Libertines, The

The Libertines in der Stadthalle, Wien

"Anthems for Doomed Youth", das im letzten Herbst erschienene Album, das allen Unkenrufen zum Trotz die hohen Erwartungen erfüllen konnte, mag eine reifere, durchdachtere, im Jetzt angekommene Version der wiedervereinten Libertines darstellen – ein Konzert im Hier und Jetzt erfüllt zwar auch die (nicht ganz so hoch gesteckten) Erwartungen, aber auch mindestens ebenso viele Klischees über die britischen Rabauken und ihre gesamte Karriere: Eine zerfahrene Bühnenshow, ein paar Gänsehaut-Momente, ein paar Momente zum Fremdschämen, jeder Menge toller Songs, jede Menge betrunkener Tölpel (vor und auch auf der Bühne) – wäre ich damals schon dabei gewesen, würde ich wohl sagen: "Wie in den guten, alten Zeiten!"

Foto: The Libertines, 2015 - Copyright: Universal Music
The Libertines, 2015
© Universal Music

Als ich die Musik der Libertines für mich entdeckte, war die Band selbst schon wieder Geschichte. All die Versuche, später dann Pete Dohertys Babyshambles live zu sehen, scheiterten vermutlich an denselben Gründen, an denen die Libertines grundsätzlich scheiterten: Dohertys unvorhersehbaren Eskapaden. Umso surrealer fühlte es sich schließlich am 25.3. in der Wien Stadthalle an, vor der Bühne mit dem "Libertines"-Banner zu stehen und tatsächlich die Chance zu erhalten, eine der Bands live zu sehen, die den Garagen- und Gitarrenrock der 00er Jahre am stärksten geprägt haben.

Nach den okayen, sehr publikumsnahen Reverend & The Makers, die von den ersten besoffenen Tölpeln schon lautstark bejubelt wurden, ließen die Libertines noch überdurchschnittlich lange auf sich warten – so wie es sich wohl gehört. "Diamond Dogs" von Bowie läuft schließlich, als sie die Bühne entern, "Barbarians", zugleich auch Opener des neuen Albums, ist der erste Song des Abends. Kurz fühlt man sich, als wäre man beim Konzert einer Boygroup, als die Menge bei Dohertys erstem Gesangspart begeistert loskreischt. Ein Schmunzeln kann man sich allerdings nicht ganz verkneifen: Boygroup-Material ist Doherty schon längst keines mehr. Es tut natürlich nichts zur Sache, dass Hoffentlich-nicht-mehr-Junkie Doherty aufgegangen ist wie ein Germteig und man das Bedürfnis hat, ihn dringend zur Vorsorgeuntersuchung zu schicken – die Tatsache, dass er eher ulkig statt kultig aussieht, wird aber eines der meistdiskutiertesten Themen des Abends sein.

Band und Publikum brauchen erstaunlich lange, bis sie zueinander finden und es so richtig funkt. Der ohnehin zerfahrene Garagensound klingt anfangs noch ein Stückchen zerfahrener, fast zu zerfahren, möchte man sagen; der Sound wirkt generell unausgegoren, vor allem Dohertys Gesang wird meist komplett vom restlichen Lärm übertönt. Überhaupt ist Carl Barât zu Beginn viel präsenter und, naja, um einiges fähiger als sein Partner, der wohl tatsächlich noch zu wenig Fusel getankt hat, um aus sich herauszugehen.

"Horrorshow" ist noch eine einzige dreckige Rutschpartie; "Boys in the Band", das unvermeidliche "What Katie Did" und "The Man Who Would Be King" sind schließlich die ersten Mitsinggaranten, bei denen Band und Publikum endlich zueinander finden und nicht aneinander vorbei lärmen. Gänsehaut-Highlight des Abends wird wie erwartet "You're My Waterloo"; das Publikum schwenkt gemeinsam mit Doherty Feuerzeuge, seine Performance erreicht endlich das Niveau, auf das man bereits gewartet hat: Plötzlich hört und sieht man wieder dieses verkannte, gestrauchelte, verschmitzte Wunderkind, das man für sein Draufgängertum bewundert und dennoch vor der ganzen Welt beschützen will.

Dieses Wunderkind läutet anschließend mit ein paar bierseligen, kaum verständlichen, weil stark genuschelten Ansagen den ab sofort actionreicheren Teil des Abends ein: Nach dem Überhit "Can't Stand Me Now" liegt der Schwerpunkt auf ihrem ersten Album "Up the Bracket" – dessen jugendlicher Leichtsinn scheint auch plötzlich in die Band gefahren zu sein. Vielleicht zeigt auch nur endlich der Alkohol seine Wirkung: Doherty schmeißt mehrmals den Mikroständer ins Publikum, animiert die Leute zum Mitmachen, blödelt wie ein kleiner Junge mit Barât herum.

Die komplizierte Beziehung der beiden, die wahrscheinlich das Faszinierendste an den Libertines darstellt (und für einen Großteil der genialen Songs verantwortlich ist), versucht man auch an diesem Abend zu analysieren. Manchen Berichten zufolge ist es an diesem Abend stets Barât, der den torkelnden Doherty vor einer Peinlichkeit rettet. Was aber in erster Linie in Erinnerung bleibt, sind die jungenhafte Ausgelassenheit, mit der sie Hüte tauschen und werfen, dieses wortlose Verständnis, das für den jeweils anderen da ist (auch wenn dieser trotzdem nicht den richtigen Ton trifft), die Selbstverständlichkeit, mit der sie sich wie schon vor einem Jahrzehnt das Mikro teilen – und schließlich hat man irgendwie das Gefühl, ein junges Liebespaar bei einem intimen Moment zu stören, wenn genau dann ihre Schatten an die Wand projiziert werden: Zwei Schatten, zwei Gitarren, ein Mikroständer – ikonenhafter, fast kitschiger kann man es sich kaum vorstellen, bis Doherty den Moment jäh wieder zerstört, indem er den Ständer für ein weiteres Mal ins Publikum befördert.

Nach "The Good Old Days" folgt eine kurze Pause, bevor "Music When the Lights Go Out" triumphal und mit dem zweiten großen Gänsehaut-Moment den Zugabenteil einläutet. Solche Momente, in denen sowohl Band als auch Publikum beinahe andächtig wirken, würden ihnen so gut stehen, an diesem Punkt des Abends ist ihnen allerdings mehr nach Blödeln und Lärmen: "Up the Bracket", "What A Waster" und "Don't Look Back Into the Sun" beschließen einen feuchtfröhlichen Abend, der nicht perfekt war, es aber auch niemals sein sollte.

Fazit

Auch die "erwachsenere" Variante der Libertines bewegt sich auf einem schmalen Grat zwischen außerordentlichem Talent, bei dem man vor Begeisterung nicht wegsehen will, und Rock'n'Roll-Wahnsinn, bei dem man trotz Fremdschämen nicht wegsehen kann. Was man aber unbedingt würdigen muss: Die neuen Songs beweisen, dass man sich nicht nur auf dem eigenen Kultstatus ausruhen wollte, sondern tatsächlich wieder Herzblut und Schweiß in die Sache gesteckt hat – eine Tatsache, die auch das Publikum zu schätzen weiß: Diese Stücke werden immerhin genauso bejubelt wie die "Klassiker".

Setlist
Barbarians / The Delaney / Heart of the Matter / Horrorshow / Fame and Fortune / Boys in the Band / The Milkman's Horse / What Katie Did / Anthem for the Doomed Youth / The Man Who Would Be King / You're My Waterloo / Gunga Din / Cant't Stand Me Now / Vertigo / Death on the Stairs / Time for Heroes / The Good Old Days
Zugabe: Music When the Lights Go Out / Up the Bracket / What A Waster / Don't Look Back Into the Sun

Stephanie Stummer - myFanbase
25.04.2016