Bewertung: 8

Built to Spill @ Flex in Wien

Um knapp 21:30 Uhr betreten, die diesmal insgesamt fünf Mannen, von Built To Spill die Bühne und legen nach einem Soundcheck, der aufregender ist, als das gesamte Set der lokalen Vorband "Gschu", mit "Virgina Reel Around The Fountain" los – und eines wird dabei sofort klar: Die heiß begehrten Plätze in der ersten Reihe sind manchmal durchaus nicht so begehrenswert, wenn a) die Gefahr eines Tinnitus besteht und b) durch den Standort der Boxen die Stimme des Sängers in der restlichen Musik untergeht.

Foto: Copyright: myFanbase/Stephanie Stummer
© myFanbase/Stephanie Stummer

Freiwillig ein paar Schritte nach hinten gerückt sieht die Sache schon wieder etwas anders aus: Die Lautstärke bläst einen nicht mehr weg, sondern höchstens auf neue musikalische Ebenen – auf denen sich Built To Spill sowieso schon längst befinden. Eine Person sogar in allerhöchstem Maße: Während die restlichen Musiker so ziemlich alles geben was sie haben, in ihrem perfekten Zusammenspiel aufgehen und Doug Martsch sich aufgrund der Anstrengung und dem dadurch hervorgerufenen Schweiß in Zusammenhang mit der Verwendung von Handtüchern von einem harmlos wirkenden Holzfällertypen in eine mehr als zerstrubbelte, aber umso begnadetere Figur verwandelt (mir drängt sich unweigerlich der Gedanke an den berüchtigten "Uhu nach dem Waldbrand" auf) – während also all das geschieht, sorgt der Gitarrist links außen mit dem Aussehen eines Urgesteins der Rockgeschichte für höchst vergnügliche Momente: Scheinbar völlig deplatziert oder desinteressiert steht er die meiste Zeit da, ohne irgendeinen Griff zu tätigen, die Zigarette im Mund, die Zigarette zwischen den Gitarrensaiten eingeklemmt, oder einen ganzen Song lang am Boden herumkrabbelnd, auf der Suche nach fragwürdigen (überhaupt existenten?) Gegenständen.

Erstaunlicherweise ist es aber dann doch er, der die Kommunikation mit dem Publikum auf sich nimmt, auch wenn es sich dabei nur um die mehrmalige Verwendung des Wortes "hot" handelt (Vergleiche mit Paris Hilton kommen trotzdem nicht auf) – ansonsten beschränkt man sich auf ein regelmäßig gemurmeltes "Thanks".

Mehr ist aber auch gar nicht nötig – es geht sowieso nur um die Musik und ganz besonders um die Soli und Jam-Abschnitte, die live eine noch bessere Wirkung erzielen und nicht nur dem Publikum ein seliges Grinsen aufs Gesicht zaubern, sondern gleichzeitig auch Doug Martsch, dem die Spielfreude regelrecht ins Gesicht geschrieben steht – nur an den Augen erkennt man es nicht, denn die sind die meiste Zeit hingebungsvoll geschlossen.

Mit geschlossenen Augen lässt sich das Ganze dann noch ein bisschen besser genießen, besonders "Goin' Against Your Mind", die letzte Single-Auskoppelung, schafft mit seinem famosen Intro eine ganz eigene Atmosphäre und läuft damit sogar dem bejubelten "Car" in seiner reduzierten Version den Rang ab.

Viele Stücke, Soli und "Thanks" später wird nach "Carry The Zero" wieder einmal das vermeintliche Ende des Konzerts vorgetäuscht – darf in diesem Fall aber nicht wahr sein, da ich vom ersten bis zum letzten Takt gehofft und gefleht hatte, "Conventional Wisdom" hören zu dürfen. Als Built To Spill wieder auf die Bühnen stapfen und ihre Zugabe anstimmen, werden meine Hoffnungen unter einer Endlos-Jam-Version von "Randy Described Eternity" begraben – dies nicht anzuerkennen wäre aber gemein, in Anbetracht der Tatsache, dass sie sich dabei selbst übertreffen und auch aus vollends ausgeuferten Tönen eine komplett neue Melodie kreieren, die sie ebenfalls wieder in ihre Einzelteile zerlegen, um sie danach wieder andersrum zusammenzusetzen – nicht zu vergessen natürlich die Tatsache, dass der besagte Gitarrist links außen erstmals mehrere Lebenszeichen hintereinander von sich gibt.

Nach diesem fulminanten Ende beginnt man rasch mit dem Abbau der Instrumente, das Licht geht an, der Großteil drängt sich schon Richtung Ausgang beziehungsweise Bar – und so kommen nur wenige in einen ganz besonderen Genuss: Nach seiner Wortkargheit während des Konzerts zeigt sich Doug Martsch dafür danach umso kontaktfreudiger – plaudert mit den Fans, posiert sogar für gemeinsame Fotos und macht letztendlich auch meinem Frust über das nicht gespielte "Conventional Wisdom" ein Ende, indem er meine schüchtern hingestreckte Hand freundlich drückt und noch ein "Thank you for coming" dranhängt ... gerne doch!!!

Setlist
Virginia Reel Around The Fountain / Traces / In The Morning / Kicked It In The Sun / Goin' Against Your Mind / Car / You Were Right / Made Up Dreams / Sidewalk / Gone / Reasons / Don't Try / Stab / Stop The Show / Carry The Zero / Randy Described Eternity

Anklicken zum VergrößernAnklicken zum VergrößernAnklicken zum Vergrößern

Stephanie Stummer - myFanbase
01.06.2007