Bewertung
Zola Jesus

Stridulum II

So jung, und schon so desillusioniert. Trotz ihrer erst 21 Jahre erweckt Nika Roza Danilova auf "Stridulum II", ihrer ersten Veröffentlichung auf dem europäischen Markt, den Eindruck, als sei ihr in ihrem Leben bislang noch nichts Gutes widerfahren. Für Zartbesaitete gilt daher: Sicherheitshalber einen großen Bogen um die vertonte Schwarzmalerei der unter dem Künstlernamen Zola Jesus agierenden Musikerin machen!

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Wozu die russischen Wurzeln verleugnen, dachte sich das mittlerweile ins sonnige L.A. übersiedelte Nachwuchstalent wohl beim Ausbrüten ihres düsteren Liedgutes und schuf so ein zutiefst verstörendes Album, das in etwa gleich viel Wärme ausstrahlt wie ein sibirischer Winter. Gänsehaut und ein den Rücken hinunterlaufender kalter Schauer wechseln einander ab, wenn man sich erstmals die passenderweise mit Titeln wie "Night" und "Lightsick" versehenen Stücke zu Gemüte führt. Was die Atmosphäre betrifft, steht Zola Jesus somit ihrer kongenialen Partnerin für die bevorstehende Europatournee, Karin "Fever Ray" Dreijer Andersson, in nichts nach. Einzig in Sachen Stimme gehen die beiden strikt getrennte Wege: Während die nordische Electronic-Koryphäe ihren Gesang mit Vorliebe effektvoll verzerrt, verzichtet die gelernte Opernsängerin Danilova auf derartige Spielereien und setzt stattdessen auf eine ebenso glasklare wie eindringliche Vokaldarbietung.

Die zentrale Frage, die sich einem beim Erstkontakt mit "Stridulum II" unweigerlich stellt, ist, wer oder was genau sich nun eigentlich hinter dem Namen Zola Jesus verbirgt und hier sein musikalisches Unwesen treibt? Auf dem Albumcover bis zur Unkenntlichkeit entstellt, kann man zunächst nur Vermutungen anstellen über die furchteinflößende Kreatur, die sich laut eigenen Angaben auf einem Bett aus Steinen auszuruhen pflegt und auf deren Zunge ein grimmiges Feuer lodert. Das schaurige Gesäusel, das gleich zu Beginn des Openers erklingt und in weiterer Folge zu gellendem Geschrei anschwillt, bestärkt den verstörenden ersten Eindruck und lässt keinen Zweifel an Danilovas Mission, der Hörerschaft mit ihrer Musik bitterböse Albträume in den Kopf zu pflanzen. Mit trügerischen Lockrufen ("Come on close, close to me! 'Cause at the end of the night, we'll be together again. ") und heuchlerischen Durchhalteparolen ("I told you to trust me! I know you're afraid, but I'm here. ") zieht sie einen immer tiefer in ihren dunklen Bann, bis es schließlich kein Entkommen mehr gibt.

Wer gehofft hat, in Giulio Paradisis 1979er-Kultstreifen "Stridulum" eine Antwort auf die Frage nach dem wahren Gesicht von Zola Jesus zu finden, wird leider enttäuscht. Zwar diente der ambitionierte Science-Fiction-Klassiker im Zeichen des immerwährenden Kampfes zwischen Gut und Böse als wichtige Inspirationsquelle für das gleichnamige Album, dennoch verrät er nichts Genaueres über das Ungetüm, welches sich spätestens im Titeltrack sowie bei "Manifest Destiny" in vollem Ausmaß vor dem geistigen Auge aufbäumt. Hallende Synthies verschmelzen hier mit Danilovas imposantem Gesang zu einem bedrohlichen Klanggewitter, bei dem sich einem jedes noch so kleine Nackenhärchen sträubt. Soviel steht fest: Auf Seiten der Guten braucht man die Künstlerin gar nicht erst zu suchen.

Hat man gegen Ende die Hoffnung beinahe schon aufgegeben, das Geheimnis um die Identität der perfiden Unheilbotin zu lüften, gibt sich Zola Jesus im Ausnahmestück "Sea Talk" doch noch zu erkennen. Eine Sirene ist es, die hier mit ihrem unwiderstehlichen Gesang reihenweise ahnungslose Hörer ins Verderben stürzt. Fatalerweise kommt diese Erleuchtung etwas zu spät: Sobald nämlich die ersten Töne der abschließenden Klavierballade "Lightsick" erklingen, ist das Schicksal bereits besiegelt. "When the lights go out on us" ertönt es abschließend aus dem Mund Danilovas, während sie mit der einen Hand unermüdlich in die Tasten haut und mit der anderen im selben Rhythmus Sargnägel in die letzte Ruhestätte ihrer Opfer hämmert. Ein Happy End gibt es nicht, denn "Stridulum II" endet so, wie es begonnen hat: Zappenduster. Stockfinster. Kohlrabenschwarz.

Fazit

Einst zog ein junges Mädchen (künstler)namens Zola Jesus aus, um der ganzen Welt mit ihrer schaurig-schönen Musik das Fürchten zu lehren. Auch wenn der Großteil des Weges erst noch vor ihr liegt, so hat sich eines jetzt schon herauskristallisiert: Die eingeschlagene Richtung ist goldrichtig. Reinhören lohnt sich - auf eigene Gefahr, wohlgemerkt.

Anspieltipps

Night

Manifest Destiny

Sea Talk

Lightsick

Hörprobe

Hört euch alle Lieder von "Stridulum II" an. Hier geht es zur Hörprobe.

Artistpages

ZolaJesus.com

MySpace-Profil

Tracks

1.Night
2.Trust Me
3.I Can't Stand
4.Stridulum
5.Run Me Out
6.Manifest Destiny
7.Tower
8.Sea Talk
9.Lightsick

Willi S. - myFanbase
15.09.2010

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