Sebadoh

Sebadoh in der Arena, Wien

"I never thought I'd play here again", gibt Lou Barlow gleich zu Beginn zu, als er die Bühne der Arena in Wien betritt – umso mehr Freude scheint er zu haben, dass er nach dem Comeback-Album "Defend Yourself" seines Nebenprojekts Sebadoh mit eben diesem auch wieder außerhalb der USA auf Tour ist. Und es ist weniger eine vergangenheitsorientierte Comeback-Tour, als vielmehr ein Wiedersehen unter guten Freunden, bei dem nicht alles rund läuft und noch weniger nach Plan – und es gerade deshalb denkwürdig wird.

Foto: Sebadoh - Copyright: Joyful Noise Records/Bryan Zimmerman
Sebadoh
© Joyful Noise Records/Bryan Zimmerman

Die neben Pavement und Guided by Voices wichtigsten Begründer des sogenannten Lo-Fi-Indie-Rock haben als Support-Act eine Band mitgebracht, die zum Ersten nicht in dieselbe musikalische Kerbe wie der Hauptact schlägt (was an sich schon selten genug vorkommt) und zum Zweiten tatsächlich einmal aufhorchen lässt (was bei den meisten Vorbands in kleinerem Rahmen noch viel seltener vorkommt): La Luz aus Seattle sind eine reine Frauenband und spielen 60ies-Surf-Pop, der als schöner Kontrast zum hellen, harmonischen Gesang teilweise richtig heavy ausfällt. Den Spaß auf der Bühne merkt man ihnen vom ersten bis zum letzten Ton an – sie sind eine fröhlichere, blumigere Version der Dum Dum Girls, die zwischen den Songs miteinander herumalbert und sich entzückende Tanzeinlagen ausgedacht hat.

Nicht weniger unterhaltsam geht es auch bei Sebadoh weiter: Lou Barlow erklärt beim Einstieg umständlich, woher jedes Bandmitglied stammt, wo er wohnt, wohin er ziehen wird - als wäre es ihm das wichtigste Anliegen des heutigen Abends, dass jeder versteht, warum er nun wieder nach Massachusetts zurückgeht. Währenddessen kichert Bassist Jason Loewenstein ausgelassen wie ein kleines Kind ins Mikro, mehrere Leute im Publikum tun es ihm gleich. Es ist, als wäre man bei einem Klassentreffen, bei dem vom ersten Moment an die Chemie wieder stimmt und man erleichtert erkennt, dass die Leute bloß älter geworden, aber noch immer die gleichen Kindsköpfe wie früher sind. Im Gegensatz zum Reunions-Konzert von Pavement 2010 fühlt man sich als Zu-spät-Geborener nicht fehl am Platz bei diesem Klassentreffen – was darauf zurückzuführen ist, dass die Band nicht nur auf ein Hitfeuerwerk setzt, sondern in erster Linie auf starke Interaktion mit dem Publikum.

Auch wenn all die Hits natürlich gespielt werden – Barlow steigt mit Klassikern ("Magnet’s Coil", "Rebound") ein, bis er davon genug hat und mit "Love You Here" "songs you don't know" ankündigt. Sein Gesicht versteckt sich die meiste Zeit hinter einem unfassbar wuscheligen Schwall an Haaren, aus dem das Mikro wächst; hin und wieder schiebt er die ohnehin nicht sichtbare, in der Action auf die Nasenspitze gerutschte Brille wieder hoch. Spätestens ab "Gimme Indie Rock", von dem Barlow behauptet, er solle es womöglich nicht spielen (und es seinen Fans dann umso fieser in die Gehörgänge peitscht), ist wirklich Action angesagt. Er und Loewenstein tauschen Plätze und Instrumente, Loewenstein kichert nochmal ungehalten ins Mikro, bevor er den härteren Part des Abends übernimmt. Fast zu hart, möchte man sagen – denn bei den meisten Nummern geht seine Stimme völlig im Gitarrengeheule unter. Energiegeladene, Grunge-selige Stücke sind ja gut und schön, ohne dazugehörige mit Inbrunst gebrüllte Lyrics fühlt man sich aber nur halb so selig.

Wieder zurück am "Chef"-Mikro gibt Barlow eine wirre Anekdote zum Besten, in der ein junger Mann versucht, seinen Herzschlag, der von einer Maschine angezeigt wird, mit Wut zu kontrollieren (so angeblich von Barlow in einem Wiener Museum beobachtet) – und erneut wird auf der Bühne gekichert, was das Zeug hält. Erstmals zarter und gefühlvoller wird es mit "I Will", dem wahrscheinlich besten Song des neuen Albums. Dass Barlows Gitarre danach den Geist aufgibt, war so sicher nicht geplant: Er schimpft, verflucht die verdammte Gitarre, ist enttäuscht von der stets so treuen Gitarre, Jason Loewenstein (noch immer grinsend) liefert leider eher sinnlose Lösungsvorschläge für die Situation - bis man schließlich den einzig möglichen Weg geht: Barlow greift sich eine neue Gitarre und verspricht, die alte zu "smashen", wenn ihm jemand Marihuana in die am Bühnenrand platzierte Gitarre legt.

Trotz des offensichtlich süßlichen Duftes in der Luft passiert keines von beidem, zumindest das Zerdeppern der Instrumente auch ohne besondere Gegenleistung wäre bei Sebadoh etwas nicht ganz so Außergewöhnliches – stattdessen erfüllen sie lieber zeitverzögert noch einige Songwünsche, um die im Laufe des Abends irgendjemand gebeten hatte. Mit "On Fire" liefern sie einmal mehr den Beweis, dass die schönsten Melodien nicht unbedingt unter einem Kübel Kitsch ertränkt werden müssen, sondern vielleicht weitaus mehr berühren, wenn sie schlicht und schnörkellos vorgetragen werden.

Für dasselbe steht auch "Brand New Love", der tatsächlich letzte Song des Abends – trotz des lärmenden Publikums lassen sich Sebadoh für eine Zugabe nicht mehr breitschlagen, der Verlust der geliebten Gitarre war wohl doch zu viel. Dass aber wieder so viele Jahre bis zu einer neuen Sebadoh-Platte und anschließenden Tour vergehen werden, wird jedoch kaum der Fall sein – zu oft haben die alten Lo-Fi-Helden an diesem Abend vergnügt gekichert.

Artistpage
Sebadoh.com

Stephanie Stummer - myFanbase
03.11.2014