Bewertung
Fitzek, Sebastian

Der Nachbar

Foto: "Der Nachbar" von Sebastian Fitzek
"Der Nachbar" von Sebastian Fitzek

Inhalt

Sarah Wolff ist Strafverteidigerin. Ihr Leben wurde schon früh mit einem schweren und prägenden Schicksalsschlag gelenkt, der sie seither begleitet. Mit ihrem Mann Ralph führt sie seit einigen Jahren eine gute Ehe und die beiden sind stolze Eltern von Tochter Ruby. Sarah leidet allerdings unter Monophobie, Angst vor der Einsamkeit. Viele Jahre später findet sie heraus, dass ihr Mann fremde Babys mit Säure vergiftet hat, sodass sie ihn mit einer belastenden Aussage vor Gericht für mehrere Jahre ins Gefängnis bringt, und mit Tochter Ruby in ein schönes Haus nach Berlin zieht. Sarah muss aber schon bald feststellen, dass etwas nicht stimmt. Sie entwickelt den Verdacht, dass sie beobachtet, regelrecht gestalkt wird und offensichtlich einen unsichtbaren Nachbarn hat, der ihr ungefragt hilft. Die Situation verschlimmert sich jedoch, als Sarah die Polizei einschaltet und Dinge aus Sarahs Kindheitstagen zum Vorschein kommen, welche nicht nur ihr eigenes Leben gefährden, sondern auch das aller, die ihr wichtig sind.

Kritik

Wir haben das Jahr 2026 und je älter man wird, desto schneller scheint die Zeit zu vergehen. Mittlerweile sind nämlich 20 Jahre vergangen, seit mit "Die Therapie" das Erstlingswerk von Bestsellerautor Sebastian Fitzek zunächst als kleine Auflage in den Buchläden erschienen ist. Es hat nicht lange gedauert, bis die Bücher vergriffen waren, weitere Auflagen bestellt werden und Fitzek wurde zu einem der bekanntesten und beliebtesten Autoren Deutschlands, der pro Jahr ein neues Buch veröffentlicht, welches eben auf den Bestsellerlisten ganz weit nach oben klettert. Sein Markenzeichen dabei sind nicht nur kurze Kapitel. Es sind auch Themen, bei denen man sich des Öfteren mal fragt, wie man sich so etwas nur einfallen lassen kann. Sebastian Fitzek sagte mal, dass ihm die Themen draußen im Leben und in der Gesellschaft begegnen und dass er sich mit den Abgründen der menschlichen Seele befassen würde. Bis zu diesem Buch würde ich dem sogar voll und ganz zustimmen. Allerdings gab es bei diesem Buch einige Stellen und ganze Kapitel, bei denen ich sagen muss, dass es manchmal too much war. Der Autor ist eben auch dafür bekannt, mit überraschenden Wendungen zu arbeiten und zu spielen, sodass man als lesende Person am Ende erstaunt über die Auflösung ist, obwohl man nicht mit all seinen Vermutungen falsch lag. Ich muss aber auch sagen, dass sich nicht nur die Fernsehlandschaft verändert hat. Auch der Inhalt sowie die Thematik mancher Bücher. Bei "Der Nachbar" empfand ich es sehr ähnlich und mir fällt es ehrlich gesagt schwer, es in einem positiven Licht zu sehen. Aber fangen wir von vorne an.

Ich mag die Fitzek-Bücher besonders wegen der kurzen Kapitel, die aber jedes Mal so enden, dass man aufgrund der Spannung und des Cliffhangers automatisch weiterlesen muss. Ein weiterer Grund ist auch immer, dass es ihm auch mit wenigen Worten gelingt, eine fast bedrückende wie bedrohliche Spannung zu erzeugen, in die man reingezogen wird. Und mir gefällt noch wahnsinnig gut, dass die Story von verschiedenen Figuren erzählt wird und man verschiedene Puzzleteile hat, die am Ende ein Ganzes entstehen lassen. Bei "Der Nachbar" hatte ich bei etwa der Hälfte des Buches das Gefühl, Fitzek hätte auch noch ein paar Puzzleteile dazu gelegt, die absolut nicht ins Endbild passen, irgendwie aber passend gemacht worden sind. Dabei fing die Geschichte so spannend an und ich habe mich fast schon auf einen Charakter eingeschossen bzw. hatte ich schon eine Theorie, wer der Nachbar ist, und der wahrscheinlich realistischer gewesen wäre, als das, was besonders in den finalen Kapiteln geboten wurde.

Sarah Wolff war in diesem Buch eine weitere Protagonistin, die mit ihren Dämonen zu kämpfen hatte, allerdings fand ich es etwas arg wenig, was ihre Monophobie angeht. Auch war Sarah jemand, der mich besonders in der zweiten Hälfte immer mehr getriggert hat, weil sie so unnahbar, aber auch emotional unbeholfen für mich herüberkam. Ihr Schicksal mit ihrem kleinen Bruder hat mich berührt und ich hätte mir gewünscht, man hätte mehr daraus gemacht, da es ein Trauma war, was man hätte besser einfließen lassen können.

Als die Buch-Thematik einige Monate vor dem eigentlichen Erscheinen bekannt wurde, konnte ich mir nichts darunter vorstellen, allerdings war ich auch gespannt, da es in der Vergangenheit schon einige Titel gab, mit denen ich rein vom Namen her nichts oder wenig anfangen konnte. Beim Lesen wurde nach und nach klar, dass es diesmal um Stalking geht, ein gesellschaftliches Thema, welches viele Gesichter hat. Ähnlich viele Theorien zum Täter hatte ich, von der jedoch keine eingetroffen ist, dabei gab es viele Möglichkeiten und Anspielungen. Besonders bei den Anspielungen und Andeutungen fühlte ich mich immer mehr vor den Kopf gestoßen. So zum Beispiel Sarahs Freundin Marion, die in den letzten Kapiteln nur noch ein oder zwei Mal erwähnt wird, aber eigentlich eine wichtige Rolle spielt und sogar eine Verbindung zu Sarahs Exfreund Heiko hat, die aber nicht weiter aufgeklärt, sondern nur abgehakt wurde. Ebenso wie der Tod von Sarahs Bruder der nur am Rande eine Rolle spielte, dabei wäre es viel spannender gewesen, wenn Sebastian Fitzek es mehr eingebunden hätte.

Enttäuscht bin ich aber vielmehr über das Buchende an sich und die Auflösung. Sebastian Fitzek ist durchaus für seine Wendungen bekannt, die einen dann (eigentlich) fasziniert zurücklassen. Man kann sich allerdings auch so oft drehen, dass einem schwindlig wird. Ähnlich ging es mir. Die Wendungen haben mir zwar nicht viel ausgemacht, wenn ich auch nur noch fünf Kapitel vor mir habe, weiß ich: Eine Wendung, mit der ich nicht gerechnet habe, kommt mit Sicherheit noch. Mich stößt eher jetzt noch die Auflösung auf, die ich zwar auch nicht kommen sah, ich sie aber auch nicht als besonders gelungen bezeichnen würde. Quasi hat Fitzek zwei wichtige und populäre Themen im Buch untergebracht, die eigentlich auch wie Puzzleteile ineinanderpassen, für mich jedoch nicht funktioniert haben. Bei der Auflösung wurde auch eine psychische Erkrankung angesprochen, aus deren Muster man nicht einfach ausbrechen kann. Gepaart mit dem, wofür Fitzek seit Jahren steht, wurde aus den letzten Kapiteln etwas Unrealistisches geschaffen, weil die Puzzleteile nicht zusammenpassen wollten, man sie aber fast gewaltsam passend gemacht hat. Vielleicht liegt es auch daran, weil Sebastian Fitzek unterschiedliche Erwartungen erfüllen wollte, die sich jedoch nicht mit dem Genre vereinen lassen bzw. ließen.

Fazit

Ich würde "Der Nachbar" gerne besser bewerten, als ich es letztlich tun werde. Die ersten ca. 150 Seiten habe ich fast in einem Rutsch durchgelesen, weil ich es faszinierend und spannend fand, was ich zu lesen bekam. Die zweite Hälfte des Buches flachte dann aber sehr ab, sodass es sich hingezogen hat und ich das Gefühl bekam, man zieht es absichtlich in die Länge, damit das Buch dicker wird. Sehr schade. Ich hoffe, das nächste wird besser.

Zum großen "Sebastian Fitzek"-Special auf myFanbase

Daniela S. - myFanbase
26.03.2026

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