Bewertung: 8
Schoder, Sabine

Liebe ist was für Idioten. Wie mich.

"Jays Augen verwandeln sich in ein Meer bei Nacht, in dessen Wellen Feuerwerk sprüht und Übermut auf der Gischt reitet."

Foto: Copyright: S. Fischer Verlag GmbH
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Inhalt

Vikis siebzehnter Geburtstag mündet in einem Desaster. Lust auf Party hat sie keine. Viki lässt sich trotzdem in einen Club mitschleppen und vom Geburtstagsjoint der Freunde berauschen. Gar nicht übel! Stunden später wacht sie neben einem verkaterten Blondschopf auf, der sie in die ernüchternde Realität zurückbefördert. Ganz übel! Denn Viki hat ausgerechnet mit Jay Feretty geschlafen, dem Rocksänger – okay, seit gestern Ex-Sänger – der Schulband "Major Malfunction". Der nächtliche Blackout müsste eigentlich ein Trost für Viki sein. Sie konnte den coolen Möchtegerncasanova der Schule sowieso nie leiden. Dennoch steht ihr ohnehin schon problematisches Leben endgültig über Kopf, als ihre beste Freundin Mel sie mit Infos der fatalen Clubnacht versorgt und Jay sich wenig später bei ihr meldet. Jay geht Viki nicht mehr aus dem Kopf und stellt sie bald vor etliche Rätsel. Von nun heißt es: Stress zu Hause. Stress in der Schule. Stress mit dem eigenen Herzen. Fiebrige Küsse mit Jay Feretty.

Kritik

Schwarzes Haar, schwarze Kleidung, schwarze Zimmerwände. Man könnte meinen, im Vergleich zum bunt gestalteten Buchstabencover fällt die siebzehnjährige Ich-Erzählerin Viktoria Stein in Sabine Schoders Jugendroman "Liebe ist was für Idioten. Wie mich." schon recht eintönig aus. Natürlich in Bezug auf die äußere Erscheinung! Denn für das selbst ernannte Nicht-Gothic-Girl ist das Leben schon lange schwarz, nicht bunt. Die Mutter starb vor Jahren an Lungenkrebs, der Vater mutierte zum pflichtlosen Alkoholiker und der Abiturstress bildet ebenfalls keinen tröstenden Lichtfunken am Ende des Geburtstagsjoints. Die Kapitelüberschrift "Wie viel muss ich rauchen, um dich zu mögen?" führt uns direkt ins künftige Gefühlschaos mit Suchtfaktor. Erst berauscht die Droge, dann der Rockstar, gefolgt von einem Blackout und der Frage: Was ist plötzlich los mit Schulcasanova Jay Feretty?

Eigentlich erzählt uns Sabine Schoder in ihrem Debüt nichts Neues: Ein Mädchen verliebt sich ausgerechnet in den Jungen, den sie eigentlich nie leiden konnte. Besagter Junge sieht logischerweise hot aus und ist der Ex-Leadsänger der Schulband "Major Malfunktion" – man stelle ihn sich ein bisschen wie Max aus der deutschen Musikkomödie "Systemfehler - Wenn Inge tanzt" vor, nur in blond. Klar, dass Viki bei einem derartigen Egomanen, Weiberhelden und Wichtigtuer bisher stets die Augen verdrehte und es bei dem bekifften One-Night-Stand belassen möchte - bis Viki schließlich erkennen muss, dass sie eine Idiotin ist, die sich bedingungslos in einen rauchenden Architektensohn verliebt hat. Natürlich müssen einige Probleme bewältigt und Rätsel gelöst werden. Infolgedessen erweist sich das Geheimnis um Jays jähen Bandausstieg nicht unbedingt als das große Überraschungsei.

Warum also sollte man "Liebe ist was für Idioten. Wie mich." überhaupt lesen? Ganz einfach, weil die Geschichte zum Buchtitel passt! Sie ist frech, überraschend anders und tiefsinniger als gedacht. Obwohl Grundgerüst und Charaktere eigentlich nach Schmalz und Klischee schreien, fußt die Story auf einem angenehm kitschfreien Boden. In einer Stadt, die keinen Namen hat, bewegen wir uns durch verrauchte Clubs, miefige U-Bahn-Stationen und Vikis vernachlässigtes Zuhause. Wir begleiten ein Mädchen, das ein wenig überzeichnet wirkt, wenn die Wut über die Angst siegt und die Sehnsucht nach Nähe über den Verstand. Das Gegengewicht dazu bildet Jay mit seiner heilen Familie, einem Whirlpool unter dem elterlichen Dach und seiner teils unnahbaren, direkten und fürsorglichen Art.

Bereits im schemenhaft skizzierten Prolog lockt die Buchstabensucht. Die erste Szene gleicht zunächst einem bizarren Traum, dessen Bedeutung man erst später einzuordnen vermag. Kapitel um Kapitel fasziniert nun Vikis schwarzer Humor, in Form von bissigen Dialogen und sarkastischen Gedanken. Mit ihrer schnodderigen Antihaltung erinnert sie mitunter an Kat aus der US-Komödie "10 Dinge, die ich an dir hasse" – um bei Filmvergleichen zu bleiben. Die prägnante, bildhafte und kreative Handschrift der Autorin verpasst der reifenden Erzählerin indes eine besondere Note. Vergessene Hausaufgaben, unerbittliche Lehrer und erste Danach-Begegnungen mit Jay werden so zum Pageturnervergnügen. Zugleich liegt eine Schwere in der Luft, die Raum für ernste Themen wie Trauer, Drogenmissbrauch und erste Enttäuschungen lässt. Es wird sinnlich, wenn sich Viki an Jay betrinkt, bedrohlich, wenn der betrunkene Vater an die verriegelte Zimmertür klopft, witzig-süß, wenn die Weihnachtsgeschenke ausgepackt werden und dramatisch, wenn eine (un)geahnte Wendung das Glück gefährdet.

Das Ende ist dann vielleicht nicht ganz perfekt. Doch wie im gesamten Roman zeigt die Autorin auch hier, dass die Würze zuweilen in der Kürze liegt. Das Kopfkino wird durch plastische wie bündige Beschreibungen aktiviert. Einerseits ist die Lösung einfach. Andererseits sind es gerade die im Roman überwiegend straff geformten Nebenfiguren und Begegnungen, die das Tempo beschleunigen und zudem ein effektvolles Bild vermitteln. Schwierig hingegen entwickelt sich die recht brutale Vater-/Tochterbeziehung, die im Ganzen gerne einen Tick komplexer hätte ausfallen dürfen. Vikis aggressive Abwehrhaltung in einigen Herzinfarktmomenten ist ebenfalls nicht zum Nachahmen empfohlen. Was dann die Themen Sex, Drogen und Rockmusik betrifft: Vorzeigeteenager sind Viki und Jay keineswegs. Dafür werden die jugendlichen Sünden zielgruppengerecht thematisiert und empirisch hinterfragt. Wie im wahren Leben wachsen die Buchcharaktere durch Erfahrungen, Fehler und Niederlagen. Top!

Fazit

Dieses Buch ist was für Bibliomanen wie dich, wenn du freche, temporeiche und süchtig machende Liebesgeschichten magst. Dabei muss die Grundidee nicht innovativ sein und die (wortwörtlich) schlagfertige Hauptprotagonistin ebenso wenig perfekt wie manch "überraschende" Wendungen. Du lehnst dich entspannt zurück, genießt die berauschenden Worte und findest gemeinsam mit Ich-Erzählerin Viki heraus, dass das Leben nicht nur schwarz sein muss, sondern im Moment auch bunt sein kann, ganz gleich, wie düster die Aussichten manchmal sein mögen. Insgesamt ist dies ein gelungenes Debüt, in dem aus Sünde durchaus Liebe werden kann – zielgruppengerecht thematisiert.

Doreen B. - myFanbase
27.08.2015

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