Bewertung: 8
Everlast

Everlast in Köln

Die "Special Acoustic Performance" von Everlast alias Erik Schrody am 16. November im Kölner Gebäude 9 sollte ursprünglich am 3. November im Bürgerhaus Stollwerk stattfinden. Mit dem neuen Termin bekam das Konzert auf tragische Art und Weise ein besonderes Datum: Nur wenige Tage nach den blutigen Anschlägen in Paris, deren Ziel unter anderem ein Rockkonzert war, hat das Ganze zunächst einen bitteren Beigeschmack, von Mitgefühl, Fassungslosigkeit, Trauer, vielleicht für manch einen auch ein bisschen Angst.

Foto: Everlast, Köln - Copyright: Stefanie Zerres
Everlast, Köln
© Stefanie Zerres

"Ich fahre nicht nach Hause", sagt der als Rapper in den 90er Jahren mit House of Pain bekannt gewordene Everlast jedoch entschieden, nachdem er mit seiner Akustikgitarre und in Begleitung eines Keyboarders die Bühne betritt. Sein Standpunkt: Lasst sie nicht gewinnen, wir müssen weitermachen! "Fuck that shit!" wiederholt er immer wieder. Zuvor hatte sich der US-Amerikaner über soziale Netzwerke zu seinem Glauben, zu Religion und Philosophie im Allgemeinen und zu seiner Position gegen Radikalismus geäußert. Doch das wird an diesem Abend nicht näher thematisiert. Denn es ist die Musik, um die es geht: "You are here because you somehow like what I'm doing." Das stimmt und was er tut, ist einen akustischen Abriss aus einer ganz besonderen Karriere zum Besten zu geben. Nur noch kurz wird das aktuelle Thema, das die ganze Welt beschäftig, aufgegriffen. Ein Song wird unterbrochen, innegehalten, er sagt: Jetzt schaue er zur Tür… über so etwas müsse man sich jetzt Gedanken machen. Kopfschütteln. An anderer Stelle nutzt er die Pause zwischen zwei Stücken zur spontanen Aufforderung an die Zuhörer und Zuschauer, sich mit einem Fremden bekannt zu machen, einander kennenzulernen, sich die Zeit zu nehmen und nicht nur in Extremsituationen aufeinander zu schauen.

Die Bühne ist einfach gehalten: Ein schwarzes Everlast-Plakat, das ein weißer Totenschädel ziert, und die Instrumente sind alles, was benötigt wird. Die obligatorischen eisgekühlten Getränke nicht zu vergessen. Everlast selbst trägt bis zur Zugabe eine Sonnenbrille, die für Zuspruch im Publikum sorgt. Die Frisur scheint neu oder unbekannt durch das sonst meist mit einer Baseballcap verdeckte Haar: ein Seitenscheitel und dunkel gefärbtes Deckhaar, das mit dem weißen Haar darunter der aktuellen "Undercut"-Mode ähnelt. Damit hat Everlast nicht mehr viel von dem seemannsartigen Porträt auf dem Cover seines Albums "The Life Acoustic". Das Shirt, das er an diesem Abend trägt, ist auch im Vorraum am Merchandisingstand zu kaufen, denn es ist ein Exemplar der eigenen Tour-Kollektion. "Whitey Ford" steht dort in geschwungener Schrift auf Brusthöhe. Der Name eines Footballspielers, der in Everlasts Musik immer wieder Erwähnung findet, so beispielsweise als Titel des zweiten Sololabums "Whitey Ford Sings the Blues".

Trotz der aktuellen Lage: Ja, auch die Fans sind dort! Auch sie sind nicht zu Hause geblieben und zahlreich erschienen. Das Konzert war bereits vorab ausverkauft und es scheint, als habe sich keiner diesen Montagabend nehmen lassen. Das Publikum applaudiert zwischen den Stücken, laut, zahlreich und nicht ohne Leidenschaft. Dennoch aber auch nicht anhaltend. So kommt es zwischenzeitlich immer wieder zu völlig stillen Momenten, in denen sich die Konzertbesucher und die Künstler still und (er-)wartend gegenüberstehen. "You scare me. You are so silent." Man nimmt es mit Humor. Trotzdem ändert sich diese Situation nur ein wenig, man wird zwar miteinander warm, aber so ganz bricht das Eis nicht. Es scheint aber mehr Respekt als Missfallen zu sein, der die bedächtige Stille erzeugt. Vielleicht kommt das Publikum auch in ein ruhigeres Alter? Und ist dies nicht eine Akustik-Show? Geht es dabei bedächtiger zu? Immer wieder schafft es Everlast und sein Bühnenpartner dies kurzzeitig zu durchdringen und – wer hätte es angesichts der immer wiederkehrenden bedächtigen Stille geahnt – das Kölner Publikum sogar zum Mitsingen zu animieren. So bei "Black Jesus" den textlosen "nana nana ne nanana"-Teil. Bei "What it's like" gibt man einen Textpart vor und lässt das Publikum ergänzen: "…they call her a killer and they call her a sinner and they call her …what do they call her?" – "A whore". (Die Rede ist hier von Mary auf ihrem Weg in die Abtreibungsklinik. Wie in so vielen Everlast-Songs wird anhand von Geschichten auf soziale Missstände hingewiesen.) Außerdem schafft es der Keyboarder zum Im-Takt-Mitklatschen zu animieren und Everlast fordert erfolgreich gegen Ende zum Schwenken von Feuerzeugen oder erhellten Smartphones als moderne Alternative zum Feuer auf.

Viele weitere Hits dürfen an diesem Abend nicht fehlen, wie "White trash beautiful" oder "Ends" und "Saving Grace". Manch ein Song bekommt in dieser instrumental und technisch abgespeckteren live-Version einen ganz anderen Mantel. Andere wiederum scheinen genau dafür konzipiert zu sein. Doch wirklich fehlt der technischer Schnick-Schnack ohnehin nicht, man weiß sich zu helfen. So reicht es, bei Gesangsstellen, die eher im Hintergrund liegen sollen, wie bei "where did you geht that scar?" in "Little Miss America" ein paar Schritte vom Mikro wegzugehen. Dann ist es, als singe Schrody in den Raum hinein, ohne Verstärkung, klar und nah. Und wenn selbst das vorhandene Equipment versagt, improvisiert man einfach: Zwei Mal reißt eine Gitarrensaite. (Das Publikum kommentiert mit einem ironisch-bemitleidenden "oohhh" und bringt den Geschädigten zum Schmunzeln.) Ohne die Saite weiterspielen und den Song hinter sich bringen? Nein, nicht wenn das dann schlecht klingt: "Bei manchen Stücken kann man das machen, aber bei diesem hört sich das einfach nicht gut an." Neue Gitarre, neues Glück und der Sound wie auch die Stimmung passen wieder.

Ganz vorne dabei im Publikum ein Stammgast, den Everlast wiedererkennt. Dieser Fan sei bei allen Shows in Deutschland dabei. Er habe immer dasselbe T-Shirt an. Oder ist es vielleicht doch nicht dasselbe und er hat einfach mehrere dieser Shirts im Schrank? Egal, gebt dem Mann ein T-Shirt! Oder sollte er doch besser einen Hoodie bekommen? "It's cold outside!" Nein, kalt ist es nun wirklich nicht an diesem Novemberabend. Es ist ungewöhnlich mild für die Jahreszeit und der Nieselregen lässt einmal mehr auf dem Weg zum Gebäude 9 entlang des Messekomplexes ein surreales Gefühl entstehen. Aber vielleicht ist es hier kalt für jemanden, der sonst im sonnigen Los Angeles lebt. Draußen scheint es an diesem Novemberabend nur geringfügig kühler zu sein, als in dem warmen Konzertraum des Gebäude 9, in dem jeder mit in Zwiebeltechnik anpassbarer Kleidung und einem kühlen Getränk klar im Vorteil ist.

Nachdem das Publikum zum Schluss noch einmal alles gegeben hat, um den Künstler wieder auf die Bühne zu holen, spielt dieser im Anschluss an eine improvisierte Soloeinlage des Keyboarders einige Zugaben, die alle vor der Bühne noch einmal so richtig wach werden lassen. Das Konzert endet mit dem Johnny-Cash-Cover "Folsom Prison Blues". Wenn nicht vorher schon einmal, dann ist es jetzt an der Zeit, sich auch bei einem Akustik-Konzert zu bewegen: Die Konzertbesucher tanzen und klatschen im Takt.

Auch wer dann nach Hause geht, ohne durch Everlasts Aufforderung zur Kontaktaufnahme mit fremden Konzertbesuchern seinen zukünftigen Ehepartner gefunden zu haben - das sei doch eine nette Vorstellung, wenn ihm jemand in vier, fünf Jahren erzählen würde, sie hätten sich genau an diesem Abend kennengelernt -, einen gelungenen Abend werden wohl die meisten erlebt haben. Everlast blieb und kommt hoffentlich wieder. In Köln ist er sicherlich willkommen!

Wer sich das "Special Acoustic"-Feeling nach Hause holen will, kann dies mit dem Album The Life Acoustic tun. Dieses beinhaltet auch den House-of-Pain-Klassiker "Jump around", der an diesem Novemberabend im Gebäude 9 nicht akustisch dargeboten wurde, aber sicherlich auch in dieser Form das ein oder andere Fanherz hüpfen lässt.

Stefanie Zerres - myFanbase
25.11.2015