und die hier sehr authentisch und dank Serienformat auch sehr ausführlich dargestellt werden kann. Schauspielerisch ist gerade bei den jungen Darstellern auch ein sehr guter Wurf gelungen, schade, dass die anderen Rollen aber nicht so viel Material geliefert bekommen haben, um das vollends auszukosten. Insgesamt ist es aber eine starke deutsche Serie geworden, die man wegen der emotionalen Belastung aber vielleicht besser Häppchen für Häppchen konsumieren sollte. Aber hier muss jeder für sich selbst entscheiden, was er sich zumuten kann.

Lena Donth - myFanbase

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