Bewertung: 3
Finger Eleven

Them vs. You vs. Me

Auch wenn es keiner weiß, weil in deutschen Medien das Ignorieren guter Rockbands ebenso zum Standardrepertoire gehört, wie das Pushen einseitiger Indiebands, kam hier in Deutschland am 6. Oktober 2003 ein wirklich hervorragendes Album heraus. Es war sogar nicht nur gut, sondern auch wirklich erfolgreich... in Kanada und den USA. Besonders die Singleauskopplung "One Thing" schaffte es zu amerikaweitem Ruhm.

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Nun ist das Jahr 2003 ein bisschen her und diese besagte CD beginnt ein wenig im Regal zu verstauben – und was ist da die logische Konsequenz? Genau, es wird Zeit für einen Nachfolger. Und eben diesen schickten Finger Eleven am 9. März 2007 mit "Them vs. You vs. Me" in Nordamerika und Großbritannien auf den Weg. Und wie es inzwischen zur üblichen Marketingstrategie gehört, fühlte sich die Band dazu verpflichtet, ihre Fans ausgiebig mit Phrasen zu bewerfen wie "es ist das Album, welches am besten den Kern unserer Band trifft" oder "wir haben diese elf Songs aus über einhundert Ideen ausgewählt, um so die bestmögliche CD aufzunehmen". Doch wenn uns das letzte Jahr eins gelehrt hat, dann ist es, zu hinterfragen, was die Künstler im Vorfeld über ihre neuen Alben so von sich geben.

Denn bereits der Opener (und gleichzeitig die aktuelle Single) "Paralyzer" enttäuscht alle, die die vorherigen Finger Eleven Alben kennen. Wer unbedarft an die Sache herangeht, hört hier einen netten, aber nicht wirklich hervorragenden Indiesong aus der Güteklasse "wir versuchen den aktuellen Indie Hype auszunutzen, um schnell und bequem reich und berühmt zu werden", wie sie in letzter Zeit wie Unkraut aus dem Boden schießen. Nicht schlecht, aber auch nicht gut.

Von dieser Sorte gibt es dann allerdings nichts Weiteres auf dem Album zu finden (auch wenn die Akkordfolge von "Lost My Way" doch verblüffend nach einem Selbstzitat aus "Paralyzer" klingt). Vielmehr finden sich in "Falling On" und "Lost My Way" Erinnerungsstücke an die Zeiten, in denen sich die Band noch "Rainbow Butt Monkeys" nannte. Eine nette Mischung aus Powerchordrock und Funkgrundlagen, die zwar nett anzuhören ist, aber auch nicht wirklich zu fesseln vermag.

Außerdem präsentiert diese CD ganz stolz drei Balladen, die teilweise stark vermuten lassen, dass die Band den Erfolg von "One Thing" zu kopieren versucht hat und dabei nicht über Standardballaden ohne wirkliche Eigenschaften hinausgekommen ist. Und während man "Change the World" und "Window Song" ganz gut an sich vorbeiplätschern lassen kann ohne sich dabei zu sehr in die Musik hineinsteigern zu müssen (ach was, ohne es wirklich zu können!), gehört "I’ll Keep Your Memory Vague" zu der Sorte Songs, die einen sich an die Zeiten zurücksehnen lässt, in denen man Alben noch auf Kassetten kaufte. Denn diese Zeiten gaben einem die Möglichkeit, das Band an genau der Stelle anzuhalten, an der ein solcher Song begann, das Band herauszuziehen und die danach folgenden drei Minuten und 45 Sekunden mit einer Schere und zwei Stücken Klebenband für immer aus dem eigenen Leben zu verbannen. Tja, diese Zeiten sind vorbei, also muss man sich wohl damit begnügen, in der Mitte des zweiten Songs damit zu beginnen, die Fernbedienung zu suchen, um ganz sicher gehen zu können, keine einzige Sekunde dieses "Meisterwerks" hören zu müssen.

Und wenn ihr die Fernbedienung schon mal in der Hand habt: überspringt auch gleich die Strophen von "So-So Suicide", die einem durch eine quietschige, nervenzerreißende Gitarrenline unsäglich lang erscheinen. Sämtliche andere Parts des Songs sind eigentlich ganz gut, aber diese Strophen können einen in den Wahnsinn treiben (aber probiert es lieber nicht aus!).

Ganz nett und sich ins Ohr befördernd kommt dagegen "Sense of a Spark" daher. Auch hier zwar kein Geniestreich, aber ein netter Song. Das Ende der CD kann recht gut gehört werden ("Easy Life" ist eigentlich ganz gut), ist aber auch nicht überwältigend, zuvor muss man allerdings "Talking to the Walls" überstehen. (Verdammt, warum habe ich die Schere und das Klebeband wieder weggeräumt?) Dieser Song ist an musikalischer Belanglosigkeit kaum zu übertreffen – highlightlos könnte er von jeder beliebigen amerikanischen Softrockband sein.

Eigentlich möchte ich euch hier keine Anspieltipps, sondern Vermeidetipps geben: lasst die Ohren von "I’ll Keep Your Memory Vague", "Talking to the Walls" und den Strophen von "So-So Suicide" und ihr kommt durch ein ganz nettes, wenngleich auch nicht überzeugendes und schon gar nicht fesselndes Album!

Und lasst mich mit einer Frage abschließen: Liebe Mitglieder von Finger Eleven, ich habe eure Musik jahrelang geliebt... wie sehr hasst ihr mich, dass ihr mich so quälen müsst?

Tracks

1.Paralyzer
2.Falling On
3.I'll Keep Your Memory Vague
4.Lost My Way
5.So-So Suicide
6.Window Song
7.Sense of a Spark
8.Talking to the Walls
9.Change the World
10.Gather & Give
11.Easy Life

Martin Schultze - myFanbase
16.03.2007

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