Bewertung: 7
Belasco

Something Between Us

Die Erinnerung an Hexennudeltopf und Monstersuppe ist noch frisch: Belasco, die Band, deren Name gewisse Parallelen zu einer, inzwischen aufgekauften, Tütensuppenmarke aufweist, kommt in diesen Tagen mit ihrem Best Of "Something Between Us" um die Ecke.

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Platten sind wie Raketen. Lange wird dran getüftelt, lange alle möglichen Risiken ausgelotet und diverse Testläufe gestartet. Das Ende vom Lied: Letzten Endes geht die Rakete zwar meistens in die Luft, doch nur selten steil nach oben.

Manch einer mag nun stöhnen über die abertausendste Alternativband, von denen es inzwischen so viele gibt, dass der Name schon längst nicht mehr Programm ist. Doch, wie wir bereits wissen, nicht jede Rakete hebt ab. Und, wie wir gleich erfahren werden, handelt es sich bei Belasco um Spätzünder. Dennoch erweist sich das, was sie da hinlegen, als alles andere als ein Fehlstart.

Das sich im Jahre 2000 gegründete Dreigestirn um Leader Tim Brownlow brauchte volle sechs Jahre, bevor man ihnen auch in ihrer Heimat Großbritannien die Beachtung schenkt, die ihnen zusteht. Dabei hatte die Band von der Insel zu diesem Zeitpunkt anderswo in der Welt 30.000 CDs verkauft und rund 300 Gigs gespielt.

Bereits bei ihrem dritten brachte sich das Glück ins Spiel und Belasco wurden von der Bühne weg verpflichtet. Unter Regie der Produzenten von Nada Surf und REM entstand das acht Tracks umfassende Mini-Album "Simplicity", welches Anfang 2001 im UK erschien. Das bereits erwähnte Glück packte jedoch schnell wieder seine Koffer und nahm Reißaus: Als die Band im Begriff war, ihre erste Single zu veröffentlichen, verstarb der Eigentümer ihres Heimatlabels Splendid. Das machte dicht.

Ende 2001 nahm die Band das Angebot einer deutschen Promotionfirma an und begab sich auf ihre erste Tour auf Festland. Daraufhin lief man über zu Supermusic. Zwei Jahre später endlich erschien "Knowing Everyone's Ok", das erste Album des englischen Triplets. Doch –klingt komisch, ist aber so– nicht in England. Stattdessen kamen Freunde der alternativen Musik in ganz Deutschland, Österreich, Finnland, Australien, auf den Phillipinen und in der Schweiz in den Genuss der Insulaner - und wussten zu schätzen, was man ihnen bot. Belasco wurden europaweit Stammgast in den Playlists diversester Radiostationen und das Fernsehen gab der Gruppe ein Gesicht. 2003 entging es selbst den Engländern nicht mehr, was ihre Landeszöglinge bereits –auch ohne sie– auf die Beine gestellt hatten. Belasco entschloss sich, die Briten mit "15 Seconds" zu verzücken - und tatsächlich. Plattenfirmen rissen sich um die Band, welche sich letztlich Keith Wozencroft schnappte, der bereits Größen, wirklich große Größen, wie Radiohead und Coldplay gesigned und auf den richtigen Weg gebracht hatte. Die britische Zeitschrift "Rocksound" stimmte in den allgegenwärtigen Jubel ein und überschüttet die Band mit Lob: "When it comes to real British songwriting talent at the moment, London based three-piece Belasco are top of the list."

So gelungen die Texte auch sein mögen, bei der Namensfindung hingegen zeigte man sich wenig kreativ: "Belasco" will nicht meckern, nicht provozieren, nicht verzaubern - bedeutet nichts. Ganz anders die Songs der Band.

"Chloroform" eröffnet das Werk und feuert gleich aus allen Löchern. Die Tragik des Songs kommt jedoch erst dann zur Geltung, wenn man weiß, was die in ihm besungene Flüssigkeit überhaupt kann. Ihre Dämpfe benebeln die Sinne, rufen Ohnmacht hervor und machen resistent gegen jede Art von Schmerz. Früher als Narkosemittel eingesetzt ist man sich nun einer toxischen Wirkung auf, ja, das Herz bewusst. Genau das scheint auch die Dame im Song zu wissen: "Thought she was the most important person in the world/ dressed him up in chloroform he hasn't said a word […] She's got 15 ways to run around and make him cry/ and he's got 15 ways to wander round and wonder why." Fängt ja gut an.

Weniger gut geht es mit dem verliebt-verstörten "Something Between Us” in die zweite Runde: "You know/ there's something between us/ and fall/ cursed by your memories/ that never ever, ever fade away. […] Asked you to dance/ to my favourite song/ should've known/ it couldn't last long." Und ehe man sich versieht, schlägt die Stimmung innerhalb von Sekunden um: "And burn/ burn like the bitch that you are/ you know that you pushed it too far.", na huch.

Über ein großartiges "15 Seconds” und den (melodisch stark an Travis’ "Pipe Dreams" erinnernden) "Hunter’s Song" gelangt man zu "I Know", dem siebten und unheimlich glanzvollen Track der Platte. Sänger Brownlow erweist sich erneut als recht wankelmütig und überzeugt uns weniger mit Beständigkeit als mit seiner Stimme und viel Gefühl. Denn wo es zuerst noch heißt, seine Auserwählte könne ihn jederzeit schwach werden lassen, hört sich ein paar Takte später ganz anders an: "Just give us all we want/ and all we want is love […] I know you can't bring me down/ and I know you live far away […] And I know you won't bring me down/ I want you far away." Vielleicht auch besser so, denn Frauen können Biester sein.

Auf zu Song zehn: "Someone Inside" ist ein kurzer Spaß, aber auch ein schöner. Auf gerade mal 2 Minuten 17 Sekunden sagen die drei Briten "Everyone needs someone inside." – und damit eigentlich alles… Moment: wirklich alles? Nein! Denn kurz bevor sich "Something Between Us" seinem wohl verdienten Ende entgegen neigt, holt man nach "In The Garden" ungeniert ein letztes Mal zum Rundumschlag aus. "Mask" reißt textlich auch den letzten Zweifler vom Hocker und berührt genau dort, wo es herkommt. "I've never ever, ever been free/ never ever, ever been me/ what's inside I decide/ 'cause I deceive." Wer bei dieser schier unendlich traurigen Nummer genau hinhört, den überkommt ein unangenehm beklemmendes Gefühl: "'Cause I'm moving on up/ got to find a better place/ got my head in my hands/ 'cause i can't show face." Und wir wünschen dem inzwischen lieb gewonnen Tim Brownlow nichts mehr, als dass er endlich (zu) sich selbst finden möge.

Belasco haben spätestens jetzt zum Höhenflug angesetzt. Bleibt nur noch eine Frage offen: Wieso Best Of? Soll es das etwa für die Band gewesen sein? Es wäre wirklich schade drum.

Anspieltipps:
"Chloroform”
"Something Between Us”
"15 Seconds”
"I Know”
"Mask”

Tracks

1.Chloroform
2.Something Between Us
3.15 Seconds
4.Boy On A Bus
5.The Hunters Song
6.Walk The Moon
7.I Know
8.Summer
9.Little White Sharks
10.Someone Inside
11.In The Garden
12.Mask (Bonus Track)

Aljana Pellny - myFanbase
20.03.2006

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