Belle and Sebastian

Belle and Sebastian in der Arena, Wien

"Belle and Sebastian liefern seit 1996 beständig gute bis hervorragende Alben ab", schreibt die Arena Wien in ihrem Programmheft für den Juni 2014. Viel wichtiger ist jedoch: Belle and Sebastian liefern seit 1996 beständig heimelige bis herzerwärmende Alben ab. Dass es live noch einen Tick heimeliger und herzerwärmender als auf Platte geht, bewiesen sie am 19. Juni bei ihrem Auftritt in Wien. Die diesjährige Open-Air-Saison in der Arena eröffneten sie mit nicht wirklich neuem Material (außer man lässt die 2013 erschienene Raritäten-Compilation "The Third Eye Centre" gelten), dafür aber umso mehr Spielfreude.

Foto: Belle and Sebastian - Copyright: Reuben Cox
Belle and Sebastian
© Reuben Cox

Dass diese Band einst den Ruf einer schüchternen, extrem pressescheuen Truppe hatte, kann man zumindest aufgrund der Interaktion mit dem Publikum kaum mehr nachvollziehen – lediglich die Songtexte über all die Außenseiter und Sonderlinge sowie die liebenswert-schrullige Art der Bandmitglieder zeigen, dass Belle and Sebastian ihre Köpfe nicht hoch, aber über den Wolken tragen.

Bis zu 13 Personen musizieren gleichzeitig in ihrer eigenen Welt, die für Außenstehende ein bisschen wie eine Märchenwelt wirkt, in der selbst dem Außenseiter-Dasein etwas Romantisches, ja Poetisches abgewonnen werden kann. Sarah Martin singt, als würde sie von Feen abstammen, Stevie Jackson gibt den ewig tollpatschigen Sidekick, ohne den Belle and Sebastian live nur halb so viel Spaß machen würden – und Stuart Murdoch tanzt völlig losgelöst und beseelt lächelnd zu seinen Songs. Zwischendurch erzählt er gerne, worum es im nächsten Stück geht, versucht, irgendwie einen verqueren Bezug zu Österreich herzustellen ("country of baseball"?) und freut sich sichtlich, dass besonders die "Klassiker" auf der Setlist bejubelt werden: "Piazza, New York Catcher", "She's Losing It", "Judy and the Dream of Horses" – nur das Mädchen, das sich für "Get Me Away From Here I'm Dying" beinah die Seele aus dem Leib kreischt, wird nicht erhört.

Natürlich funktionieren die in den Pop verliebten Songs der letzten beiden Alben "The Life Pursuit" und "Write About Love" bestens, um die (unbegründete) Furcht vor dem Regen schwinden zu lassen, den der Himmel auf Wien herunterzulassen droht. Die schönsten Momente sind aber stets die stillen – in denen die Instrumente still stehen, das Publikum still steht, die Wolken freundlicher wirken und Murdoch "Piazza, New York Catcher" so behutsam und tröstlich vorträgt, dass man sich am liebsten in diese Melodie und dieses Gefühl für immer einwickeln möchte.

So viel Nähe, wie nur irgendwie möglich ist, bleibt dann den glücklichen Fans vorenthalten, die bei "The Boy With the Arab Strap" zum üblichen Tänzchen auf die Bühne gebeten werden. Nun tummeln sich dort vorne bereits so viele Leute, dass es schwer ist, den Überblick zu behalten - und man nicht weiß, wo man zuerst hinschauen soll: Auf Murdoch, der sichtlich amüsiert in die Tasten schlägt und auch dann noch tapfer weitermacht, als ihm die blumigen Fangirls schon zu nahe auf die Pelle rücken; auf den Typen, dem schon nach kurzer Zeit die Tanzmoves ausgehen und der gezwungenermaßen auf die üblichen Rockstar-Posen umsteigen muss oder auf die Mädels, die allen Ernstes nichts Besseres zu tun haben, als diesen Moment per Selfie festzuhalten.

Für einen weiteren Song dürfen die aufgedrehten Fans noch bleiben: "Legal Man" gerät mit ihrer Mitwirkung zur aufregenden Alle-drehen-drei-Minuten-lang-durch-Hymne, in der Stevie seinen größten Moment des Abends hat.

Dass sowohl der Leadsänger als auch die berühmte Judy aus "Judy and the Dreams of Horses" in ihrem Herzen Punks sind, rechtfertigt laut Murdoch, dem die Bühne endlich wieder halbwegs alleine gehört, den Auftritt der Band in Wiens berühmter Punk-Location -und eben "Judy..." als offiziellen letzten Song des Abends. "Sleep the Clock Around" von "The Boy With the Arab Strap" darf dann als tatsächlich letztes und einziges Zugaben-Stück den Abend beschließen. Wer hier kurz etwas enttäuscht reagiert, kann sich damit trösten, dass Murdoch schon für die nahe Zukunft neues Material angekündigt hat – und man kann sich ziemlich sicher sein, dass Belle and Sebastian eine weitere heimelige, um nicht zu sagen herzerwärmende Platte vorlegen werden...

Setlist
Judy Is a Dick Slap / I'm a Cuckoo / Another Sunny Day / If She Wants Me / I Want the World to Stop / To Be Myself Completely / Sukie in the Graveyard / Piazza, New York Catcher / If You're Feeling Sinister / Mayfly / We Are the Sleepyheads / I Didn't See It Coming / She's Losing It / The Boy With the Arab Strap / Legal Man / Judy and the Dream of Horses
Zugabe: Sleep the Clock Around

Artistpage
BelleAndSebastian.com

Stephanie Stummer - myFanbase
09.07.2014